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Der Hula-Fall veranschaulicht die Rückständigkeit der westlichen Geheimdienste in Syrien

Da der Westen niemals Unrecht hat, ist es unwahrscheinlich, dass er anerkennt sich bei den Hula-Massakern geirrt zu haben. Aber das wichtige ist nicht zu erfahren, ob er das falsche Bild, das seine Propaganda über Syrien produziert, korrigieren wird oder nicht. Das wichtigste ist die Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen der NATO und der SCO. Der Fall von Hula zeigt allerdings, dass der Westen nicht in der Lage ist zu wissen was passiert ist, während dem russischen Geheimdienst in dem Land nichts entgeht.

| Damaskus (Syrien)
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108 Körper wurden von dem freien "Syrischen" Militär [1] in einer Moschee in Hula ausgestellt. Laut den Rebellen waren es die Überreste von Zivilisten, die durch regierungstreue, als "Shabbihas" bezeichnete Milizen, am 25. Mai 2012 ermordet wurden.

Die syrische Regierung erschien durch diese Neuigkeiten völlig destabilisiert. Sie verurteilte sofort die Morde, die sie der bewaffneten Opposition zuschrieb.

Während die nationale Nachrichtenagentur SANA Details mit Sicherheit nicht geben konnte, veröffentlichte die syrische katholische Nachrichtenagentur, Vox Clamantis, unverzüglich einen Tatbestand über einen Teil der Ereignisse und beschuldigte offiziell die Opposition [2]. Fünf Tage später veröffentlichte der russische Sender von kontinuierlichen Informationen Rossiya 24 (Ex-Vesti) einen sehr ausführlichen Bericht von 45 Minuten, der bis zum heutigen Tag die detaillierteste öffentliche Untersuchung darstellt [3]

Die westlichen Staaten und die des Golfs, die an einer "Änderung des Regimes" in Syrien arbeiten und die die Opposition als privilegierten Gesprächspartner bereits anerkannten, haben die Version der Ereignisse von der freien „syrischen“ Armee aufgenommen, ohne auf den Bericht der Mission der Vereinten Nationen (UNSMIS) zu warten. Als Strafe haben die meisten von ihnen eine Maßnahme für den Fall vorbereitet: die Ausweisung der syrischen Botschafter ihrer jeweiligen Länder. Diese politische Maßnahme stellt keinen Bruch der diplomatischen Beziehungen dar, da der Rest des akkreditierten syrischen diplomatischen Personals vor Ort verbleibt.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedete eine Präsidentschafts-Anweisung, die das Massaker verurteilt, ohne die Schuldigen zu erwähnen. Sie erinnerte auch die syrische Regierung an ihre Verantwortung, nämlich den Schutz ihrer Bevölkerung mit angemessenen Mitteln, d. h. ohne schwere Waffen zu gewährleisten  [4].

Dagegen berichtete der Hohe Kommissar für Menschenrechte, Navi Pillay, über die Vorwürfe, die die syrischen Behörden beschuldigen und beantragte, dass der Fall dem internationalen Strafgerichtshof übertragen werden sollte.

Der französische Präsident François Hollande und sein Außenminister Laurent Fabius drückten ihre Absicht aus, Russland und China zu überzeugen, eine Resolution des Sicherheitsrates, die die Anwendung von Gewalt erlauben sollte, nicht zu blockieren. Unterdessen beschuldigt die französische Presse Russland und China ein verbrecherisches Regime zu schützen.

Als Reaktion auf diese Behauptungen bedauert der russische stellvertretende Minister für auswärtige Angelegenheiten, Andrei Wladimirowitsch Denissow, dass die französische Position eine "einfache emotionale Reaktion" ohne jegliche Analyse sei. Er stellte fest, dass die konstante Position seines Landes in diesem Fall, wie auch in anderen, darin bestehe, nicht eine Regierung, sondern ein Volk zu unterstützen (es wird davon ausgegangen, dass das syrische Volk Präsident al–Assad in dem letzten Verfassungsreferendum unterstützte).

Auf Antrag der Regierung in Damaskus begab sich die Beobachtermission der Vereinten Nationen vor Ort. Sie wurde von der Opposition, die das Gebiet kontrolliert, begrüßt und war in der Lage, verschiedene Sachaufklärung für die Vorbereitung ihres Fortschrittsberichts zu erledigen.

Auf einer Pressekonferenz für häuslichen Gebrauch hat der Präsident der syrischen Kommission über das Massaker eine kurze Pressemitteilung gelesen, welche die ersten Elemente der laufenden Untersuchung enthüllte. Ihm zufolge wurde das Massaker von der Opposition zusammen mit einer militärischen Operation der freien „syrischen“ Armee im Bereich verübt.

Mit dem Bewusstsein, der Bericht der Beobachtermission der Vereinten Nationen könne sich gegen sie wenden, hat der Westen eine Untersuchungskommission des Rates für Menschenrechte in Genf aufstellen lassen, die er beherrscht. Diese könnte schnell einen Bericht erstatten, um ihre Version durchzusetzen, bevor die Wahlbeobachtungsmission ihre eigenen Feststellungen macht.

