Voltaire Netzwerk

Das Verständnis der großen historischen Krisen auf die Probe gestellt

Die Französische Revolution? "Ein Wahnsinn satanischer Besessenheit" für Baader, ein "Virus einer neuen unbekannten Art" laut Tocqueville. Mitten im 20. Jahrhundert werden der Franzose François Furet und der Amerikaner Richard Pipes ihren Lesern den Satz von Tocqueville wieder auftischen, um das revolutionäre Russland zu beschreiben. Nach dieser vereinfachenden Logik, ist es wahrscheinlich, dass die Meinung von Jacques Roux: "Gleichheit ist nur ein unnützes Phantom, wenn der Reiche, durch Monopol, Recht auf Leben und Tod über Seinesgleichen hat", einfach für verrückt gehalten wird. Der Philosophieprofessor Domenico Losurdo zeigt uns, dass es immer leichter war und viel weniger peinlich, den großen historischen Krisen einfach Wahnsinn zu unterschieben - kollektiven oder individuellen - anstatt ihren politischen und sozialen Kontext zu analysieren.

| Urbino (Italien)
+
JPEG - 67.4 kB

Wie können wir die große historische Krise erklären, die mit der französischen Revolution beginnt, und die ein Vierteljahrhundert später, (vorübergehend) mit der Rückkehr der Bourbonen endet? Friedrich Schlegel und die Kultur der Restauration haben nicht aufgehört, die "politische Krankheit" und das "ansteckende Übel der Völker" zu verurteilen, die seit 1789 toben; aber es ist Metternich selbst, der vor der "Pest" oder dem "Krebs", die die Geister verwüsten, warnt [1]. Um genauer zu sein - fügt dieser andere Ideologe der Restauration hinzu, der Baader ist - wir seien in Gegenwart eines „Wahnsinns satanischer Besessenheit“; dem Sturz des alten Regimes folgt nicht Demokratie, sondern vielmehr eine "Demonocratie" [2], d.h. die Macht des Satans.

Später, nach der Welle der Revolution von 1848 und vor allem der Arbeiter-Revolte, wird Tocqueville den psychopathologischen Ansatz entwickeln: was "die Krankheit der französischen Revolution" erklären wird, ist die Ausbreitung eines „Virus einer neuen und unbekannten Art“. [3]. In den Souvenirs, auf die Zeit der aufkommenden Unruhen anspielend, die zu den Juni-Tagen führen werden, lässt der französische Liberale "einen verdienten Arzt“ sprechen, „der damals eines der wichtigsten Geisteskrankenhäuser von Paris führt": „Was für ein Unglück, und wie seltsam zu denken, dass es Verrückte sind, wirklich verrückte, die das herbeiführten! Ich habe sie alle gekannt oder behandelt. Blanqui ist ein Narr, Barbès ist ein Narr, Sobrier ist ein Irrer, insbesondere Huber ist ein Narr, alle verrückt, Sire, die in meiner Salpêtrière [Irrenspital von Paris] sein sollten und nicht hier“. Tocqueville fügt hinzu: "Ich habe immer gedacht, dass in den Revolutionen und vor allem in demokratischen Revolutionen, Narren, nicht diejenigen, denen man diesen Namen aus Höflichkeit gibt, sondern die Wirklichen eine sehr bedeutende politische Rolle gespielt haben" [4].

JPEG - 8.3 kB
Alexis de Tocqueville, 1805-1859. Die Befürworter des Liberalismus, wie Raymond Aron und Richard Pipes sowie der Historiker François Furet feiern seine Analyse der französischen Revolution, die er einfach als "Krankheit" bezeichnet.

Der Verweis auf gewissermaßen höllische Kräfte wird auch nicht fehlen: Tocqueville hört die Resonanz "teuflischer Musik" in den Juni-Tagen in Wohngebieten, die bereit sind zu widerstehen und die die Einwohner auffordern den «Generalsturm» zu blasen. Die Leute hören zu und bereiten sich mit "finsterer Miene" vor und verlieren ihre menschlichen Züge. Da regt sich mit sinnloser Art eine "alte Frau", die wie eine Hexe aussieht: "der abscheuliche und schreckliche Gesichtsausdruck machte mir Gräuel, so sehr waren die demagogischen Leidenschaften, und die Wut der Bürgerkriege dort gut zu sehen.“

Am Morgen der Pariser Kommune feiert der psychopathologische Ansatz seinen Triumph mit Taine:

