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Die Orwell’schen Gedenkfeiern für den 11. September kündigen neue Kriege an

Der zehnte Jahrestag der Attentate vom 11. September gibt Anlass für eine Flut von Artikeln, Dokumentaren, Audio und Fernsehprogrammen, um die Bushversion der Ereignisse zu beglaubigen, währenddessen die öffentliche Weltmeinung mehrheitlich skeptisch geworden ist. Für Thierry Meyssan, der als Erster die Weltdebatte über die Auslegung der Attentate formulierte, ist diese erdrückende Medienkampagne der letzte Versuch des Imperiums, um seine offensichtliche Legitimität zu bewahren und zukünftige Kriege zu gerechtfertigen.

| Beirut (Libanon)
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Nicolas Sarkozy: « Zehn Jahre sind vergangen, die nichts im Gedächtnis der zerstörten Schicksale gelöscht haben und alle Franzosen erinnern sich, was sie an diesem 11. September getan haben, so sehr waren sie durch die Ereignisse beeindruckt. Und am Abend des 11. Septembers, fühlten wir Franzosen uns letztlich Amerikaner wie nie zuvor (…). Die schönste Antwort auf diese Massenmorde und auf die Mörder, ist die Befreiung der arabischen Völker, mit den Werten, die Amerika und Europa schon immer verkörperten, die Demokratie.“
©Elysée.

Es ist eigentümlich die Art und Weise zu beobachten, mit der die westliche Presse den zehnten Jahrestag der Attentate des 11. Septembers feiert: obwohl das Thema unter sehr unterschiedlichen Winkeln hätte beleuchtet werden können, hat sich eine Bestellung durchgesetzt oder ist aufgesetzt worden. Die Medien übertreffen einander mit Bekundungen der Art: „ Was machten Sie an diesem Tag, in diesem Augenblick?“. Diese Art der Angriffnahme zeigt den allgemeinen Willen, keinen Abstand zu nehmen, das Ereignis und seine Folgen nicht zu analysieren, um sich mit dem einzigen Gefühlsregister der augenblicklichen Emotion zu begnügen, kurz gesagt, keinen Journalismus, sondern großes Spektakel zu betreiben.

Diese Gedenkfeier ist von Orwell’schen Befehlen begleitet: « Wie können Sie wagen, die offizielle Version im Angesicht der Schmerzen der betroffenen Familien zu bezweifeln?“, oder noch: „Diejenigen, die die offizielle Version in Zweifel stellen, sind Holocaustleugner, Feinde der Demokratie“. Oder, genau gesagt, der Respekt der Opfer – nicht nur jener die an diesem Tag gestorben sind, sondern auch jener, die den Folgen in Afghanistan, Irak, Libyen und woanders zum Opfer gefallen sind – verlangt, dass wir die Wahrheit suchen statt uns mit lächerlichen („Abrakadabra Geschichten“: eine Anspielung auf ein Wort von Präsident Chirac) Lügen zu begnügen. Und wie können wir die Demokratie lebendig machen, wenn wir die offiziellen Wahrheiten nicht in Frage stellen, ärger noch, wenn wir die argumentierte Debatte durch eine Verunglimpfung ersetzten?

Seit den Attentaten unmittelbar folgenden Tagen, habe ich in einer Artikelserie, und dann monatelang danach mit Büchern und Konferenzen die Bushversion der Ereignisse bestritten und eine von Straussianern (Leo Strauss Anhänger) beherrschte Faktion des US-Militär-Industrie-Komplexes angeklagt, sie unterstützt zu haben. Obwohl anfänglich in meiner Vorgangsweise alleinstehend, und durch die atlantische Presse ausgebuht, habe ich allmählich die öffentliche internationale Meinung mobilisiert, selbst die der USA, bis meine Fragen letztes Jahr in den Saal der Generalversammlung der Vereinten Nationen stürzten. Je mehr die US-Obrigkeit versuchten mich zu widerlegen, umso mehr haben sie sich selbst widersprochen und umso mehr hat sich der Zweifel aufgedrängt. Heute ist er Mehrheit.

Wie immer wenn der Wind sich dreht, schützen die Opportunisten ihre Zukunft, indem sie mit der Version, die sie lange Zeit hindurch verteidigten und die jetzt auf allen Seiten Wasser macht, Abstand nehmen. Das ist der Fall von den Herren Kean et Hamilton, Co-Präsidenten der Präsidentschafts-Kommission für die Attentate, die sich von ihrem eigenen Gutachten distanzierten, das ist heute der Fall von M. Clarke, Anti-Terror Ratgeber von den Herren Clinton et Bush, der seine Kollegen auf Vertuschung anklagt. In zehn Jahren waren die Obrigkeiten der USA und Großbritanniens nicht in der Lage, die Beweise zu liefern, die sie doch der Generalversammlung der Vereinten Nationen versprochen hatten, um ihre Aktion „legitimer Verteidigung“ in Afghanistan zu gerechtfertigen. Im Gegenteil zeigten sie, dass sie ein schweres Geheimnis verstecken mussten und sie haben nicht aufgehört, Lügen zu vermehren um es zu verbergen. Wer würde es noch wagen zu behaupten, wie Colin Powell im Sicherheitsrat, dass Saddam Hussein Komplize im 11. September Attentat sei, oder wie Tony Blair, dass Osama Ben Laden die Londonattentate finanziert hätte?

