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Der Quincy-Pakt schützt nur den saudischen König, nicht seinen Erben

Die Panamaer, die sich an Washingtons Verhaftung von General Noriega, eines US-Angestellten, erinnern, sind über das von Washington dem Saudischen Kronprinzen vorbehaltene Schicksal nicht überrascht. Die Dschamal Khashoggi-Affäre gehört zu den kleineren Verbrechen von MBS, aber sie sollte sein letztes sein. Die Saud Familie ist nicht durch den Quincy-Pakt geschützt, der nur für den König gilt. Die Vereinigten Staaten werden voraussichtlich mehrere Milliarden Dollar zurückholen.

| Bejrút (Libanon)
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Als er den Saudi-Kronprinzen „MBS“ empfing, hatte Präsident Trump die von Riyad an sein Land gerichteten kostspieligen Aufträge kurz zusammengefasst und mit einem Lächeln geschlossen: „Sie können das bezahlen, nicht wahr?“

Die Khashoggi Affäre ist eines von vielen Beispielen einer den jeweiligen Umständen angepassten Ethik des Westens.

Das Arabien der Saud

Es ist schon 70 Jahre her, dass man eine eklatante Tatsache ignoriert hat: Saudi Arabien ist kein Staat wie jeder andere. Es ist der Privatbesitz seines Königs und alle diejenigen, die dort wohnen sind nur seine Leibeigenen. Das ist der Grund, warum es wie die Eigentümer, die Saud, heißt, d. h. das Arabien der „Saud".

Im 18. Jahrhundert verbündete sich ein Beduinenstamm, die Saud, mit der Sekte der Wahhabiten und erhob sich gegen das Osmanische Reich. Es gelang ihnen im Hedschas, in der Region der arabischen Halbinsel, wo die heiligen Städte des Islams, Mekka und Medina liegen, ein Königreich zu errichten. Sie wurden jedoch bald von den Osmanen niedergeschlagen. Im frühen 19. Jahrhundert organisierte ein Überlebender des Stammes Saud einen neuen Aufstand. Aber seine Familie zerfleischte sich und wurde wieder besiegt.

Im zwanzigsten Jahrhundert setzen die Briten schließlich auf die Saud, um das Osmanische Reich zu stürzen und die Öl- und Gasreserven der arabischen Halbinsel auszubeuten. Mit Hilfe von Lawrence von Arabien gründen sie das aktuelle Königreich, das dritte des Stammes.

Die Idee des Foreign Office [Auswärtigen Amtes] war, dass die Saud und die Wahhabiten ihren Leibeigenen verhasst und nicht in der Lage seien, mit ihren Nachbarn auszukommen. In Anbetracht des Missverhältnisses der militärischen Kräfte zwischen den Schwertern der Saud und den modernen Waffen der Briten, war diese Familie nie in der Lage, sich gegen ihre westlichen Herren aufzulehnen. Am Ende des zweiten Weltkrieges aber nutzten die Vereinigten Staaten die Schwäche der Briten, um sich an ihre Stelle zu setzen. Präsident Franklin D. Roosevelt schloss mit dem Gründer des Königreichs auf der USS Quincy den nach dem Unterzeichnungsort benannten Pakt. Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, im Austausch für ihr Öl, die Familie Saud zu beschützen. Darüber hinaus würden die Saud keine Einwände gegen die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina erheben. Dieses Dokument wurde von Präsident George W. Bush erneuert.

Nach Auffassung des Begründers des Wahhabismus, Mohammed Ben Abdelwahhab, sollten alle diejenigen, die sich seiner Sekte nicht anschlossen, ausgerottet werden. Zahlreiche Autoren identifizieren die Nähe des wahhabitischen Lebensstils mit dem von bestimmten jüdischen orthodoxen Sekten und von manchen christlichen puritanischen Pastoren. Um ihren Einfluss im Nahen Osten zu erhalten, beschlossen die Briten jedoch die arabischen Nationalisten zu bekämpfen und die Muslimbruderschaft und die Naqchbandis zu unterstützen. Deshalb baten sie die Saud, im Jahre 1962, die islamische Weltliga zu schaffen, und 1969, das, was wir heute die Organisation für islamische Zusammenarbeit nennen. Der Wahhabismus hat den sunnitischen Islam, den er bis dahin bekämpft hatte, zugelassen. Die Wahhabiten präsentieren sich jetzt als Beschützer der Sunna, aber bekämpfen weiterhin andere Formen des Islams.