"Wenn es für die Körper Epidemien und ansteckende Krankheiten gibt, gibt es sie auch für den Geist, und so ist diese die revolutionäre Krankheit. Sie tritt gleichzeitig auf allen Teilen des Landes auf und jedes infizierte Element trägt zur Infektion von anderen bei [...]. Auf allen Seiten zeigt das gleiche Fieber, die gleichen Verwirrungen und Anfälle, die Anwesenheit des gleichen Virus, und dieser Virus ist das jakobinische Dogma. » [5]

Nicht nur die Kommune, sondern der ganze französische revolutionäre Zyklus wird dem Virus zugeschrieben, diesem "Virus" und "der Änderung des normalen Gleichgewichts der Fakultäten". [6]. Werfen wir einen Blick auf diesen oder jenen Aktivisten der Revolution: "der Arzt würde sofort einen dieser hellsichtigen Verrückten erkennen, den man nicht einsperrt, aber der doch zu den gefährlichsten zählt" (VII, 205). In der Tat verhält sich Marat wie ein "Insasse von Bicêtre" (VII, 208). Wie man sieht, sind wir von der Salpêtrière von Tocqueville zum Bicêtre gegangen, aber die Erklärung der revolutionären Krisen wird weiterhin in den Irrenhäusern gesucht. In den Augen von Taine hat der revolutionäre Wahnsinn auch etwas Teuflisches. Wenn Voltaire ein "fleischgewordener Dämon", ist Saint-Just der Protagonist einer Art von satanischem Ritual: "Zerschlagen und Zähmen wird ein intensives Vergnügen, von dem intimen Stolz genossen, ein Rauch eines Holocausts, den der Despot auf seinem eigenen Altar anzündet; in diesem täglichen Opfer ist er gleichzeitig das Idol und der Priester und gönnt sich Opfer, um seiner Göttlichkeit bewusst zu sein" [7].

Der Zyklus, der im Jahre 1905 in Russland beginnt, ist vergleichbar mit dem französischen revolutionären Zyklus. Die dominante Kultur aktualisiert dann die bereits bewährte ’Diagnose’. "Eine neue und unbekannte Art von Virus" migriert von Frankreich nach Russland: Es wird somit in einer ausdrücklichen Bezugnahme auf Tocqueville bei François Furet und dem amerikanischen Sowjetologen Richard Pipes argumentiert [8].

Mit psychopathologischen Begriffen die großen historischen Krisen lesen, ist unser Tags so verbreitet, dass man es selbst in den zentralen Kategorien des politischen Diskurses feststellen kann. 1964 sieht Adorno im "psychologischen Totalitarismus" die Grundlage des Totalitarismus selbst: Es gibt Personen, die „nur ein schwaches Ich besitzen und daher die Notwendigkeit empfinden, als Ersatz, eine große kollektive Identifikation und Abdeckung brauchen“. Es verschwinden dann nicht nur die objektive Lage, die Geopolitik und die Geschichte, aber selbst die Ideologien spielen keine Rolle mehr: "die der Obrigkeit unterstellten Charakter werden völlig falsch bewertet, obwohl sie von einer bestimmten wirtschaftspolitischen Ideologie geprägt sind“. [9].

JPEG - 23.4 kB
Hanna Arendt (1906-1975).

Die psychologische Drift zeigt sich schließlich auch bei Arendt. Wiederkehrend in der Tat, in den Ursprüngen des Totalitarismus ist die Denunzierung der "totalitären Verachtung für die Realität und die Fakten an sich", für den "Wahnsinn", der die "totalitäre Gesellschaft" beweist. Er wäre nicht die Weiterführung von jedenfalls logisch verständlichen Zielen mit brutalen Methoden und ohne jeden moralischen Skrupel. Nein, bei dem Totalitarismus hätten wir es mit "Paranoiden" zu tun. [10] : "Die Aggressivität des Totalitarismus wird nicht durch den Macht-Appetit geboren und sein glühender Expansionismus zielt nicht auf die Erweiterung für sich selbst ab, noch auf den Profit; " seine Gründe sind nur ideologisch: Es geht darum, die Welt kohärenter zu machen, die Gültigkeit seines Über-sinns zu beweisen " (s. 810). Mit anderen Worten wäre der Totalitarismus Wahnsinn, der Wahnsinn will.

