Voltaire Netzwerk

Mazedonien: USA und Albanien wollen dem russischen Einfluss auf dem Balkan ein Ende machen

Über den unmittelbaren Anlass hinaus, der die Vereinigten Staaten im letzten Monat zu einem Einsatz zur Destabilisierung Mazedoniens antrieb, beobachtet die Senatorin Elena Guskova die Strategie Washingtons auf dem Balkan seit dreißig Jahren. Aus Sicht der berühmten Historikerin wollen die Vereinigten Staaten mit allen Mitteln dem Einfluss Russlands auf die Region ein Ende machen, auch auf die Gefahr hin, die Völker zu teilen und alle aktuellen Staaten zu zerstören.

| Moskau (Russland)
+
JPEG - 33.7 kB

Die Situation in Mazedonien wurde in einem bedeutsamen Augenblick destabilisiert: dem der Feierlichkeiten zum siebzigsten Jahrestag des Sieges über den Faschismus. So begannen am 7. Mai organisierte Kundgebungen der Opposition in Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, und in der Nacht des 9. Mai verließen Kommandos bewaffneter Albaner den Kosovo in Richtung Mazedonien, um dort die Stadt Kumanovo zu besetzen. Der mazedonische Präsident Gjorge Ivanov sah sich gezwungen, die Feiern in Moskau zu verlassen [1].

Die mazedonische Polizei reagierte entschlossen: Die Kämpfenden wurden besiegt, dann neutralisiert, aber die Kundgebungen der Opposition dauerten an. Auf dem Platz im Zentrum der mazedonischen Hauptstadt wurden Zelte errichtet und die Demonstranten brachten erweiterte Forderungen zum Ausdruck: einen Regierungswechsel und Neuwahlen.

In Moskau verstand man sofort: Eine weitere „Farbrevolution“ oder ein „mazedonischer Maidan“ waren im Anmarsch. Der russische Außenminister Sergej Lawrow drückte die Besorgnis seines Landes angesichts der Ereignisse in Mazedonien aus und umriss Moskaus Einschätzung der Ursachen und der möglichen Entwicklung. Er warnte vor dem gefährlichen Charakter weiterer Schritte der Albaner in der Region – Aktivitäten, die ab jetzt von Tirana, der Hauptstadt Albaniens, gesteuert würden. Tirana kündigte an, das Projekt „Groß-Albanien“ weiter zu verfolgen. Dem albanischen Premierminister Edi Rama zufolge ist die Vereinigung von Albanien und dem Kosovo unumgänglich, gleich ob sie sich in der Europäischen Union abspielt oder nicht.

Der russische Außenminister ist überzeugt davon, dass der Konflikt in Mazedonien von ausländischen Kräften dirigiert wird. „Die Ereignisse in Albanien werden offensichtlich von außen kontrolliert“, kommentierte er. In der Tat werden die Demonstrationen in Skopje von der CIA und bestimmten Nicht-Regierungs-Organisationen unterstützt. Die US-Diplomaten, die dem mazedonischen Premierminister Nikola Gruevski raten, vorgezogene Wahlen einzuberufen, sind bei allen Verhandlungen anwesend. Die Menge auf der Straße agiert nach dem üblichen Szenarium der „Farbrevolutionen“, das bereits in Serbien, in Georgien, in der Ukraine und zahlreichen anderen Ländern ausprobiert wurde. Allerdings hat die mazedonische Variante einige Besonderheiten.

Zuallererst ist die herrschende Partei in Mazedonien – mit dem schwierigen Namen VMRO-DPMNE – eine mächtige und erfahrene politische Kraft, die solide Unterstützung durch das Volk genießt und sowohl die Basis des Präsidenten wie auch des Premierministers ist. Die Regierung konnte mit Leichtigkeit 90.000 ihrer Anhänger auf die Straßen schicken. Die Polizei handelte kompetent, ließ sich nicht provozieren und gab den Demonstranten gegenüber auch in nichts nach. Deshalb kann man vermuten, dass die Kundgebungen auf der Straße sich sehr wahrscheinlich „im üblichen Szenario“ ohne große Auswirkungen hinziehen werden.