Bestrebt, die Brudermorde zu vermeiden, die die Geschichte seiner Familie im 19. Jahrhundert geprägt hatten, führte Ibn Saud ein System der Erbfolge innerhalb seiner Brüder ein. Der Gründer des Königreichs hatte 32 Frauen, die ihm 53 Söhne und 36 Töchter geboren haben. Der älteste unter den Überlebenden, König Salman, ist 82. Um das Königreich zu retten, hat der Familienrat im Jahr 2015 beschlossen, von der brüderlichen Erbfolge abzuweichen und die Kinder des Prinzen Nayef und des neuen Königs Salman als künftige Erben anzuerkennen. Mohammed Ben Salman [MBS] verdrängte letztlich den Sohn von Nayef und wurde einziger Erbe von Saudi Arabien.

Die Sitten der Saud

In der Antike bezeichnete das Wort "arabisch" die aramäischen Völker, die auf der syrischen Seite des Euphrats lebten. In diesem Sinne sind die Saud keine Araber. Aber der Koran wurde von dem Kalifen in Damaskus zusammengestellt, wodurch das Wort "Araber" sich heute auf Völker bezieht, die die Sprache des Korans sprechen, also jene des Hedschas. Dieser Oberbegriff verbirgt sehr unterschiedliche Zivilisationen, Beduinen der Wüste und Völker der Städte, in einem geographischen Raum, der vom Atlantik bis zum Persischen Golf reicht.

Vom Kamel plötzlich zum Privatflugzeug gewechselt, hat die Saud-Familie im 21. Jahrhundert die archaische Wüsten-Kultur beibehalten. Zum Beispiel ihren Hass auf die Geschichte. Er ist verantwortlich für die Zerstörung jeglicher historischer Relikte in ihrem Land. Es ist diese Mentalität, die bei den Dschihadisten im Irak und in Syrien am Werk war. Es gibt keinen anderen Grund für die Zerstörung des Elternhauses von Mohammed durch die Saud oder die der sumerischen Keilschrifttafeln durch Daesch.

So wie der Westen die Saud verwendet hat, um die Osmanen zurückzustoßen, - was heute niemand mehr abstreitet -, so hat er die Dschihadisten verwendet, die von Saudi-Arabien finanziert und von den Wahhabiten betreut wurden, um den Irak und Syrien zu zerstören.

Man hat es vergessen, aber zu Beginn der Aggression gegen Syrien, als die westliche Presse den "arabischen Frühling" erfand, forderte Saudi-Arabien nur den Abtritt des Präsidenten Baschar Al-Assad. Riyad akzeptierte die Beibehaltung seiner Berater, seiner Regierung, seiner Armee und seiner Geheimdienste, denen es nichts vorzuwerfen hatte. Es wollte nur den Kopf von Assad, weil er kein Sunnit ist.

Als Prinz Mohamed Ben Salman (genannt "MBS") der jüngste Verteidigungsminister der Welt wurde, hat er gefordert, die Ölfelder des "leeren Viertels", eine Zone beiderseits der jemenitisch-arabischen Grenze ausbeuten zu können. Als Jemen ablehnte, startete er einen Krieg, um sich und seinen Großvater mit Ruhm zu krönen. In Wirklichkeit hat niemand es jemals geschafft, sich im Jemen einzunisten, so wenig wie in Afghanistan. Egal, der Kronprinz manifestiert seine Macht durch den Lebensmittelentzug für 7 Millionen Menschen. Wenn auch alle Mitglieder des Sicherheitsrats besorgt sind über die humanitäre Krise, wagt niemand den schwarzen Ritter MBS zu kritisieren.