Wir werden in irgendeiner Weise auf die Kultur der Restauration zurück gebracht, wie ein späteres Detail zeigen wird. In Bezug auf die "totalitären Regime" (nicht nur das Hitler-Regime sondern auch das stalinistische), bringt Arendt die Kategorie des "absolut Bösen" ein, das "die gemeinen Motive von Eigeninteresse, Schuld, Gier, Groll, Machthunger und Feigheit nicht mehr erklären kann " (s. 811) und das daher nicht rational erklärt werden könne. Der Satan, wovon die Kultur der Restauration spricht, würde hier das Mysterium Iniquitatis.

Aber warum muss der psychologisierende Ansatz als fehlerhaft und verschleiernd betrachtet werden? Mal sehen, was in den Vereinigten Staaten am Vorabend des Bürgerkrieges passierte, das heißt dieser tragische Konflikt, der schließlich zu einer Abolitions- Revolution führte. Bei den Meistern des sklavenhaltenden Südens vergleicht man die Abolitionisten mit den Jakobinern, die selbst von dem Wahnsinn betroffen wären. Aber ein Novum kommt hier. Jetzt wird auch eine psychopathologische Diagnose für Sklaven gemacht. Die Anzahl der entflohenen Sklaven steigt und Sklaverei-Ideologen sind überrascht: wie ist es möglich, dass "normale" Menschen eine so wohlgeordnete Gesellschaft vermeiden? Hier sind wir deutlich in Gegenwart eines unruhigen Geistes. Aber worum geht es da? 1851 folgert Samuel Cartwright, bedeutender Arzt und Psychologe von Louisiana, aus der Tatsache, dass im klassischen Griechischen Drapetes der geflohene Slave ist, triumphierend, dass die psychische Krankheit die die schwarzen Sklaven zur Flucht treibt, genau die Drapetomania wäre [11]. Andere Ideologen stellen fest, dass die Sklaven den Befehlen der Meister nicht mehr mit der gleichen Geschwindigkeit wie vorher gehorchen. Die psychopathologisierende Diagnose kommt schon wieder: die betreffende Krankheit wäre jetzt die "Dysästhesie", das ist die Unfähigkeit der Sklaven zu verstehen und rasch auf die Aufträge des Meisters zu reagieren [12].

JPEG - 11.7 kB
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)

Im 19. Jahrhundert entwickelt sich eine andere Revolution, die feministische Revolution. Und wieder stoßen wir auf die Denunzierung des Wahnsinns und der Entartung, die die Grundlage dieser unglaublichen Neuheit wäre. Es ist ein großer Philosoph, Friedrich Nietzsche, der von den Protagonisten dieser Revolution, von misslungenen Frauen spricht, die ihre Frauen-Natur verkennten und sogar kann nicht gebären könnten: « Frauenemanzipation"- das ist was instinktiver Hass der fehlgeschlagenen Frauen ist, d.h. der Geburt unfähig, gegen die Frau guter Haltung." Die Polemik gegen die feministische Bewegung ist so harsch, dass sie den Philosophen zu Erklärungen von entwaffnendem Spießbürgertum bewegt. Die "Emanzipierten" wären "misslungene Frauen" oder "diejenigen, die nicht das Zeug haben, Kinder zu haben". [13]. Man kann eine Schlussfolgerung ziehen: historisch gesehen gab es keine Herausforderung gegen die Unterdrückung, die nicht des Wahnsinns, der Entartung der Gesundheit und der Normalität beschuldigt wurde.

Darüber hinaus zeichnet sich die psychopathologisierende Diagnose durch ihre willkürliche Seite aus. Man kann sie auch bei den großen Autoren sehen. In seinen Studien über die "autoritäre Persönlichkeit" betont Adorno im Jahr 1950 die "Korrelation zwischen Antisemitismus und Antikommunismus" und fügt hinzu: "in den letzten Jahren wurde der Mechanismus der Propaganda in Amerika der Entwicklung des Antikommunismus im Sinne von irrationalem "Terror" gewidmet“ [14]. Zu diesem Zeitpunkt sind diejenigen, die von psychischen Störungen betroffen waren, die Antikommunisten; 1964 aber wird Adorno genau die Kommunisten, mitsamt den Faschisten, unter die an sich totalitären und zu Totalitarismus neigenden autoritären Persönlichkeiten zählen!

Die psychopathologische Diagnose nimmt regelmäßig die Champions der Revolution zum Ziel, nie aber die des Krieges.

