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Die NATO unterbricht ihre militärischen Projekte und verstärkt den wirtschaftlichen Krieg gegen Syrien

Während sie bis jetzt das Szenario der militärisch-humanitären Intervention benützte, die ihre Wirksamkeit in Jugoslawien und vor kurzem in Libyen zeigte, muss die Nord-Atlantische Allianz in Syrien ihre Pläne ändern. Von nun ab gilt es, die gleiche Strategie wie im Irak anzuwenden: das Land ohne Rücksicht auf die Bevölkerung in Belagerungszustand zu setzten, um es vor dem nächsten Angriff genügend zu schwächen.

| Damaskus
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Die Staats-Sekretärin Hillary Clinton während des Saban Forums, Washington, am 3. Dezember 2011.

Die NATO ist dabei, ihre Strategie zu korrigieren. Nach acht Monaten Krieg schwacher Intensität und trotz des Eindringens sehr zahlreicher arabischer und Paschtunkämpfer, wurde die syrische Gesellschaft nicht in Teile gerissen. Sicherlich fanden einige konfessionelle Konfrontationen in Deraa, Banyas und Homs statt, aber sie haben sich weder ausgebreitet noch angedauert. Für die Allianz ist es illusorisch zu glauben, rasch einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen zu können, der eine „humanitäre, internationale Operation“ rechtfertigen könnte.

Während sich die ad hoc Militärkoalition in kritischer Lage befindet, wurde dieser Bestand gemacht. Im Krieg gegen Libyen, wurde die Initiative von Frankreich und Großbritannien übernommen. Jedoch zeigte es sich, dass die beiden europäischen Schwergewichte unfähig waren, dafür die nötigen Mittel aufzubringen. Tatsächlich wurden drei Viertel der Kriegsforderungen und finanziellen Mittel vom Pentagon geliefert. Besonders hätte die Entfaltung lückenhafter Mittel zu einem Desaster führen können, wenn Libyen beschlossen hätte, die Schiffe und die Hubschrauber der Allianz anzugreifen [1]. Das Problem ist viel größer mit Syrien, deren Bevölkerung viermal größer ist als die Libyens, und deren Armee durch die vorangegangenen Kriege kampferprobt ist.

Es wurde daher beschlossen, das französisch-britische Tandem zu stärken, indem man ihm Deutschland hinzufügte. Ein Dreiländer Abkommen hätte am 2. Dezember anlässlich des versetzten Geburtstages des Lancaster-House Abkommens [2] verhandelt werden sollen, welches die Organisation der gemeinsamen französisch-britannischen Projektionskräfte verabredet und das Schicksal Libyens beschlossen hatte [3]. Dieser Gipfel wurde nun abgesagt. Mitten in der westlichen Wirtschaftskrise will Berlin nicht Ausgaben Kriegen widmen, ohne jegliche Versicherung, daraus später Gewinn erzielen zu können.

Die deutsche budgetäre Nüchternheit missachtet die Epos-Träume des militär-industriellen Komplexes von den USA und Israel. Der Abtritt von Robert Gates und der Aufstieg von Hillary Clinton haben die Wiederkehr auf weltpolitische Szene der „Neuformung des großen Mittleren-Osten“ und ihre Ausdehnung auf Nord-Afrika gezeigt. Diese von den imperialen Gedanken von Leo Strauss stammende Doktrin entpuppt sich als eine unendliche Flucht nach vorwärts, wo der Krieg kein anderes Ziel hat als sich selbst. Sie ist der Kriegswirtschaft der USA vollkommen angepasst, aber in völligem Gegensatz mit der deutschen, industriellen, friedlichen Wirtschaft.

Der konventionelle Kriegsplan gegen Syrien wirft zahlreiche wirtschaftliche Fragen auf. Keine europäische Nation wird Kurz- oder Mittelzeitliche Interessen darin finden, viele jedoch könnten damit verlieren. Im Fall Libyens konnten britische und französische Geschäftsleute sofort Dividenden einkassieren, da sie mit Vorteil neue Erdölverträge ausgehandelt haben, während die Türken und Italiener die Gelackmeierten waren, da sie fast alle ihre Märkte in ihrer alten Kolonie verloren haben.

