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Die Vorbereitung des russischen Militäreinsatzes in Syrien geht weiter

Eine Kampagne von Gegnern des Abkommens zwischen den USA und dem Iran wurde gestartet, um die Russische Föderation zu beschuldigen, Syrien wie die Krim militärisch annektieren zu wollen. In Wirklichkeit bereitet Moskau in Umsetzung der Beschlüsse der Vereinten Nationen eine Operation gegen die Dschihadisten vor, und wird sie mit oder ohne Washington durchführen. Das Weiße Haus hat bereits eine gemeinsame Operation der internationalen Koalition und Syrien organisiert. Frankreich versucht auf den fahrenden Zug aufzuspringen, obgleich es noch hofft, die USA/Iran Versöhnung sabotieren zu können.

| Damaskus (Syrien)
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Am Rande des Wirtschaftsforums von Wladiwostok hat Präsident Wladimir Putin am 4. September 2015 seine Absicht einer Intervention in Syrien gegen die Dschihadisten bestätigt.

Die Vorbereitung des russischen Militäreinsatzes in Syrien geht weiter und verärgert den Westen. Die Ankündigung über die Einrichtung der gemeinsamen syrisch-russischen militärischen Kommission, die russische Satelliten-Informationsübertragung, die Ankunft vieler russischer Experten und die Lieferung von verbesserten Waffen, die ich in meiner wöchentlichen Kolumne von Al-Watan [1] gemacht hatte, hat einen Sturm ausgelöst, als sie durch die israelische Websites Ynet [2] und DebkaFile [3] bestätigt wurde. Später fügte ich diesen Elementen die Modernisierung und Erweiterung des Flughafen in Latakia hinzu [4].

Doch wieder einmal verdrehten die israelischen Journalisten die Realität. Sie gaben zu verstehen, dass Russland seine Luftwaffe und seine Infanterie bereitstellen würde, um eine dem Tode geweihte syrische Regierung zu verteidigen. Einige Kommentatoren, in Anbetracht einer möglichen Übertragung von Sewastopol der 810. Brigade der russischen Marine, verwiesen auf das Beispiel der Krim und sprachen über eine mögliche russische militärische Annexion von Syrien [5].

Viele atlantische Fernsehen veröffentlichten ein Video der Kämpfe in Latakia, in dem man hörte, dass die syrischen arabischen Armee-Offiziere Russisch sprachen. Laut Yuri Artamonov erlaubt eine Analyse des Waffenlärms die Folgerung, dass die Stimmen nicht von syrischen Truppen, sondern von Dschihadisten stammen, die sie bekämpfen [6]. Seit Langem haben wir festgestellt, dass die meisten Daesh Offiziere per Walkie-Talkie auf Türkisch und Russisch und nicht auf Arabisch kommunizieren.

So ist es natürlich nicht. Die Russische Föderation sucht weiterhin eine politische Lösung des inter-syrischen Konflikts und organisiert einen Dialog zwischen der Regierung und der Opposition, gemäß des Genfer Abkommens vom 30. Juni 2012 [7].

Zur gleichen Zeit plant die Russische Föderation, auf Anruf der syrischen arabischen Republik unter den einschlägigen Resolutionen des Sicherheitsrats, dem Beispiel der durch die Vereinigten Staaten geführten Koalition gegen Daesh zu folgen und ihre eigene Operation gegen die Dschihadisten zu starten.

Russland hat am 28. August den US-Gesandten, Michael Ratney, während seiner Reise nach Moskau darüber informiert [8]. Darüber hinaus forderte Sergej Lawrow öffentlich eine Abstimmung mit der US-Armee gegen die Dschihadisten [9].

Und das ist genau, was den Petraeus/Allen/Clinton/Feltman/Juppé/Fabius-Clan so erschreckt. In Syrien trennt eine riesige Kluft die Realität von der Medien-Fiktion. Und wie immer in dieser Art der Situation, sind es mit der Zeit die Propaganda-Produzenten, die sich in ihrer Rhetorik verfangen und sie sind letztendlich selbst jene, die durch ihre eigenen Lügen getäuscht werden.

Die Russische Föderation will nicht Daesh ’reduzieren’, sondern alle Dschihadisten besiegen, egal ob sie sich auf das islamische Emirat, auf Al-Kaida, auf die islamische Front oder irgendeine andere Organisation berufen. Plötzlich erkennt jeder, dass es derzeit keine regierungsfeindliche bewaffnete Gruppe mehr gibt, die nicht mit Dschihadisten verbunden ist. Das ist so wahr, dass das Pentagon zugibt, keine Nachrichten von den "gemäßigten Rebellen" mehr zu haben, die es für die Bekämpfung von Daesh ausgebildet hatte, weil alle, ohne Ausnahme, sich bereits al-Kaida angeschlossen haben. Die Syrer, die sich den ausländischen Kämpfern zu Beginn des Krieges angeschlossen haben, sind durch die zahlreichen von der Regierung umgesetzten Versöhnungs-Abkommen seit drei Jahren von der Republik aufgenommen worden, oder haben die Dschihadisten Partei ergriffen.