Es ist auch erwähnenswert, dass die psychopathologische Diagnose regelmäßig die Champions der Revolution zum Ziel nimmt, nie aber die des Krieges. Die verrückten wären Robespierre und die Jakobiner, nicht aber die Girondisten, die Kriegstreiber, deren verheerende Folgen für die bürgerliche und politische Freiheit frühzeitig, und mit großer Klarheit gerade von Robespierre denunziert wurden. Die Narren wären die Bolschewiken, die zur Revolution aufrufen, um dem Gemetzel des ersten Weltkrieges ein Ende zu setzen, nicht diejenigen, die durch die Erweiterung der Beteiligung Russlands an diesen Schlachten nicht zögern, weitere Millionen Menschen zu opfern und die in dem Land eine politische und wirtschaftliche Krise von erschreckendem Ausmaß hervorrufen. Mehr noch, der erste Weltkrieg wird nicht nur in Russland sondern auch im Westen als ein Moment der aufregenden spirituellen Erneuerung begrüßt und die großen Intellektuellen der Zeit engagieren sich zu diesem Werk des Feierns und der Verklärung!

Nun gut. Wir haben in der Arbeit von Tocqueville gesehen, wie er eine "Art von neuen und unbekannten Virus" als Ursache des endlosen französischen revolutionären Zyklus identifiziert. Aber warum könnte der Autor dieser Erklärung nicht selbst einer psychopathologischen Diagnose unterzogen werden? Um die Torheit der Rasse der Revolutionären, die neu in der Welt scheint zu demonstrieren und die in Frankreich an der Arbeit ist, beobachtet er, dass sie "nicht nur Gewalt, Missachtung der individuellen Rechte und Unterdrückung von Minderheiten verübt, sondern auch, was neu ist, predigt, dass dem so sein solle." (II, 2, s. 337). Und man sehe nun, wie der Liberale Franzose den ersten Opiumkrieg feiert:

« Dies ist ein großes Ereignis, besonders wenn man denkt, dass es nicht die Fortsetzung, der letzte Akt einer Vielzahl von Veranstaltungen der gleichen Art ist, die alle allmählich die Europäische Rasse aus ihrer Heimat drängen und dann alle anderen Rassen seinem Reich oder seinem Einfluss unterwerfen[...]; Es ist die Versklavung von vier Teilen der Welt durch den fünften. Lästern wir nicht über unser Jahrhundert und über uns selbst; die Menschen sind klein, aber die Ereignisse sind groß.

Oder man betrachte, welches Verhalten Tocqueville der französischen Armee bei der Eroberung von Algerien rät:

"Alles zerstören, was wie eine permanente Aggregation der Bevölkerung aussieht, oder mit anderen Worten, eine Stadt. Ich denke, von größter Bedeutung, keinen Stadtteil von Abd-el-Kader’s (der Führer des Widerstandes) Gegend stehen oder existieren zu lassen. » [15]

JPEG - 43.1 kB
Im Jahr 1839 beschloss das britische Parlament ein Expeditionskorps in die chinesische Provinz von Kanton zu senden, um den Opiumhandel zu verteidigen, das Opium, das als Droge durch die US-Amerikaner und die Briten verkauft wird, aber in China seit 1729 verboten ist.... Dies ist der Beginn des ersten Opium-Krieges (von 1838 bis 1842), von Tocqueville als "großes Ereignis" gefeiert.

In diesen zwei Aussagen schwingt diese Feier von Gewalt und des Gesetzes des Stärksten durch, der in Aktion in Frankreich befindlichen „revolutionären Rasse“. Mit anderen Worten, es ist nicht nur willkürlich, sondern auch dogmatisch, wie die Unruhestifter des psychopathologischen Ansatzes vorgehen: sie lassen die Kriterien, die sie auf andere anwenden, nicht für sich selbst gelten.

