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Hinter dem Anti-Terror-Alibi, der Gaskrieg in der Levante

Wenn auch alle dem Anti-Terrorismus-Diskurs von Washington und seinen Verbündeten im Golf zustimmen, versteht jeder, dass er nur eine rhetorische Rechtfertigung für einen Krieg ist, der andere Ziele verfolgt. Die Vereinigten Staaten behaupten, das islamische Emirat [IE], das sie selbst erstellt haben, zerstören zu wollen und welches für sie die für den Umbau des "Erweiterten Nahen Ostens“ notwendige ethnische Reinigung unternimmt. Noch seltsamer, sie behaupten, das IE in Syrien mit der gemäßigten Opposition, die aus den gleichen Dschihadisten besteht, bekämpfen zu wollen. Schließlich haben sie in Raqqa Gebäude zerstört, die zwei Tage zuvor von dem islamischen Emirat evakuiert worden waren. Für Thierry Meyssan geht hinter diesen offensichtlichen Widersprüchen der Gaskrieg weiter.

| Damaskus (Syrien)
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Das Völkerrecht missachtend, entwickelt der US-Präsident Barack Obama mit seinen Verbündeten der Golfregion seinen Feldzug mit Luftangriffen in Syrien (New York, 23. September 2014).

Die Luftangriffe der USA im Irak und in Syrien stimmen nachdenklich: man kann keine terroristische Gruppe ausschließlich durch Luftangriffe zerstören. Im Irak haben die Vereinigten Staaten und der Golf-Kooperations-Rat ihre Maßnahmen mit denen der irakischen oder kurdischen Truppen auf dem Boden gekoppelt. In Syrien haben sie keine seriöse Kräfte, um gegen das islamische Emirat zu kämpfen. Und selbst in diesem Fall "sind diese Bombardierungen nicht in der Lage, die Fähigkeit des islamischen Emirats oder ihre Tätigkeit in anderen Bereichen des Irak oder Syriens einzuschränken", laut General William Mayville, Operationschef des US-Generalstabes [1].

Außerdem, und trotz der offiziellen Erklärungen, ist das islamische Emirat eine Schöpfung von den Vereinigten Staaten und dem GKR, welches ihren Interessen dient und erfolgreich ist:

• Im Mai 2013 kam Senator John McCain illegal den Generalstab der (gemäßigten) Freien Syrischen Armee, einschließlich Herrn Abu Yusuf, alias Abu Du’a, auch als Ibrahim al-Baghdadi bekannt, den aktuellen Kalifen Ibrahim (Leiter der Extremisten) in Syrien besuchen [2].

• Januar 2014 enthüllte Reuters, dass Präsident Obama eine geheime Sitzung des Kongresses einberufen hätte, während der der Kongress die Finanzierung und Bewaffnung der "Rebellen" in Syrien, darunter auch jener des islamischen Emirats bis September 2014 beschlossen habe [3]. Es war tatsächlich eine geheime Sitzung und nicht einfach eine unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die amerikanische Presse hat in ihrer Totalität die Zensur dieser Nachricht gebilligt.

• Stolz auf diese Anerkennung, beanspruchte dann das saudische Fernsehen die Tatsache, dass das islamische Emirat von Prinz Abdul Rahman al-Faisal geführt würde [4].

• Der Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes, General Aviv Kochavi, warnte seinerseits vor einer Verbreitung von anti-syrischen Kämpfern und offenbarte, dass die Al-Kaida-Mitglieder, einschließlich des islamischen Emirats (die noch nicht geschieden waren) in drei Lagern in der Türkei, in Şanlıurfa, Osmaniye und Karaman [unter Kontrolle der NATO] ausgebildet würden [5].

• Im Mai 2014 hat Saudi-Arabien dem islamischen Emirat neue schwere Waffen aus der Ukraine und eine Menge neu gekaufter Toyota geliefert, um in den Irak einzudringen. Die Übertragung erfolgte durch einen vom türkischen Geheimdienst gemieteten Sonderzug.

• Am 27. Mai ging Massud Barzani, Präsident der kurdischen regionalen Regierung vom Irak nach Amman, um die Invasion des Irak zwischen irakischen Kurden und dem islamischen Emirat zu koordinieren. Eine zusätzliche Sitzung fand wieder in Amman mit vielen sunnitischen Partnern am 1. Juni statt [6].