Während dieser zehn Jahre haben immer zahlreichere Experten die Zusammenhangslosigkeit der Bushversion gezeigt, die andere Experten verteidigten. Wenn die Argumente der letzteren glaubwürdig gewesen wären, wäre die Polemik eingegangen. Aber die Debatte ist so wenig wissenschaftlich, dass die Trennlinie zwischen den beiden Expertengruppen nur eine politische ist. Wenn sie die Invasion von Afghanistan und den Patriot Act billigen, dann behaupten sie, dass die metallische Struktur der Zwillings Türme der Hitze des Feuers nicht widerstehen konnten, dass der Turm Nummer 7 (WTC7) zu schwach war und dass ein Flugzeug sich im Inneren des Pentagon zersetzt hat. Im Gegenteil, wenn sie über die Ausweitung des Militärimperiums und die Banalisierung der Folter entsetzt sind, dann halten sie für unmöglich, dass die Zwillingstürme die einzigen der Welt wären, so zusammen stürzten zu können, dass der Turm Nummer 7 aus Nachahmung gefallen wäre und dass eine große Boeingmaschine sich im Inneren des Pentagon ins Nichts aufgelöst hätte...

Die Bushversion des 11. September ist ein zentrales Dogma des Imperialismus geworden. Wir werden aufgefordert ihr wie einer enthüllten Wahrheit zu glauben. Sonst setzten wir die Neue Welt Ordnung in Zweifel und werden wie Ketzer und intellektuelle Komplizen des Terrorismus behandelt.

Die Trennlinie ist die folgende: auf der einen Seite, die westliche oder globalisierte Elite hält an dem Dogma fest, auf der anderen, schreit die Mehrheit der westlichen Bevölkerung und der dritten Welt: Lüge!

Die wirkliche Debatte ist nicht zu wissen, wie die Leute, die nicht auf der Passagierliste eingetragen sind, ein Flugzeug umleiten können, noch wie man die Flügel eines Boeing in sich zurück biegen kann, um in ein kleines Loch im Pentagon zu kommen und sich dann in Staub aufzulösen, sondern zu wissen, ob der Westen ab dieses Tages das Ziel eines islamitischen Komplotts geworden ist, oder ob eine US-Faktion dieses Ereignis provoziert hat, um sich straflos an die Eroberung der Welt zu machen.

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In Paris wurde eine Nachbildung der Zwillingstürme auf der Esplanade des Trocadéro gebaut in Ehren der 3000 Opfer des 11. Septembers. Sie wird vom US-Botschafter, dem Bürgermeister der Stadt und dem Innenminister eröffnet werden. Keine Gedenkstätte ist für die Million Opfer der Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen vorgesehen.

Die Philosophen, die die Geschichte der Wissenschaften studieren, versichern, dass wissenschaftliche Irrtümer nicht immer mit der Widerlegung verschwinden. Manchmal muss man das Verschwinden der Generation abwarten, die sie lehrte. Was einer Wahrheit erlaubt, einen Irrtum zu ersetzen, ist, dass mit der Zeit die Wahrheit ein Erklärungsvermögen besitzt, während der Irrtum es verliert.

Seit 2001 schloss ich meine Analyse, indem ich gegen eine Verallgemeinerung der Freiheit tötenden Gesetze aufrief. Ich verweigerte die Darstellung von Al-Qaida als anti-westliche Terrororganisation und behauptete dagegen, dass es sich um eine arabische, von der CIA benützte Söldnerwelt handelte, die in verschiedenen Konflikten in Afghanistan gegen die Sowjets, in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo gegen die Serben, und in Tschetschenien gegen die Russen, der Brzezinski-Strategie entsprechend, eingesetzt wurde. Schließlich sagte ich die drohende Invasion des Irak voraus und die von den Neokonservatoren und mit Kissinger dieses Mal verbündeten gewollte „Reformierung“ des Mittleren Ostens.

Zu der Zeit hat die seriöse Presse meine Analysen in vier wesentlichen Punkten verspottet.
- Le Monde erklärt, dass die USA niemals wieder den Irak angreifen würden, da sie schon das Problem mit dem „Wüstensturm“ gelöst hatten und dass nur mein primärer Antiamerikanismus mich dazu brächte, das Gegenteil für möglich zu halten.
- Le Monde Diplomatique lehrte mit großer Weisheit, dass ich nichts von der Politik der USA verstände, um eine Allianz zwischen Neocons und Kissinger zu erfinden.
- Washington Post überschwemmte uns mit Details über die vielseitige, weltweite, islamitische Verschwörung, die ich mich weigerte, ernst zu nehmen, da ich durch die arabische Präsenz in Frankreich verblendet wäre.
- Und der New York Times flechtet Lobkränze für den Patriot Act und die Errichtung des Departement für die Sicherheit der Heimat, gegen welche einzig ein europäischer Pazifist, von Münchner Abdankung durchdrungener Geist, sich entgegenstellen konnte.

Trotz Allem, kann jeder nach 10 Jahren feststellen, dass ich in allen vier Punkten meiner bestrittenen Analyse Recht hatte und meine Gegner Unrecht. Sie versuchen heute sich zu retten, indem sie hoch und stark zugeben, dass die Bush Regierung den 11. September „benützt“ hätte, um ihre eigene Agenda voranzutreiben. Mit der Zeit werden sie zugeben müssen, dass ich nicht ein Wahrsager bin, der zufällig die Zukunft, die sie nicht errieten voraussieht, sondern dass eine ernste, genaue politische Analyse erlaubt, im Voraus zu verstehen, dass die Auftraggeber des 11. Septembers beschlossen diese Agenda einzuleiten.

Da die NATO nun den Ben Laden Mitläufern in Tripolis zur Macht verhalf, ist es absolut unumgänglich den 11. September zu verstehen, um die wahren Gefahren zu erkennen, die den Frieden der Welt bedrohen und ihnen zu widerstehen. Wie kann übersehen, dass die Persönlichkeiten, die heute den Gedenktag mit Inbrunst feiern, morgen neue Kriege im Nahen Osten und in Nord Afrika unterstützen werden?

Übersetzung
Horst Frohlich

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 
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