Man könnte mit Furet entgegnen, dass der pathologische Charakter der Jakobinischen (und bolschewistischen) Gewalt in der Tatsache liege, dass sie ihre eigenen Söhne verschlinge. Wenn es nur um die Dialektik von Saturn geht, ist sie sehr gut in der Reformation und in dem englischen Bürgerkrieg präsent und darüber hinaus manifestiert sie sich mit besonderen Bedingungen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Während der amerikanischen Sezession behaupten beide Seiten den Unabhängigkeitskampf gegen die englische Krone gemeinsam zu führen. Die Abolitionisten beziehen sich auf das Prinzip der Erklärung der Unabhängigkeit, nach der "alle Menschen gleich geschaffen wurden" und auf das feierliche Incipit aus der Philadelphia-Verfassung, in dem das Volk der Vereinigten Staaten erklärt, später "die Union verbessern zu wollen". Die Propaganda des Bundes beruft sich auf das Vermächtnis des Kampfes der Patrioten gegen eine repressive zentrale Regierung, unterstreicht die zentrale Bedeutung des Themas der Rechte jedes einzelnen speziellen Staates im Prozess der Gründung und in der Rechtstradition des Landes und stellt fest, dass Washington, Jefferson und Monroe alle Sklavenhalter waren. Die beiden gegnerischen Lager behaupten in den Spuren der Gründerväter fortzufahren, aber das verhindert den Schock nicht und macht ihn noch bitterer. Kein Zweifel: in diesem Fall verschlingt Saturn auch seine Kinder.

Auf der anderen Seite sei darauf hingewiesen, dass die amerikanischen Kolonialisten, Protagonisten des Unabhängigkeitskrieges gegen die Regierung von London, von ihren englischen Zeitgenossen entweder in positiver oder negativer Art, als "die Dissidenten von der Uneinigkeit“ definiert werden. Und wenn Burke die Französische ’Krankheit’ vom Anfang der ersten Phase der Revolution denunziert [16], bemerkt Mallet du Pan für diese Revolution die "Amerikanische Ansteckung“. [17]. Wie man sieht, der Verweis auf die Dialektik von Saturn und die Psychopathologie, um die Revolutionen zu erklären, hat nicht auf den Jakobinismus gewartet, um an den Tag zu kommen!

Doch stellen wir uns nun eine Frage: Was ist der Ausgangspunkt von dem ideologischen Wahnsinn, der zuerst in dem französischen revolutionären Zyklus und dann in den russischen revolutionären Zyklus gewütet habe? Furet sowie Pipes, gehen von der Aufklärung und den Geistesgesellschaften in Frankreich aus. Und es ist genauso wie Taine argumentiert, den wir gesehen haben, wie er Kritik an Voltaire, als fleischgewordener Dämon, übt und der das revolutionäre Frankreich wie "von den bösen Geistern des Gesellschaftsvertrages von Rousseau berauscht" sieht [18]. Kann man jetzt die Forschung der Ursprünge des verfluchten revolutionären Virus als abgeschlossen betrachten? Überhaupt nicht! Lange vor der Revolution, die in Frankreich das Ancien Régime [die absolutistische Monarchie] erledigt, ereignet sich in deutschen Landen ein Bauernkrieg, der von Münzer geführt, gegen die Feudalherren kämpft und die Knechtschaft der Bauern abschaffen will. Die Protagonisten dieser Revolution werden von Luther als " tolle Propheten“ gebrandmarkt, die den „tollen Pöbel“ erregen, wie " Schwärmer, Geister, Schwarmgeister“, wie Narren, die den Sinn der Realität völlig verloren haben [19]. Aber diese Kampagne gegen den verrückten Ex-Schüler erspart nicht Luther, später von Nietzsche wiederum als "kranker Geist", nämlich unter die "Epileptiker der Ideen " eingereiht zu werden (mit Savonarola, Luther, Rousseau, Robespierre und Saint-Simon) (der Antichrist, 54).

JPEG - 17.5 kB
Hippolyte Adolphe Taine (1828 – 1893). Für ihn ist das revolutionäre Frankreich "durch die bösen Geister des Gesellschaftsvertrags von Rousseau vergiftet“.

Ja, laut Nietzsche, sollte mehr als die übliche Kritik über die Revolution getan werden, um die ersten Ursprünge der revolutionären Krankheit zu entdecken: der Wahnsinn, der eine perfekte und egalitäre Welt wolle und der den Reichtum und die Macht als solche verurteile, hätte bereits mit dem Christentum und sogar zuvor mit den jüdischen Propheten begonnen. Von der Langfristigkeit des revolutionären Zyklus, der im Westen tobt, überzeugt, fordert uns Nietzsche auf, endlich mit "diesen Tausenden Jahren einer Asyl-Welt“ und mit der "Geisteskrankheit" des "Christentums" (der Antichrist, 38) abzurechnen. Man könnte diese Schlussfolgerung als unfreiwillige reductio ad absurdum der psychopathologischen Auslegung des politischen Konflikts und vor allem der großen historischen Krisen lesen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Nietzsche sagte " durch die Schule von Tocqueville und Taine gegangen zu sein" (B, III, 5, s. 28), und er mit Letzterem in gegenseitiger Achtung Korrespondenz betreibt [20].