In Erwartung der neuen Bildung einer ad hoc Militärkoalition zog sich die NATO auf einen vorläufigen Wirtschaftskrieg zurück. Sie will Syrien belagern, es von jeglichen Handelsmöglichkeiten abschließen, sei es Import oder Export und seine produktive Kapazitäten sabotieren. Unter dem schön klingenden Ausdruck „Sanktionen“ haben die Allianzmächte und ihre Vasallen der arabischen Liga schon eine Bankeineisung unternommen, die jeglichen Warenhandel unterbindet. Sie konzentrieren sich jetzt darauf, die Verbindungswege abzuschneiden, speziell die Luftverbindungen und organisieren den Rückzug der multinationalen Öl-Firmen. Nach Shell und Total, zieht jetzt Petro-Canada ab, nachdem die Zentrale, die die Stadt Homs mit Elektrizität versorgt, stillgelegt wurde.

Es ist zu betonen, dass die erste Sabotageaktion gegen die dieselbe Zentrale versorgende Pipeline so verbrochen wurde, dass es ausgeschlossen ist, sie ohne die kanadischen Ingenieure wieder in Fahrt zu bringen. Diese Aktion war von der freien syrischen Armee geltend gemacht, ohne dass man wissen könnte, wer der eigentliche Täter ist: die abtrünnigen Militärs, Söldner von Al-Qaida oder atlantische Kommandos.

Bis jetzt bemerkt man in Syrien keine Einschränkungen, abgesehen von Heizöl und Elektrizität. Um dem Belagerungsschock zu entgegnen, werden von Damaskus neue Handelswege mit Peking aufgebaut. Das Bankembargo erfordert ein Tauschgeschäft ohne Geld, wie China es schon mit dem Iran betreibt. Dieses System sollte Syrien verhelfen, seine Wirtschaft zu retten, was jedoch nicht für den für lange Zeiten lahmen Touristensektor zutreffen wird.

Wie dem auch sei, hat die Belagerung Syriens schon zahlreiche wirtschaftliche Opfer in der Türkei gekostet. Die Auflösung des freien Wirtschaftsabkommens und die Auferlegung ungeheurer Zolltarife, haben die Grenzbezirke schon ruiniert. Und wenn die Syrier es auch hinnehmen, Entbehrungen für die Rettung der Heimat zu erleiden, sind die Türken jedoch nicht bereit, dasselbe Schicksal für das Bestreben der NATO zu teilen.

Außerdem setzt dieser Strategiewechsel den Nationalen Syrischen Rat in Austragung. Die Politiker, die eine nicht-gewaltige Aktionsform wollten, wie sie von den farbigen Revolutionen nach Gene Sharp [4] benützt wurden, sind gezwungen, die von den Kämpfern der freien syrischen Armee zugegebenen Sabotagen zu billigen. Der Konflikt ist umso umstrittener, als die Einen und die Anderen in Istanbul ihr Lager haben, und nicht vermeiden können, sich dort zu treffen.

Die Unterbrechung des internationalen militärischen Interventionsplans ist durch die Rückkehr der Botschafter der USA, Frankreichs und Deutschlands nach Damaskus bezeugt. Sie zieht eine Veränderung der Medienkampagne mit sich. Die angelsächsischen Medien haben nun schon die Anspielungen auf die außergewöhnlichsten und die unglaublichsten Anschuldigungen gegen Bachar el-Assad unterlassen, so zum Beispiel jene, Kinder foltern zu lassen. Das State Departement selbst beschreibt den syrischen Präsidenten nicht mehr wie ein Monster, sondern wie einen Mann „der von der Realität abgekommen ist“ (sic) [5]. Sein Fall braucht daher nicht mehr eiliger Behandlung. Im Übrigen erfordert die Aufdeckung der syrischen Realität durch verschiedene Journalisten, von dem seit acht Monaten geförderten Propagandabild [6] tausende Meilen entfernt, eine gewisse Distanzierung und Stille.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] « La guerre de Libye aurait pu mal tourner pour les Alliés », Réseau Voltaire, 9 novembre 2011.

[2] « Déclaration franco-britannique sur la coopération de défense et de sécurité », Réseau Voltaire, 2 novembre 2010.

[3] « Washington regarde se lever "l’aube de l’odyssée" africaine », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 19 mars 2011.

[4] « L’Albert Einstein Institution : la non-violence version CIA », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 4 juin 2007.

[5] « Daily Press Briefing », US State Department, 6 décembre 2011.

[6] « Запад и ближневосточные монархии жаждут сожрать Сирию », par Thierry Meyssan, Komsomolskaia Pravda, 29 novembre 2011.

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 
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