Die zweite Besonderheit, der sogenannte „albanische Faktor“, ist besonders wichtig. Die Albaner werden von den plumpen ausländischen Elementen als Sprecher benutzt und sind leicht zu mobilisieren, wenn der Prozess der „Maidanisierung“ von Skopje sich hinzieht. Wenn die Albaner „grünes Licht“ bekommen, sich an den Demonstrationen zu beteiligen, werden sie zu den Waffen greifen und ihr eigenes Drehbuch von „Regimewechsel“ schreiben. In diesem Fall werden Provokationen, bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Polizei und Tote auf beiden Seiten folgen. Dieses Szenario ist das wahrscheinlichste – aus dem folgendem Grund.

Nie würden die Albaner die mazedonischen Demonstrationen unterstützen, wenn sie diese Ereignisse nicht für ihre eigenen Interessen nutzen wollten. Ihr Interesse ist die Vereinigung aller Gebiete mit einer albanischen Mehrheit rings um Albanien. Das Projekt „Groß-Albanien“ ist 130 Jahre alt. Ins Stadium seiner Umsetzung ist es offensichtlich mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts gekommen.

Zuerst kämpften die Kosovo-Albaner um die Abtrennung von Serbien, 2001 schlossen sich ihnen die Albaner von Mazedonien und aus dem Süden Serbiens an. 2008 erklärten die Kosovo-Albaner mit Unterstützung Washingtons ihre Unabhängigkeit. Am Ende der Verhandlungen von Belgrad und Pristina (2011 – 13) wurde der Kosovo de facto unabhängig. Zur anerkannten und legalen Unabhängigkeit fehlt Pristina nur ein Element: die Zustimmung Serbiens. Dem Willen Belgrads konnte sich selbst der Sicherheitsrat der UNO nicht widersetzen. Aber Belgrad schwankt. Die Geduld der Kosovo-Albaner geht dem Ende zu. Außerdem sind sie nicht die einzigen, die warten. Mit ihnen warten die Albaner von Mazedonien, von Montenegro und aus Griechenland. Das Vorhaben ist ausreichend bekannt. Sobald der Kosovo einen Platz in der UNO bekommt, werden sich die Albaner von Mazedonien, aus dem Süden Serbiens, aus Montenegro und dem Norden Griechenlands mit den Waffen in der Hand und mit Unterstützung des Kosovo für die Abspaltung von Mazedonien erheben.

Der Westen wird dieses Projekt unterstützen, denn für ihn ist es wichtig, die Serben und die anderen orthodoxen Völker des Balkans zu schwächen und von Moskau zu isolieren. Die Vereinigten Staaten brauchen Militärbasen für die politische Kontrolle der Region. Die Europäische Union akzeptiert schweigend die Wendung der Ereignisse und hat die naive Hoffnung, dass die Umgestaltung des Balkans sich auf friedliche Weise vollziehen wird. Doch wenn der Plan zur Schaffung von Groß-Albanien in Gang kommt, dann wird die Europäische Union an ihrer Türschwelle eine explosive Brutstätte von andauernden Spannungen, Hass, Verbrechen und Gesetzlosigkeit erben. Der „zur Hälfte“ unabhängige Kosovo legt eine solche Vorhersage nahe.

Weil das Tempo auf dem Weg zur vollen Unabhängigkeit des Kosovo nachgelassen hat, beginnen die Albaner in ihrer Ungeduld, an Serbien und Europa zu appellieren . Zunächst hat ein Prozess begonnen, der weder in Albanien noch in Europa erklärt werden kann: Zu Tausenden verlassen albanische Familien ihr Zuhause im Kosovo, in Montenegro, Mazedonien und ziehen nach Albanien und – dank der offenen Grenzen – nach Europa. Die Behörden vor Ort stehen vor einem Rätsel und erklären diese Migration mit der Massenarbeitslosigkeit, unter der die Region leidet. Aber nach unserer Meinung ist dieser große albanische Exodus entweder eine Methode, die europäische Union daran zu erinnern, dass die Zeit reif ist für die Regelung der Unabhängigkeit des Kosovo, oder er ist die Vorbereitung auf einen großen Krieg.