Noch heute erklärt ein illustrer Religionshistoriker (Mircea Eliade) und ein renommierter Philosoph (Karl Löwith) im Kielwasser des deutschen Philosophen den blutigen Wahnsinn des 20. Jahrhunderts von weiter Ferne ausgehend, sehr weit ausholend: alles soll sehr früh mit der Verweigerung des Mythos der ewigen Wiederkehr, und mit dem Aufkommen der linearen Ansicht der Zeit und des Glaubens an Fortschritt begonnen haben : alles hätte, noch einmal hervorgehoben, mit der Bestätigung der jüdischen und christlichen Kultur begonnen. Die Tendenz, die großen historischen Krisen (und letztlich die Universalgeschichte) als Ausdruck des Wahnsinns zu liquidieren, charakterisiert die aktuelle Kultur vielleicht noch effizienter als die der Restauration.

Aber wie kann man die Tatsache erklären, dass die Wahnsinns-Explosionen in gewissen Ländern häufiger und in größerem Umfang auftreten als in anderen? Bekannt ist, dass Tocqueville den tendenziell moralischen und praktisch höheren Sinn und ein stärkeres Engagement für Freiheit der US-Bürger im Gegensatz zu den Franzosen preist. D. h. die psychopathologische Interpretation des Konflikts geht in eine ethnologische (und rassistische) über. Dies ist ein Trend, der sich auch mit Kraft in der Geschichtsschreibung und in der zeitgenössischen Kultur manifestiert. Nach Norman Cohn (2000, s. 21) "wurde in England ein fast völliges Fehlen von chiliastischen Tendenzen" und "von revolutionärem Chiliasmus" festgestellt, der jedoch zwischen Frankreich und Deutschland toben würde [21]. Radikaler in der ethnologischen Drift (und letzten Endes der rassistischen) ist Robert Conquest (2001, s. 15), der in Frankreich und in Russland (und in Deutschland) Orte der "geistigen Verirrung" sieht, von denen jedoch die Englischen Revolutionen (man spricht nur von der Glorreichen Revolution von 1688) und die amerikanischen nicht betroffen wären. Darüber hinaus erhält die authentische Zivilisation ihren vollkommensten Ausdruck in der "englisch-sprechenden Community’ und der Vorrang dieser Gemeinschaft hätte seine spezifische ethnische Grundlage, die in den "Anglo-Kelten" wurzeln [22]. Dann stellt sich hier die Frage: Warum sollte also der Kult der "Anglo-Kelten" eher akzeptabel sein, als der bei den Nazis besonders ausgeprägte Kult der "Arier"?

Also. Bei Berücksichtigung der Absurdität des Verweises auf Psychopathologie genügt es an die Tatsache zu denken, dass die katastrophale Natur der revolutionären Krise in Russland seit Jahrzehnten von sehr verschiedenen Autoren erwartet wird. 1811 sieht Maistre das von dem Pugatschew Bauern-Aufstand geschüttelte St. Petersburg als eine mögliche Revolution (diesmal von einer "Pugatschew-Universität" unterstützt, d.h. von Intellektuellen von nichtaristokratischem Ursprung) einer Größe und Radikalität, die die Französische Revolution erbleichen lassen könnte. 1859 warnt Marx: Wenn sich der Adel weiterhin einer echten Emanzipation der Bauern widersetzt, werden soziale, " in der Geschichte beispiellose“ Katastrophen entstehen. 1905 wird sich sogar der russische Ministerpräsident Sergej Witte in ähnlichen Begriffen ausdrücken!

Man kann ähnliche Überlegungen für die Krise machen, die zum Aufstieg Hitlers in Deutschland geführt hat. Kurz nach der Unterzeichnung des Vertrags von Versailles, stellt Marschall Ferdinand Foch fest: „Es ist kein Frieden, es ist nur ein Waffenstillstand für 20 Jahre“. Der deutsche Imperialismus wird nicht zögern seine Rache zu versuchen; und er bekommt umso leichter die Zustimmung der Massen, als die Sieger des ersten Weltkriegs rachsüchtig und kurzsichtig waren. Zu dieser Zeit warnt der große Ökonom John Maynard Keynes, der an der englischen Delegation in Versailles teilgenommen hatte, gegen die Folgen eines "karthagischen Friedens":

"Rache, wage ich zu prognostizieren, wird nicht auf sich warten lassen." Nichts wird dann diesen endgültigen Bürgerkrieg zwischen den Kräften der Reaktion und den verzweifelten revolutionären Zuckungen lange verzögern; die Schrecken des letzten deutschen Krieges ihm gegenüber werden im Nichts verschwinden und werden, egal wer der Gewinner, die Zivilisation und den Fortschritt unserer Generation zerstören". [23]

Also: "Der Himmel bewahre uns alle! Eine Machtprobe für eine noch brutalere und barbarischere Hegemonie als die des ersten Weltkriegs sollte kommen.

