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Der Fall von Palmyra kippt das geopolitische Gleichgewicht in der Levante

Die Situation in der Levante hat sich mit der Unterbrechung der alten „Seidenstraße“, der Passage vom Iran ans Mittelmeer, durch das Islamische Emirat wesentlich verschärft. Es gibt nur zwei Durchfahrtmöglichkeiten: entweder über Deir ez-Zor und Aleppo oder über Palmyra und Damaskus. Der erste Weg wurde Anfang 2013 abgeschnitten, der zweite gerade soeben. Der Fall von Palmyra wird also beträchtliche Folgen für das gesamte regionale Gleichgewicht haben.

| Damaskus (Syrien)
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Dieser Tage widmet die westliche Presse ihre Titelseiten Syrien, was seit zwei Jahren, seit der Chemiewaffenaffäre von Ghuta und dem Nato-Interventionsplan nicht mehr vorgekommen ist. Die Journalisten sind beunruhigt über den Vormarsch des Islamischen Emirats und über die mögliche Zerstörung der antiken Stadt Palmyra.

Nur Wenige allerdings kennen die Geschichte der Königin Zenobia, die im III. Jahrhundert die Schwäche des Römischen Reichs, von dem die Gallier sich schon befreit hatten, nutzte um ihren eigenen Sohn zum Kaiser auszurufen und sich selbst zur Regentin. Sie befreite nicht nur Syrien, sondern auch die Völker Ägyptens, Palästinas, Jordaniens, des Libanon, des Irak, eines Teils der Türkei und sogar des heutigen Iran. Ihre Hauptstadt Palmyra war eine Stadt von großem Raffinement, offen für alle Religionen – eine prächtige Etappe der Seidenstraße, die von China bis ans Mittelmeer führte. Allerdings gelang es dem General Aurelian, nach der Durchführung eines Staatsstreich in Rom die Einheit des Reiches wiederherzustellen, indem er zuerst die Kaiserin Zenobia und dann das Gallische Reich besiegte. Er setzte der Freiheit der Religion ein Ende, zwang den Kult des Sol Invictus („Unbesiegter Sonnengott“) auf und ernannte sich selbst zum Gott. Diese zauberhafte Geschichte macht Palmyra zum Symbol für den Widerstand der Levante gegen den westlichen Imperialismus jener Zeit.

Über die Bedeutung, welche die westliche Presse dem Fall von Palmyra verleiht, kann man sich wundern. Um so mehr als in dieser Woche der wichtigste Fortschritt von Daesh nicht in Syrien, nicht im Irak, sondern in Libyen durch den Fall von Syrte erfolgte, einer Stadt mit fünf- bis sechsmal mehr Bevölkerung als das syrische Palmyra. Dennoch wird dies von denselben Journalisten verschwiegen, die sich seit zwei Monaten ausführlich über die chaotische Situation in Libyen auslassen und nach einer europäischen Militärintervention rufen, um dem Transit der Migranten ein Ende zu setzen. In Wahrheit wird Daesh in Libyen durch Abdelhakim Belhaj kommandiert, der zum Militärgouverneur von Tripolis unter der Schirmherrschaft der Nato ernannt und am 2. Mai 2014 in Paris am Quai d’Orsay offiziell empfangen wurde.

Um noch etwas mehr zu dramatisieren, bestätigen die westlichen Journalisten einstimmig, von nun an „kontrolliert Daesh die Hälfte des syrischen Territoriums“ (sic). Indessen widersprechen ihnen ihre eigenen Karten, denn sie zeigen nur die Kontrolle über einige Städte und Landstraßen, nicht über die Regionen.

Offensichtlich zielt die mediale Behandlung der Situation im „erweiterten Vorderen Orient“ nicht darauf, Bericht zu erstatten über die Wirklichkeit, sondern beurkundet bestimmte klug ausgewählte Elemente, um politische Absichten zu rechtfertigen.

Daesh und der Einsatz von Palmyra

Wir wünschen uns, die durch den Fall Palmyras aufgeputschten Emotionen wären aufrichtig und die Westmächte hätten nun, nachdem sie ein Jahrzehnt lang mehrere Millionen Menschen in dieser Region umgebracht haben, beschlossen, mit diesen Verbrechen Schluss zu machen. Wir lassen uns aber nicht täuschen. Diese bestellten Emotionen sind darauf gerichtet, die Begründung für eine militärische Antwort auf oder aus Anlass von Daesh zu geben.

Diese ist unumgänglich, wenn Washington weiterhin das Abkommen, das es zwei Jahre lang mit Teheran ausgehandelt hat, unterschreiben will.

Tatsächlich ist Daesh durch die Vereinigten Staaten mit Unterstützung der Türkei, der Golf-Monarchien und Israels geschaffen worden, wie wir schon immer bestätigt haben und wie ein diese Woche in Teilen freigegebenes Dokument der Defense Intelligence Agency (DIA) bezeugt, das die Leser am Ende dieser Seite herunterladen können.