• Anfang Juni begannen das islamische Emirat und die lokale Regierung von Kurdistan den Angriff. Das islamische Emirat, gemäß seiner Aufgabe, verbreitete Terror, um die ethnische Säuberung durchzuführen, die die Armee der Vereinigten Staaten im Jahr 2003 nicht imstande waren zu realisieren. So verwirklicht sich der Plan des 2001 beschlossenen amerikanischen Generalstabes zum Umbau des "Erweiterten Nahen Osten".

Es gab also keinen Grund für die Vereinigten Staaten, außer dem mediatisierten und – verdächtigen – Tod von drei ihrer Staatsangehörigen, das islamische Emirat zu zerstören, der diese Feuersintflut rechtfertigen könnte.

Wenn es auch klar ist, dass das Hauptziel dieses Luftangriffes nicht das ist, was angekündigt wurde, kann niemand genau sagen, was er zu zerstören sucht. Man kann höchstens sagen, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten vom Golf (GKR) leere Gebäude in Raqqa, die zwei Tage zuvor vom islamischen Emirat evakuiert wurden und ein Dutzend Raffinerien im Osten von Syrien bombardiert haben.


Bombardierung einer syrischen Raffinerie durch die US Air Force am 24. September 2014.
Die Raffinerien gehören zu den teuersten Investitionen der Industrie.

Was machen also diese Raffinerien in einem angeblich gegen den Terrorismus gelieferten Krieg? Laut Pentagon wären sie von dem islamischen Emirat geführt und brächten ihm hohe Einkommen.

Diese Antwort ist natürlich falsch. Wenn unter Embargo stehende Staaten versuchen, Gas oder Öl auf dem Weltmarkt zu verkaufen, können sie das nicht. Aber das islamische Emirat kann es, trotz der Resolutionen 1373 (2001) und 2170 (2014) des Sicherheitsrates. Allgemein bekannt, stiehlt es Öl im Irak und Syrien, liefert es über Pipelines an den türkischen Hafen Ceyhan, von wo sie es durch Tanker der Palmali Shipping & Agency JSC, der Firma des Türkisch-aserbaidschanischen Milliardärs Mübariz Mansimov-Gurbanoğlu nach Israel transportieren. Am Hafen Aschkelon stellen die israelischen Behörden falsche Ursprungszeugnisse vom Ölfeld von Eilat aus, und dann wird es in die Europäische Union exportiert, die fälschlich glaubt, es käme aus Israel.

Da vor allem der gleiche Weg für den gestohlenen Gas und Öl Export von der lokalen irakischen Kurdistan-Regierung benutzt wird, müssten die Vereinigten Staaten und der GKR, wenn sie die Umsetzung der Resolutionen 1373 (2001) und 2170 (2014) tatsächlich respektierten, auch das irakische Kurdistan angreifen. Im Gegenteil, sie unterstützen es (nicht gegen das islamische Emirat, sondern gegen die Zentralregierung von Bagdad) [7].

Die Bombardierung dieser Anlagen kann deshalb nur als der Wille verstanden werden, Syrien seiner Raffineriekapazitäten zu berauben, wenn der Frieden zurückgekommen sein wird.

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Prinz Khaled, Sohn des Erben auf den Thron der Saud, Prinz Salman, beteiligt sich an der Bombardierung von Syrien am Steuer eines F-15.

Niemandem entgeht in diesem Fall, dass die Vereinigten Staaten sich auf Mitglieder des Golf-Kooperation Rates und vor allem auf Saudi Arabien stützen. In diesem Zusammenhang ist klar, dass die saudischen Flugzeuge nicht von ihrem Land abheben, eine Nachricht der iranischen Medien, nach denen sie in Israel stationiert wären, die aber immer noch nicht bestätigt, aber wahrscheinlich ist.

Oft haben wir festgestellt, dass eines der Hauptziele des Krieges gegen Syrien in der Kontrolle über seine riesigen Erdgas-Reserven liegt und der seines Hoheitsgebietes, durch das entweder eine Pipeline aus dem Iran gehen könnte, oder eine von seinen Rivalen, dem Katar und Saudi-Arabien.