Der Nationalsozialismus zeichnet sich auch durch seinen Anspruch aus, die koloniale Tradition in barbarischsten Formen in Osteuropa auch wiederaufzunehmen. Nun, bereits seit dem 19. Jahrhundert stellte sich die europäische, am weitesten fortgeschrittene Kultur eine beängstigende Frage: Was wäre geschehen, wenn die in den Kolonien üblichen Methoden der Regierung und des Krieges, sich auch schließlich in der Metropole durchsetzten? Sogar der Völkermord an den Juden geschieht nicht vollkommen improvisiert. Es genüge zu erinnern, dass in dem Bürgerkrieg-zerrissenen Russland die als Marionetten des Bolschewismus gebrandmarkten Juden, der durch die weißen Truppen ausgelösten und von der Entente unterstützten Massaker zum Opfer fielen: Es ist der "Auftakt" - beobachten bedeutende Historiker - was dann die ’Endlösung’ sein wird. [24].

Schlussfolgerung: Die psychopathologisierende Lektüre der großen historischen Krisen erlaubt auf der einen Seite, den gigantischen Prozess der Emanzipation, die von der französischen Revolution (der Aufklärung selbst) zur Oktoberrevolution führt, als Ausdruck des Wahnsinns zu liquidieren; auf der anderen Seite wälzt sie das Dritte Reich auf eine kranke Persönlichkeit (Hitler) ab, um das sozio-politische System und die ideologische Tradition, die es produziert haben, indirekt zu entlasten. Die Kritik der psychopathologisierenden (auch demonologischen) Lektüre der großen historischen Krisen ist heute eine wesentliche Pflicht der Kritik der Ideologie und des Kampfes für die Vernunft.

Übersetzung
Horst Frohlich

Auszug aus Psychopathologie und Dämonologie. Die Lektüre der großen historischen Krisen der Restauration bis zur Gegenwart, Essay in der Zeitschrift Belfagor veröffentlicht. Rassegna di Varia Umanità, unter der Leitung von Carlo Ferdinando Russo, Verlag Leo S. Olschki, Florenz, März 2012, s. 151-172.

Wie bekannt, hat Belfagor geschlossen. Mit dieser Ehrung danke ich meinem Freund Carlo Ferdinando Russo und der ganzen Redaktion für die Gastfreundschaft, die mir oft gegeben wurde. Domenico Losurdo. Der Originalartikel erschien am 14. Dezember 2012, auf dem Blog des Autors: http://domenicolosurdo.blogspot.fr/

[1] cf. Heinrich von Treitschke, Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, Leipzig, 1879-1894, vol. III, p. 153.

[2] Benedikt F. X. von Baader, Sämtliche Werke, von F. Hoffmann et alt. Präsentiert (Leipzig 1851-1860), anastatische Wiederausgabe, Scientia, Aalen, vol. 6, pp. et 26.

[3] Alexis de Tocqueville, Œuvres complètes, présentées par J. P. Mayer, Gallimard, Paris, 1951 und folgende, vol. XIII, 2, pp. 337-38.

[4] Für die Souvenirs verweisen wir den Leser auf die Anthologie von Tocqueville von F. Mélonio und J. C. Lamberti, Laffont, Paris 1986, s. 798 – 812.

[5] Hippolyte Taine, Les origines de la France contemporaine (1876-94), Hachette, Paris, 1899, vol. 6, p. 64.

[6] Ibidem. vol. 5, pp. 21 und folgende.

[7] Ibidem. Vol. 7, pp. 205, 208 et 347-8 et vol. 1, p. 295.

[8] Domenico Losurdo, Le révisionnisme en histoire. Problèmes et mythes, traduit de l’italien par Jean-Michel Goux, Albin Michel, Paris, 2006, chap. 1,1.

[9] Theodor W. Adorno, Eingriffe. Neun kritische Modelle, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1964, pp. 132-3.