In Preševo, Medveda und Bujanovac (im Süden von Serbien) bereitet man in hohem Tempo die Abtrennung dieser drei Regionen vom Rest Serbiens vor. In Montenegro sind, ethnisch betrachtet, nur 5,5 Prozent der Bevölkerung Albaner und doch ist die Stimmung dort angespannt. Griechenland wird ebenfalls mit der albanischen Frage konfrontiert. Tirana hat Athen seine Ansprüche auf gewisse Grenzgebiete schon mitgeteilt. Außerdem zeigen die Albaner in Mazedonien, dass sie bereit sind, ihr Anliegen mit Waffengewalt zu regeln. Die radikalen Kräfte des Kosovo fordern von Tirana und Pristina, sich in Mazedonien einzumischen und „den Diktator Nikola Gruevski zu stoppen“, weil die mazedonische Polizei Albaner angegriffen habe. Sie versprechen, dass sieben Millionen Albaner „auf dem Marsch sind, um Mazedonien mit bloßen Händen einzunehmen und dass dieses Land bald nicht mehr existieren wird“.

Wie werden die Ereignisse in Mazedonien sich entwickeln? Wahrscheinlich werden die europäischen Politiker und die UNO ihre Besorgnis um die Demokratie im Lande ausdrücken, den Einsatz der mazedonischen Polizei in Kumanovo verdammen und eine internationale „unparteiische“ Untersuchung über „die Verletzung der Menschenrechte“ fordern (ohne vom Vorwurf des Terrorismus zu sprechen). Solange die Polizei zögerlich auftritt, werden die albanischen Militanten eine Reihe von Provokationen und Terrorhandlungen im Lande anzetteln und der mazedonischen Regierung und dem Präsidenten die Verantwortung für die Toten und Verletzten zuschieben. Die Albaner von Tetovo, Kumanovo und Skopje werden anfangen, bewaffnete Einheiten zu bilden, und bestimmte Gebiete unter ihre Kontrolle bringen. Die Europäische Union wird damit drohen, Mazedonien den Anschluss an die EU zu verweigern, und so Gruevski dazu nötigen, Frieden mit den Aufständischen zu schließen und keine militärische Gewalt anzuwenden.

Wenn die Albaner wie in 2001 eine Nationale Befreiungsarmee (die seither in den Untergrund gegangen ist) auf die Beine stellen, wird der Krieg unvermeidbar. Dann werden die Kämpfer von al-Qaida und dem Islamischen Staates den moslemischen Albanern zu Hilfe kommen. Und sie werden den Mazedoniern ihre Bedingungen diktieren. Diejenigen, die die Albaner ermutigten, im Kosovo zu bleiben und jene, die 2001 eine Ausweitung ihrer Rechte in Mazedonien forderten, werden sich versöhnen. Die mazedonische Regierung wird am Verhandlungstisch gezwungen sein, weitgehende Konzessionen an die Albaner zu machen, die für einen Teil des Landes die Forderung nach Unabhängigkeit aufstellen werden. So werden gleichzeitig die ehrgeizigen albanischen Ambitionen befriedigt und die Ziele der USA erreicht, durch gefügige und gehorsame Marionetten-Staaten die vollständige Kontrolle über den Balkan zu bekommen.

Vergessen wir nicht das Wichtigste: Washington hofft, dass auf diese Weise der Einfluss Russlands in der Region sein Ende finden wird.

Übersetzung
Sabine

Quelle
Strategic Culture Foundation (Russland)

[1] Zum selben Thema: „Schlappe für US-Staatsstreich in Mazedonien“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Sabine, Voltaire Netzwerk, 3. Juni 2015, und die Akte von Horizons et débats, „Washington tente un changement de régime en Macédoine“, Voltaire Netzwerk, 1. Juni 2015.

Elena Gouskova

Elena Gouskova Doktorin der Geschichte, Spezialgebiet Slawische Völker. Universitätsprofessorin. Seit 2009 Senatorin der Republik Srpska (Bosnien and Herzegowina).

 

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

Sie können die Artikel des Réseau Voltaire frei vervielfältigen unter der Bedingung die Quellen anzuführen, ohne die Artikel zu verändern und ohne diese für kommerzielle Zwecke zu nutzen (Lizenz CC BY-NC-ND).

Das Netzwerk unterstützen

Sie benützen diesen Website auf dem Sie Qualitätsuntersuchungen finden, die Ihnen helfen Ihr Weltverständnis zu verbessern. Um dieses Werk fortzufahren brauchen wir Ihre Mitarbeit.
Helfen Sie uns mit einer Gabe.

Wie teilnehmen beim Voltaire Netzwerk ?

Die Gesprächsleiter des Réseau Voltaire sind alle ehrenamtlich.
- Übersetzer mit beruflichem Niveau : Sie können bei der Übersetzung mitwirken.