Jedoch seit dem Widerstand von Novorussia und der Unterstützung durch die Russische Föderation versucht die Europäische Union, sich von der Abhängigkeit von russischem Gas zu befreien. Daher die Idee der iranischen Regierung, ihr Gas auf diesem Markt anzubieten, wie es der Öl-Vizeminister Ali Madschedi am 9. August angekündigt hatte [8]. Für den Iran wäre es eine Alternative zur Blockierung der Route über den Irak in Richtung Syrien durch das islamische Emirat.

Diese Option, die die staatlichen Interessen des Iran verteidigt, aber den antiimperialistischen Kampf des Präsident Ahmadinedschad fallen lässt, könnte als Teil einer umfassenderen Vereinbarung, während der 5 + 1 Verhandlungen von Washington akzeptiert werden. Der Iran würde akzeptieren, seine bahnbrechende Forschung für eine Kernenergie-Produktion, welche die Dritte Welt von der Öl-Abhängigkeit befreien könnte, aufzugeben, während der ’Westen’ seine Sanktionen einstellt.

Jedoch würde diese Wende, falls sie zustande kommen sollte, das regionale Gleichgewicht zutiefst ändern. Es wäre für Russland schwierig sie zu akzeptieren, das ja den Iran gerade in der Shanghai Cooperation Organization aufgenommen hat. Darüber hinaus wäre eine Investition von $ 8,5 Milliarden erforderlich, um 1800 Kilometer Pipeline zu bauen und die Produktion-Felder an das Nabucco-System anzuschließen. Das iranische Gas, ginge über Aserbaidschan und die Türkei, über Bulgarien, Rumänien und Ungarn, um in der Europäischen Union ab Österreich vertrieben zu werden. Das ist, was Scheich Hassan Rohani dem Präsidenten Hans Fischer, am Rande der Generalversammlung der Vereinten Nationen bestätigt hat [9].

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Der iranische Präsident Scheich Hassan Rohani erklärte seinem österreichischen Amtskollegen Hans Fischer sein Projekt der Gas- Lieferung an die Europäische Union (New York, 24. September 2014).

Die Revitalisierung des Nabucco-Systems wäre ein Segen für den Aserbaidschan, der so die Produktion von seinem Shah-Deniz-Gasfeld leichter exportieren könnte. Dadurch würde sich Baku auch von Moskau entfernen und sich Washington nähern, was seine plötzlichen Waffen- Käufe in Israel erklären könnte.

Aus dem syrischen Gesichtspunkt wäre eine Wende der iranischen Energiepolitik nicht unbedingt eine schlechte Sache: die meisten Feinde von Syrien - mit Ausnahme von Israel – hätten keinen Grund mehr den Krieg fortzusetzen. Darüber hinaus würde die Entfernung des Iran für Russland die Nützlichkeit von Syrien verbessern. Falls dieses Abkommen zustande käme, würde Washington in der sunnitischen Zone von Irak weiterhin für Instabilität sorgen, um eine physische Trennung zwischen Teheran und Damaskus beizubehalten, und würde sicherlich Daesch in Deir Ez–Zor unterstützen, aber den Rest Syriens in Ruhe lassen.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] “U.S. Air Strikes Are Having a Limited Effect on ISIL”, Ben Watson, Defense One, 11 August 2014.

[2] „John McCain, der Dirigent des "arabischen Frühlings" und der Kalif“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 18. August 2014.

[3] “Congress secretly approves U.S. weapons flow to ’moderate’ Syrian rebels”, Mark Hosenball, Reuters, 27 January 2014.

[4] « L’ÉIIL est commandé par le prince Abdul Rahman », Réseau Voltaire, 3 février 2014.

[5] “Israeli general says al Qaeda’s Syria fighters set up in Turkey”, Dan Williams, Reuters, 29 January 2014.

[6] „Enthüllungen der PKK über den Angriff des EIIL und die Schaffung von "Kurdistan"“, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 8. Juli 2014.

[7] „Der Dschihadismus und die Ölindustrie“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Al-Watan (Syrien), Voltaire Netzwerk, 23. Juni 2014.

[8] « Iran ready to supply energy to Europe via Nabucco », Irna, 9 August 2014.

[9] « Iran Ready to Supply Energy to Europe », Shana, 24 September 2014.

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 

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