Als Berater seines Vaters König Salman, schlägt MBS ihm vor, den Anführer der innenpolitischen Opposition, Scheich Nimr Baqr al-Nimr zu eliminieren [1]. Der Mann war sicherlich friedlich, aber er war ein Ungläubiger in der Sicht der Wahhabiten, ein Schiit. Er wurde enthauptet, ohne im Westen Protest hervorzurufen. Dann ließ MBS Mussawara und Chuweikat im Großraum Qatif zerstören. Alles Schiiten! Auch hier hat der Westen die von Panzern niedergemachten Städte oder die massakrierten Leibeigenen nicht gesehen.

MBS, der keine Widersprüche duldet, bringt seinen Vater dazu, im Juni 2017 mit Katar zu brechen, welcher die Dreistigkeit hatte, für den Iran, gegen Saudi Arabien, Partei zu ergreifen. Er befiehlt allen arabischen Staaten ihm zu folgen und schafft es, das Emirat vorübergehend zurückzudrängen.

Als Präsident Trump ins Weiße Haus kommt, gibt er die Jemeniten preis und überlässt sie ihrem Todeskampf, unter der Bedingung, dass Riyad die Unterstützung der Dschihadisten aufgibt.

Da aber kommt Jared Kushner, der Berater des Präsidenten Trump mit der Idee, das Öl-Geld zurückzuholen, um die US-Wirtschaft zu retten. Das immense Vermögen der Saud ist nichts anderes als das Geld, das der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen ihm für seine Kohlenwasserstoffe wie selbstverständlich bezahlt haben. Es ist nicht das Ergebnis ihrer Arbeit, nur eine Rente für ihren Besitz. Der junge Mann organisiert im November 2017 den Palastputsch [2]. 1300 Mitglieder der königlichen Familie werden unter Hausarrest gestellt, einschließlich des unehelichen Kindes des Stammes Fadh, Premierminister des Libanon, Saad Hariri. Manche werden an den Füßen aufgehängt und gefoltert. Alle müssen die Hälfte ihres Vermögens dem Kronprinzen „offerieren“. "MBS" kassiert im eigenen Namen mindestens 800 Milliarden Dollar in Bar und Aktien [3]. Schwerwiegender Fehler!

Das Vermögen der Saud, bisher unter allen geteilt, konzentrierte sich in einer Hand, die nicht jene des Königs war und daher des Staates. Es genügt also einfach diesen Arm zu verdrehen, um das versteckte Geld zurückzuholen.

MBS droht auch dem Kuwait mit dem gleichen Schicksal wie Jemen, wenn es ihm nicht seine Ölreserven an der gemeinsamen Grenze anbietet. Aber die Zeit vergeht schnell.

Die Operation Khashoggi

Man brauchte einfach nur warten. Am 2. Oktober 2018 ließ MBS im Saudi-Konsulat in Istanbul einen der Handlanger des Prinzen al-Walid Ben Talal, den Journalisten Dschamal Khashoggi, ermorden, unter Verletzung von Artikel 55 des Wiener Übereinkommens über konsularische Beziehungen [4].

Dschamal Khashoggi war der Enkel von König Abdul Aziz‘s persönlichem Leibarzt. Er war der Neffe des Waffenhändlers Adnan Khashoggi, der die saudische Luftwaffe ausstattete, und dann im Auftrag des Pentagon den schiitischen Iran gegen den sunnitischen Irak belieferte. Samira Khashoggi, seine Tante, ist die Mutter von Dodi Al-Fayed, dem Waffenhändler (beseitigt mit seiner Partnerin, der britischen Prinzessin Lady Diana [5]).

Dschamal war mit dem Palaststreich verbunden worden, den der alte Prinz al-Walid gegen MBS vorbereitete. Gedungene Mörder schnitten ihm die Finger ab und zerstückelten ihn bevor sie seinen Kopf ihrem Herren, MBS, vorlegten. Die Operation war von den türkischen und US-amerikanischen Geheimdiensten sorgfältig aufgezeichnet worden.

In Washington verlangen Presse und US-Parlamentarier, dass Präsident Trump Sanktionen gegen Riyad ergreift [6].