Daher, wenn sie beschließen ans Werk zu gehen, werden die Russen alle bewaffneten Gruppen angreifen, die Terror in Syrien verbreiten. Die Westler können nicht mehr verheimlichen, dass die "Nationale Koalition der Oppositionskräfte und der Revolution", die sie als die Vertreter des syrischen Volkes anerkannt haben, die Dschihadisten unterstützen. Sie müssen daher die politischen Parteien von Syrien, einschließlich derjenigen in Verbindung mit der Baath-Partei berücksichtigen, um die Dschihadisten zu bewältigen.

Ein umfassender Fehler der Diagnose

Die Westler, die ihre Botschaften geschlossen und sich damit alle Mittel zur Analyse der Geschehnisse in dem Land genommen haben, haben mehrere Fehler in der Beurteilung begangen. Sie ignorieren die Wandlung der syrischen Gesellschaft durch vier Kriegsjahre.

Erstens gibt es wohl politische Konflikte in Syrien, aber keinen Bürgerkrieg. Fast alle Bürgerinnen und Bürger stehen hinter Präsident Al–Assad, gegen die ausländische Aggression, die das Überleben der Zivilisation der Levante bedroht.

Die Atlantiker Presse glaubt, dass das Regime nur mehr 20 % des Territoriums kontrolliert und dass es daher bald einstürzen wird. Tatsächlich ist das bewohnbare syrische Gebiet beschränkt, während die Wüste groß ist. Die Republik hat entschieden, die Bevölkerung zu verteidigen, an Stelle des Landes mit seinen so begehrten Öl-Feldern. Aus der Perspektive der Regierung mussten 20 % der Bevölkerung wegen der Kämpfe Zuflucht im Ausland suchen, 75 % stehen unter dem Schutz der Republik, und höchstens 5 % leben in den riesigen Gebieten, in denen die Dschihadisten tätig sind.

Dann, als im Jahr 2011 viele an den Mythos des "arabischen Frühlings" glaubten, ist es aber heute nicht mehr so. Das Projekt des Department of State, die Muslim-Bruderschaft in der arabischen Welt an die Macht zu befördern, ist im Sand verlaufen. Das Ägyptische Experiment wurde ein abschreckendes Beispiel. Seit der Operation "Vulkan von Damaskus" vom Juli 2012 ist der Konflikt ein Dschihadisten-Krieg. Die Wahl ist nicht mehr, für oder gegen die nationalistische Baath-Partei zu sein, sondern für oder gegen die Modernität. Die Dschihadisten verteidigen ein Gesellschaftsmodell, das von polygamen Männern beherrscht wird, wo Frauen ihre Häuser nur verschleiert und von einem Mann der Familie eskortiert verlassen können, in denen Homosexuelle zum Tode verurteilt werden, wo nur der Islam erlaubt ist und wo die Wahhabiten-Praxis Pflicht ist. Es ist schon verwunderlich, dass 5 % der Bevölkerung damit einverstanden sind, in Gebieten zu leben, wo die Dschihadisten herrschen. Und es ist absurd zu hoffen, dass sie zahlreicher werden könnten [10].

Mit dem Festhalten an dem Mythos des "arabischen Frühlings", den sie selbst geschaffen und selbst zerstört haben, haben die Westler den Kontakt zur Realität verloren. Sie behaupten, eine dem Präsidenten Al-Assad feindlich gesinnte demokratische Bewegung zu unterstützen. Aber, wenn in Kriegszeiten die Demokratie ein Luxus zu sein scheint, unterstützen nicht nur die Demokraten Präsident Al-Assad gegen die Dschihadisten, sondern er erscheint auch ihr bester Trumpf zu sein.

Da die Atlantiker Presse ihre Informationen allein bei der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (OSDH) einholt, hat sie sich immer selbst und die öffentliche Meinung getäuscht. Die OSDH ist kein neutraler Verein, sondern ein Propagandaorgan der Muslimbruderschaft. Und die Bruderschaft ist die Matrix aller dschihadistischen Gruppen. Alle ihre Anführer sind Mitglieder oder ehemalige Mitglieder der Muslimbruderschaft, von Ayman al-Zawahiri, bis zu Zahran Alluche. Die Westler bezahlen jetzt die Folgen einer vierjährigen Propaganda.

Der Fall von Frankreich

Präsident Hollande hat angekündigt, er erlaube seinen Streitkräften das syrische Gebiet zum Sammeln von Informationen über Daesh zu überfliegen, und könnte anschließend ihnen auch erlauben, die Dschihad-Organisation zu bombardieren.