Wie kann man erfahren was in Hula geschah ?

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Sofort und ohne Untersuchung machten die Nachrichtenagenturen und die westlichen Botschaften die syrische Regierung für die Ermordung verantwortlich.

Zwei prinzipielle Hindernisse störten die Untersuchungsbeamten: die syrische Regierung hat die Kontrolle über Hula seit mehreren Wochen verloren. Die syrischen Richter können sich daher nicht an Ort und Stelle begeben und falls es Journalisten gelingen sollte, dann könnte es nur mit Zustimmung und unter Aufsicht der freien „syrischen“ Armee sein. Es gibt jedoch eine Ausnahme: einem Team von Rossiya 24, des russischen kontinuierlichen News Channel, ist es gelungen, sich im Bereich ohne Begleitung zu bewegen und einen sehr ausführlichen Bericht zu erstatten.

Die syrische offizielle Kommission versichert, Beweise gesammelt zu haben, aber sagte, dass sie es für die Presse erst dann freigeben würde, wenn der endgültige Bericht erstellt sei. Bis dahin ist die Identität dieser Zeugen durch die Geheimhaltung der Fahndung geschützt. Das öffentliche Fernsehen hat allerdings mehrere Zeugenaussagen am 1. Juni ausgestrahlt.

Die Ermittler haben auch Videos, die ausschließlich von der freien „syrischen“ Armee zur Verfügung gestellt wurden.

Schließlich hatte die freie „syrische“ Armee die Körper in einer Moschee gesammelt und schon die Bestattungen am nächsten Tag begonnen, wodurch es für die Beobachter der Vereinten Nationen nicht möglich war, gerichtsmedizinische Feststellungen der zahlreichen Überreste zu unternehmen.

Die Schlüsse des Voltaire Netzwerks:

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Die Opfer des Massakers von Hula

Hula ist keine Stadt, sondern ein Verwaltungsbereich von drei Orten von jeweils ca. 25.000 Personen, heute weitgehend von der Bevölkerung verlassen. Die sunnitische Stadt Tal Daw war seit mehreren Wochen unter Kontrolle der Rebellen. Die freie „syrische“ Armee hatte ihr ihre Rechtsvorschriften auferlegt. Die nationale Armee sicherte die Verkehrswege ab, indem sie mehrere Positionen im Bereich des Straßenverkehrs innehatte, ohne sich aber von den Straßen zu entfernen.

Leute haben Kinder entführt und vergeblich versucht, Lösegeld zu erpressen [5]. Letztendlich wurden diese Kinder ein paar Tage vor dem Massaker von Hula getötet, aber ihre Körper wurden durch die freie „syrische" Armee herbeigebracht und mit anderen ausgestellt.

Am Abend des 24. Mai hat die freie „syrische“ Armee eine große Operation gestartet, um ihre Kontrolle über das Gebiet zu stärken und aus Tal Daw ihre neue Basis zu machen. Um dies zu tun, versammelten sich in Rastan und Saan 600 bis 800 Kämpfer aus mehr oder weniger entfernten Bezirken und begannen dann gleichzeitig militärische Positionen anzugreifen. Während dieser Zeit befestigte eine Gruppe die Stadt Tal Daw durch Installation von fünf Batterien von Panzerabwehrraketen und „reinigte“ die Bevölkerung durch Beseitigung von einigen Einwohnern.

Die ersten Opfer in Tel Daw waren 10 Personen, alle mit Abd Al - Muty Mashlab verwandt – einem Mitglied der neu gewählten Vertreter der Baath-Partei, der Generalsekretär der Nationalversammlung wurde; dann die Familie eines leitenden Beamten, Mouawyya al-Sayyed. Andere Opfer wurden Familien sunnitischen Ursprungs, die Schiiten geworden sind. Unter den Opfern befinden sich die Familien von zwei Journalisten von Top-News und New Orient News, Presse Agenturen, die Mitglied vom Netzwerk Voltaire sind. Mehrere Personen, einschließlich Kinder, wurden vergewaltigt, bevor sie getötet wurden.

Da nur eine der Positionen der Nationalen Armee gefallen war, haben die Angreifer ihre Strategie geändert. Sie haben ihre militärische Niederlage in eine Kommunikationsoperation verwandelt. Sie haben das Al-Watani Krankenhaus angegriffen und dann in Brand steckten. Sie transportierten Körper, die sie dort in der Leichenhalle des Krankenhauses gefunden haben, und verschiedene andere Opfer in die Moschee, wo sie sie gefilmt haben [man denke an Timisoara in Rumänien AnmdÜ].

Die Theorie eines einmaligen, von regierungstreuen Milizen begangen Massakers, ist nicht haltbar. Es hat sowohl Kämpfe zwischen Loyalisten und Rebellen, als auch mehrere Massaker von regierungstreuen Zivilisten durch Rebellen gegeben. Dann wurde von der freien „syrischen" Armee eine Inszenierung durch Mischen von Kadavern von unterschiedlicher Herkunft aufgebaut, die Todesfällen entsprechen, die während mehreren Tagen organisiert wurden.