Ein Berater von MBS, Turki Al-Dakhil, antwortete, dass, wenn die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen das Königreich ergriffen, es bereit sei, die Weltordnung umzustoßen [7]. Denn in der Tradition der Beduinen der Wüste muss jede Beleidigung um jeden Preis gerächt werden.

Ihm zufolge bereite das Königreich ca. 30 Maßnahmen vor, von denen die bedeutendsten sind:
- Die Öl-Produktion auf 7,5 Millionen Barrel pro Tag herunterzufahren, was einen Preisanstieg zu $ 200 pro Barrel verursachen würde. Das Königreich würde fordern, in anderen Währungen als dem Dollar bezahlt zu werden, was das Ende seiner Hegemonie bedeuten würde;
- Sich von Washington zu entfernen und Teheran anzunähern;
- Waffen in Russland und China zu kaufen. Das Königreich würde Russland in Tabuk, im Nordwesten des Landes, in der Nähe von Syrien, Israel und dem Libanon und Irak einen Militärstützpunkt anbieten; - Des Schadens bewusst, den das Raubtier verursachen kann, bläst das Weiße Haus zum Halali. Als er sich verspätet seiner Rede über die "Menschenrechte" erinnerte, erklärte der Westen im Chor, dass er diesen mittelalterlichen Tyrannen nicht mehr unterstütze [8]. Alle Wirtschaftsführer, einer nach dem anderen, willigen in die Anweisungen aus Washington ein und stornieren ihre Teilnahme am Forum in Riyad. Unter dem Hinweis, dass Khashoggi seinen "Wohnsitz in den USA" habe, erwähnen Präsident Trump und sein Berater Kushner die Beschlagnahmung seines Vermögens zugunsten der Vereinigten Staaten, um ihren Zorn zu besänftigen.

In Tel Aviv ist Panik ausgebrochen. MBS war der beste Partner von Benjamin Netanyahu [9]. Er hatte ihn gebeten, einen gemeinsamen Generalstab in Somaliland zu bilden, um die Jemeniten zu vernichten. Er selbst reiste Ende 2017 heimlich nach Israel. Der ehemalige US-Botschafter in Tel Aviv, Daniel B. Shapiro, warnte seine israelischen Glaubensgenossen: mit einem solchen Verbündeten, bringe Netanyahu das Land in Gefahr [10].

Der Quincy-Pakt schützt nur den König, nicht den Prätendenten auf seinem Thron.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1] „Scheich al-Nimrs Tod bringt das Saudi-Regime ins Wanken“, von André Chamy, Übersetzung Sabine, Voltaire Netzwerk, 14. Januar 2016.

[2] „Palastrevolution in Riyad“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen : Werner Leuthäusser, Voltaire Netzwerk, 8. November 2017.

[3] “Saudis Target Up to $800 Billion in Assets”, Margherita Stancati & Summer Said, Wall Street Journal, November 8, 2017.

[4] « Convention de Vienne sur les relations consulaires », Réseau Voltaire, 24 avril 1963.

[5] Lady died, par Francis Gillery, Fayard éd., 2006. « Francis Gillery : "J’ai étudié le mécanisme du mensonge d’État dans l’affaire Diana" », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 23 août 2007.

[6] “The disappearance of Jamal Khashoggi”, by Manal al-Sharif, Washington Post (United States) , 9 October 2018. “Letter by the Senate Foreign Relations Committee on the disappearance of Jamal Khashoggi”, 10 October 2018.

[7] “US sanctions on Riyadh would mean Washington is stabbing itself”, Turki Al-Dakhil, Al-Arabiya, October 14, 2018.

[8] « Déclaration conjointe des ministres des affaires étrangères d’Allemagne, de France et du Royaume-Uni sur la disparition de Jamal Khashoggi », « Déclaration de la France, de l’Allemagne et du Royaume-Uni sur la mort de Jamal Khashoggi », Réseau Voltaire, 14 et 21 octobre 2018.

[9] „Exklusiv: Geheime Projekte von Israel und Saudi Arabien“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 22. Juni 2015.

[10] “Why the Khashoggi Murder Is a Disaster for Israel”, Daniel Shapiro, Haaretz, October17, 2018.

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