In dieser Ankündigung liegt ein Stück verzweifelter Gestik. In der Tat rechtfertigt François Hollande sie durch die Unmöglichkeit, Daesh wirksam zu bekämpfen, wenn es nur im Irak bombardiert wird; aber das ist genau das Argument, das Präsident Obama verwendet hatte, um ihn im Jahr 2014 zu überzeugen, das er aber damals abgelehnt hat. Ebenso ist es eine Form von Angeberei vorzugeben, dass die Luftschläge am 8. September begonnen hätten, als ein Sandsturm von historischer Stärke in dem Nahen Osten wütete, die elektronischen Navigationssysteme außer Betrieb stellte und das Abheben von Flugzeugen unmöglich machte. Vor allem ist es eine seltene böse Absicht zu behaupten, dass die syrische arabische Armee französische Flugzeuge nicht abschießen würde, weil sie nicht mehr den Norden des Landes kontrolliert, während Frankreich heimlich eine militärische Botschaft nach Damaskus gesendet hatte, um die erforderliche Überflug-Genehmigung einzuholen.

Obama setzt die Umsetzung des Abkommens von Lausanne fort

Es scheint jedoch, dass Frankreich die Konsequenzen des Abkommens zwischen Washington und Teheran vom 14. Juli in Lausanne gezogen hat, und dass es nicht wünscht, in einem Nahen Osten in vollständiger Reorganisation isoliert dazustehen.

Obwohl die internationale Anti-Daesh Koalition das Islamische Emirat seit einem Jahr absolut nicht bekämpft hat, weder im Irak noch in Syrien, sondern es stattdessen durch massive und wiederholte Abwürfe mit Waffen unterstützte, befahl Präsident Obama ihr, der Arabischen Republik Syrien zu helfen, um Hassake zu verteidigen. Am 27. und 28 Juli haben die beiden Kräfte gemeinsam Daesh zurückgeworfen. Die Bombardierung der Koalition tötete fast 3000 Dschihadisten.

Logischerweise sollte der nächste Schritt sein, die russischen Streitkräfte in der Anti-Daesh-Koalition aufzunehmen, aber das ist unwahrscheinlich. Tatsächlich wollen jene US-Amerikaner und Franzosen, die gegen den Frieden mit dem Iran sind, das Chaos nicht nur in der Levante, sondern auch in Nordafrika und im Schwarzen Meer verbreiten. Es sind diejenigen, die Russland vorwerfen, Assad vor dem Arabischen Frühling „retten“ zu wollen. Man sollte eher mit der Bombardierung von Daesh durch zwei separate Koalitionen rechnen; auch auf längere Sicht mit einer Differenzierung der Rollen, wo die Vereinigten Staaten sich mit dem Irak und Russland mit Syrien beschäftigen.

Wichtige Punkte:
- Russland bereitet sich vor, Daesh in Syrien, nicht aber die demokratische Opposition zu bekämpfen.
- In vier Kriegsjahren hat sich die syrische Gesellschaft grundlegend geändert. Die Wahl ist heute nicht mehr für oder gegen Präsident Al-Assad, sondern für oder gegen das Gesellschaftsmodell der muslimischen Brüder.
- Es gibt keine bewaffnete anti-Assad Gruppe mehr, die nicht mit den Dschihadisten verbunden ist.
- Nach ihrer Vereinbarung mit dem Iran haben die Vereinigten Staaten eine gemeinsame Operation mit Syrien gegen die Dschihadisten in Hassake durchgeführt.
- Frankreich hat Anfang September eine geheime militärische Botschaft nach Damaskus geschickt, und erhielt die Erlaubnis für den Überflug von Syrien.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] „Die russische Armee beginnt sich in Syrien zu engagieren“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Sabine, Neue Rheinische Zeitung (Deutschland), Voltaire Netzwerk, 24. August 2015. Al-Watan.

[2] “Russian jets in Syrian skies”, Alex Fishman, Ynet (Yedioth Ahronot), August 31, 2015

[3] “Russia gearing up to be first world power to insert ground forces into Syria”, DebkaFile, September 1, 2015.

[4] „Frankreich versucht das Aufgebot von russischem Militär in Syrien zu behindern“, Übersetzung Sabine, Voltaire Netzwerk, 8. September 2015.

[5] “Putin Sends His Dirty War Forces to Syria”, Michael Weiss & Ben Nimmo, The Daily Beast, September 10, 2015.

[6] “Are there Russian troops in Syria?”, Yuri Artamonov, September 5, 2015.

[7] « Communiqué final du Groupe d’action pour la Syrie », Réseau Voltaire, 30 juin 2012.

[8] “Russia emerges as key player in new round of Syria diplomacy. U.S. diplomat latest to visit Moscow for talks”, Guy Taylor, Washington Times, August 28, 2015.

[9] “Russia to U.S.: talk to us on Syria or risk ’unintended incidents’”, Christian Lowe & Julia Edwards, Reuters, September 11, 2015.

[10] „Arabischer Bürgerkrieg“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 30. März 2015.

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 

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