Im Gegensatz zu dem dummen Geschwätz mancher Journalisten, die das „Regime von Bachar“ (sic) beschuldigen, Daesh geschaffen zu haben, um die Opposition zu zersplittern und in Radikalismus abrutschen zu lassen, bezeugt die DIA, dass das Islamische Emirat für die Strategie der Vereinigten Staaten funktionell ist. Dieser Bericht mit Datum vom 12. August 2012, der weite Kreise der gesamten Obama-Verwaltung durchlaufen hat, kündigte klar die Pläne Washingtons an:

Wenn die Situation sich entwickelt, wird es die Möglichkeit geben, im Osten Syriens (Hassake und Deir ez-Zor) ein salafistisches Fürstentum einzurichten, anerkannt oder nicht, was genau das Ziel der Unterstützer der Opposition [die westlichen Staaten, die Golfstaaten und die Türkei] ist, um das syrische Regime zu isolieren, welches als strategische Tiefe der schiitischen Expansion (Irak und Iran) angesehen wird“.

Wie wir immer bestätigt haben, ist das Islamische Emirat durch eine Entscheidung des US-amerikanischen Kongresses entstanden, der in geheimer Sitzung im Januar 2014 zusammenkam, um den Wright-Plan zu verwirklichen. Es ging darum, ein „Kurdistan“ und ein „Sunnistan“ auf dem Rücken von Syrien und dem Irak zu erschaffen mit dem Zweck, nach dem Kauf von Deir ez-Zor (die Stadt ist kampflos bei korrupten Beamten gekauft worden) die „Seidenstraße“ zu unterbrechen.

Seit sehr alten Zeiten verbindet ein Bündel von Kommunikationswegen Xi’an (die ehemalige chinesische Hauptstadt) mit dem Mittelmeer. Diese Straße verbindet den Iran durch die Wüste mit dem Meer, entweder über Deir ez-Zor und Aleppo oder über Palmyra und Damaskus. Sie wird heute für den Waffentransit nach Syrien und zur libanesischen Hisbollah gebraucht und sollte für den Transport des Gases vom Gasfeld Fars (Iran) zum Hafen Latakia (Syrien) genutzt werden.

Palmyra, die „Stadt der Wüste“, ist nicht nur Überbleibsel einer wunderbaren Vergangenheit, sie ist ein strategisches Teilstück im regionalen Gleichgewicht. Deshalb ist es grotesk zu behaupten, die Syrische Arabische Armee hätte nicht versucht, sie zu verteidigen. In Wahrheit hat diese Armee gehandelt, wie sie immer seit der Ankunft der Söldner im Land gehandelt hat: Um die zivilen Verluste minimal zu halten, zieht sie sich zurück, wenn die Söldner in kleinen, koordinierten Gruppen (dank der Kommunikationsmittel, die ihnen der Westen liefert) vordringen, und sie schlägt zu, wenn sie sich neu gruppieren.

Die internationale Anti-Daesh-Koalition, die von den Vereinigten Staaten im August 2014 geschaffen wurde, hat nie die Jihadisten bekämpft. Im Gegenteil, es ist bewiesen – nicht nur einmal, sondern etwa vierzigmal –, dass die Flugzeuge des Westens Waffen und Munition für das Islamische Emirat abgeworfen haben.

Im Übrigen gibt das genannte Bündnis von 22 Staaten vor, eine höhere Anzahl Menschen zur Verfügung zu haben, die besser aufgestellt sind und über besseres Material als Daesh verfügen. Dennoch ist das Islamische Emirat von ihm nicht zum Rückzug gebracht worden, es erobert vielmehr fortgesetzt neue Straßen.

Die Evolution der US-amerikanischen Interessen

Wie dem auch sei, Washington hat seine Strategie verändert. Wie die Nominierung des Colonels James H. Baker zum neuen Strategen des Pentagon belegt, ist das Blatt der Strategie des Chaos gewendet. Die Vereinigten Staaten kommen zu einem klassischen Imperiumskonzept zurück, das auf stabile Staaten gegründet ist. Und um das Abkommen mit dem Iran zu unterzeichnen, müssen sie nun vor dem 30. Juni das Islamische Emirat aus der Levante fortschaffen.

Die überzogene Pressekampagne zum Fall von Palmyra könnte einfach eine Vorbereitung der öffentlichen Meinung auf einen wirklichen Militäreinsatz gegen Daesh sein. Dies wird die Bedeutung des Treffens der 22 Mitglieder des Bündnisses (und zweier internationaler Organisationen) am 2. Juni in Paris sein. Bis dahin wird das Pentagon entscheiden müssen, ob es das Islamische Emirat zerstört oder es verlegt und anderswo für neue Aufgaben benutzt. Drei Bestimmungen sind in Betracht zu ziehen: die Jihadisten in Libyen zu ersetzen; in Schwarzafrika; oder im Kaukasus.

Im gegenteiligen Fall wird der Iran nicht unterzeichnen und der Krieg würde sich bis zu seinem Höhepunkt fortsetzen, denn der Fall von Palmyra unter den vom Westen erzeugten Schlägen der Jihadisten wird dieselben Folgen haben wie ihre Eroberung durch die Legionen des Aurelian. Von nun an wird sie das Überleben der „Achse des Widerstands“ bedrohen, das heißt der Koalition Iran-Irak-Syrien-Libanon-Palästina. Die Hisbollah zieht in Betracht, die allgemeine Mobilmachung zu verfügen.

Übersetzung
Sabine

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