[10] Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism (1951) Harcourt, Brace & World, New York, 3° ed., 1966, pp. 457-9.

[11] Cf. Emily Eakin, Is Racism Abnormal ? A Psychiatrist Sees it as a Mental Disorder, in International Herald Tribune vom 17. Januar 2000, p. 3.

[12] Wyn C. Wade, The Fiery Cross. The Ku Klux Klan in America, Oxford University Press, New York-Oxford, 1997, p. 11.

[13] Ecce Homo, « Pourquoi j’écris de si bons livres ».

[14] Cf. Theodor W. Adorno, Studies in the Authoritarian Personality, in Id., Gesammelte Schriften, Suhrkamp, Frankfurt a. M., vol. 9, 1, p. 430.

[15] Alexis de Tocqueville, Œuvres complètes, cit., vol. 2, 2, p. 337 ; vol. 6, 1, p. 58 et vol. 3, 1, p. 229.

[16] Domenico Losurdo, Controstoria del liberalismo, Laterza, Roma-Bari, 2005, chap. VIII, § 7.

[17] Alphonse Aulard, Histoire politique de la Révolution française (1926), Scientia, Aalen (reproduction anastatique), 1977, p. 19, note 1.

[18] Cf. Hippolyte Taine, Les origines de la France contemporaine, cit., vol. 4, p. 262.

[19] Martin Luther, Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben (1525), in Die Werke, von Kurta Aland präsentiert, Klotz-Vandenhoeck & Ruprecht, Stuttgart-Göttingen, 1967, vol. 7, pp. 165, 168, 174 et 180 ; Martin Luther, Daß diese Worte : Das ist mein Leib etc. noch feststehen. Wider die Schwarmgeister (1527), in Werke, von Diaconus Dr. Buchwald et alt. präsentiert, Schwetschke, Braunschweig, 1890, vol. 4, pp. 342 und folgende.

[20] Domenico Losurdo, Nietzsche, il ribelle aristocratico. Biografia intellettuale e bilancio critico, Bollati Boringhieri, Torino, 2002, cap. 28, § 2.

[21] Cf. N. Cohn, The Pursuit of the Millennium (1957), tr. it., de Amerigo Guadagnin, I fanatici dell’Apocalisse, Comunità, Torino, 2000, p. 21.

[22] R. Conquest, Reflections on a Ravaged Century (1999), tr. it., de Luca Vanni, Il secolo delle idee assassine, Mondadori, Milano, 2001, pp. 15, 275 und folgende und 307.

[23] John M. Keynes, The economic consequences of the peace (1920), Penguin Books, London, 1988, pp. 56 und 267-68.

[24] Cf. Domenico Losurdo, Staline. Histoire et critique d’une légende noire, traduit de l’italien par Marie-Ange Patrizio, Aden, Bruxelles, 2011, chap. 3, 1 et 5, 6.

Domenico Losurdo

Domenico Losurdo Professor für Geschichte der Philosophie an der Universität von Urbin (Italien). Er leitet seit 1988 die Internationale Gesellschaft Hegel-Marx für Dialektisches Denken, und ist Gründermitglied der l’Associazione Marx XXIesimo secolo. Letztes veröffentlichte Werk : La non-violenza, Una storia fuori dal mito (Laterza, 2010).

 
Was geht in Syrien vor?
Was geht in Syrien vor?
Ausbreitung des Manipulationsgebietes
 

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

Sie können die Artikel des Réseau Voltaire frei vervielfältigen unter der Bedingung die Quelle anzuführen, ohne die Artikel zu verändern und ohne sie für geschäftliche Ziele zu benützen (Lizenz CC BY-NC-ND).

Das Netzwerk unterstützen

Sie benützen diesen Website auf dem Sie Qualitätsuntersuchungen finden, die Ihnen helfen Ihr Weltverständnis zu verbessern. Um dieses Werk fortzufahren brauchen wir Ihre Mitarbeit.
Helfen Sie uns mit einer Gabe.

Wie teilnehmen beim Voltaire Netzwerk ?

Die Gesprächsleiter des Réseau Voltaire sind alle ehrenamtlich.
- Autoren : Diplomaten, Wirtschaftswissenschaftler, Journalisten, Militär, Philosophen, Soziologen…Sie können uns Ihre Beitragsvorschläge unterbreiten.
- Übersetzer mit beruflichem Niveau : Sie können bei der Übersetzung mitwirken.