Darüber hinaus ist die Existenz der "Shabbihas" ein Mythos. Es gibt sicherlich regierungsfreundliche Einzelpersonen, die sich bewaffnet und Vergeltung verübt haben, aber es gibt keine Struktur, keine organisierte Gruppe, die als eine wirkliche regierungstreue Miliz charakterisiert werden kann.

Politische und diplomatische Auswirkungen

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Die Botschafterin von Syrien: Lamia Chakkour.

Die Ausweisung der syrischen Botschafter von den westlichen Staaten ist im Voraus vorbereitet, koordiniert worden. Der Westen wartete auf ein Massaker dieser Art um es auszubeuten. Er ignorierte die zahlreichen früheren Massaker, weil er wusste, dass sie von der freien „syrischen" Armee begangen wurden, und er benützte dieses Massaker im Glauben, es wäre von regierungstreuen Milizen begangen worden.

Die Idee der koordinierten Abschiebung wurde nicht in Paris, sondern in Washington entwickelt. Paris hatte im Prinzip seine Zustimmung gegeben, ohne Rücksicht auf die rechtlichen Folgen. In der Praxis ist Lamia Chakkour auch Botschafterin von Syrien in der UNESCO, also kann sie nicht aus dem französischen Hoheitsgebiet ausgewiesen werden, wo sich ihr Sitz befindet. Und selbst wenn sie nicht mehr bei der UNESCO akkreditiert wäre, könnte sie nicht abgeschoben werden, weil sie die doppelte französisch-syrische Staatsbürgerschaft besitzt.

Die Ausweisungen wurden von Washington koordiniert, um die Illusion einer breiten Bewegung vorzutäuschen, um Druck auf Russland auszuüben. In der Tat versuchen die Vereinigten Staaten das neue internationale Kraftverhältnis zu testen, die russischen Reaktionen abzuschätzen und zu erfahren, wie weit sie gehen können.

Allerdings ist die Wahl des Massakers von Hula ein taktischer Fehler. Washington hat diese Angelegenheit ergriffen, ohne Prüfung der Angaben und da es dachte, niemand könne es überprüfen. Dies heißt, man vergaß, dass seit ein paar Monaten Moskau das Land investiert hatte. Mehr als 100.000 Russen befinden sich derzeit in Syrien. Sie haben natürlich nicht nur ein High-Tech Schutzsystem bereitgestellt um die NATO zu entmutigen, Syrien zu bombardieren; sie haben auch Einheiten für Nachrichten, einschließlich des Militärs installiert, das in der Lage ist im Rebellen-Gebieten zu arbeiten. In diesem Fall konnte Moskau über den Sachverhalt in wenigen Tagen Aufschluss bekommen. Seine Spezialisten haben es geschafft, die 13 Mitglieder der „freien“ syrischen Armee, die an den Tötungen schuldig waren, zu identifizieren, und sie haben ihre Namen an die syrischen Behörden übergeben. Im vorliegenden Fall ließ Moskau sich nicht beeindrucken, sondern hat seine Position gestärkt.

Für Wladimir Putin zeigt die Tatsache, dass der Westen aus dem Massaker von Hula sein Symbol gemacht hat, dass er die Situation am Boden nicht mehr beherrscht. Nach der Entfernung seiner Offiziere, die am Boden die „freie“ syrische Armee betreuten, hat der Westen nur mehr für weitere Nachrichten seine Drohnen und Satelliten die das Umfeld beobachten, um zu wissen was geschieht. Der Westen wurde für Lügen und Angeberei der Söldner anfällig, die er selber vor Ort geschickt hatte.

Aus Moskaus Sicht ist dieses Massaker nur eine unter vielen Tragödien, die die Syrer seit einem Jahr ertragen. Seine überhastete Instrumentierung durch den Westen zeigt jedoch, dass er noch keine neue kollektive Strategie seit dem Sturz des islamischen Emirats von Baba Amr entwickelt hat. Der Westen tastet sich im Dunklen vorwärts und hat also seinen Vorteil verloren, den ein Schachspieler braucht um zu gewinnen.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] Das Voltaire-Netzwerk hat beschlossen, für die freie syrische Armee das Wort „syrische“ mit Anführungszeichen zu betonen, da diese Miliz zum Großteil aus Ausländern besteht und seine Befehlshaber nicht syrisch sind.

[2] «Fractionnements irréversibles en Syrie ?», Vox Clamantis, 26 mai 2012.

[3] Global Research a traduit en anglais la retranscription d’extraits de cette émission. Voir : “Opposition Terrorists "Killed Families Loyal to the Government"”, Voltaire Network, 1er juin 2012.

[4] « Syrie : que dit le Conseil de sécurité ? », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 28 mai 2012.

[5] Es ist derzeit das wichtigste Sicherheitsproblem im Land. Viele der Schläger, die die Reihen der freien "Syrischen" Armee bildeten, wurden demobilisiert, weil die Fortsetzung der Finanzierung ausfiel. Im Besitz der vom Westen gelieferten Waffen geblieben, liefern sie sich der organisierten Kriminalität, vor allem Entführungen für Lösegeld.

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 

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