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Baschar Al-Assad Interview mit Russia-24

| Damaskus (Syrien)
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Russia 24: Herr Präsident, ich danke Ihnen für das Gespräch mit Russia 24. Warum hat Syrien so schnell der "russischen Initiative" zugestimmt und damit seine chemischen Waffen der internationalen Kontrolle zu unterwerfen?

Baschar el-Assad: Syrien machte vor mehr als einem Dutzend Jahren den Vereinten Nationen einen Vorschlag mit dem Ziel, den Nahen Osten von Massenvernichtungswaffen (MVW) zu befreien. Und zwar, weil es eine instabile Region ist…ein „Kriegsgebiet“ seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten; es aller unkonventionellen Waffen zu befreien, würde es stabilisieren. Zu dieser Zeit waren die Vereinigten Staaten das Hindernis für diesen Vorschlag. Daher ist es für uns "ein Prinzip" nicht zu glauben, dass die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten eine positive Sache sei. Wir denken ganz das Gegenteil, in dem Maße, in dem wir seit immer schon Stabilität und Frieden suchen. Dies ist der erste Aspekt.

Ein zweiter Aspekt betrifft die aktuelle Situation. Es besteht kein Zweifel daran, dass Syrien, als Staat, in erster Linie denkt, sich selbst und den Ländern der Region „eine neue Verrücktheit“ zu ersparen, die einige Kriegsbefürworter in den Vereinigten Staaten sehen möchten, dass sie sich in unserer Region entzündet; während wir immer noch den Preis anderer Kriege von den Vereinigten Staaten zahlen, sowohl im fernen Afghanistan als auch im nahen Irak. Wir sind überzeugt, dass jeder Krieg gegen Syrien ein verheerender Krieg sein wird, der die Region in eine Reihe von Turbulenzen und Probleme für Jahrzehnte und vielleicht für die kommenden Generationen verwickeln wird.

Der dritte Aspekt betrifft die russische Initiative selbst. Sie ist sicherlich das wichtigste, und sie ist offensichtlich das, was uns dazu bewegte, in diese Richtung zu gehen. Wenn diese Initiative nicht von Russland gekommen wäre, hätte Syrien kaum in diese Richtung vorwärtsgehen können. Unser Verhältnis zu Russland ist "eine Beziehung des Vertrauens", die sich besonders während dieser Krise gestärkt hatte, die seit bald zweieinhalb Jahren andauert, während denen es seine Verständnisfähigkeit, was in der Region vorgeht, bewiesen hatte, seine Glaubwürdigkeit erwiesen hat und auch dass es eine Großmacht ist, auf die man sich verlassen kann…

Dies sind die Gründe, welche Syrien dazu anspornte, auf die Unterzeichnung des "Übereinkommens über das Verbot von Chemiewaffen" hinzuwirken.

Russia 24: Jedoch erklärten Präsident Barack Obama und Außenminister John Kerry, dass Syrien diese Initiative und damit die Unterstellung ihrer chemischen Waffen auf internationale Kontrolle nur wegen der Bedrohung von Luftangriffen angenommen habe. Ist das wahr?

Baschar el-Assad: Gehen wir doch ein paar Wochen zurück, vor dieser letzten Drohung durch Luftangriffe... Die US-Drohungen drehten sich nicht um diese "Abrüstung", sondern vielmehr um einen Schlag gegen Syrien im Zusammenhang mit Vorwürfen der US-Regierung über den Einsatz von Chemiewaffen in der Ghuta von Damaskus. Nein, es ist nicht richtig zu sagen, dass die USA uns gedroht hätten, damit wir unsere chemischen Waffen aufgäben. Was stimmt, ist, dass sie dieses Problem erst nach dem letzten G20-Treffen in Moskau aufgegriffen haben, nicht vorher.

Ich wiederhole also, was ich gerade sagte. Was uns in diese Richtung bewegte, ist die russische Initiative, sie selbst, und die Gespräche mit russischen Beamten zu diesem Thema. Ich möchte nochmals betonen, wäre diese Initiative nicht von Russland gekommen, wäre es absolut unmöglich gewesen, dieses Problem mit irgendeinem anderen Land zu diskutieren.

All dies ist eine Art von Propaganda von den USA, weil Kerry, seine Verwaltung und vielleicht selbst Obama immer als Sieger erscheinen wollen, der droht und der erhält, was er fordert... Aber egal, weil die grundlegende Frage in diesem Fall auf den Überzeugungen Syriens und der Rolle Russlands beruht.

Russia 24: Gestern Abend erfuhren wir, dass Russland die USA über die erforderlichen Schritte für die Umsetzung des Projektes der internationalen Kontrolle chemischer Waffen informiert hatte. Erzählen Sie uns bitte über die vorgesehenen Verfahren, über die Sie sicherlich diskutiert haben?

Baschar el-Assad: Sicher. In den kommenden Tagen wird Syrien Briefe und technische Unterlagen den Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, zur Unterzeichnung des Abkommens schicken. Die Vereinbarung umfasst mehrere Aspekte, darunter das Verbot der Herstellung, Lagerung und der Verwendung natürlich... Ich glaube, dass, sobald das Abkommen unterzeichnet ist, es erst einen Monat später wirksam sein wird. Syrien wird die Aufstellung über seine Bestände an die Organisation liefern müssen... Dies sind eine Reihe von routinemäßigen Verfahren, denen wir folgen werden.

Es muss jedoch klar für alle sein, dass dies nicht einseitig bleiben kann. Es ist unmöglich sich zu sagen: „Syrien firmierte,… Syrien hat gehandelt... der Fall ist abgeschlossen!“ Die Frage ist unbedingt zweiseitig und hängt in erster Linie von den USA ab, die ihre aggressive Politik gegenüber Syrien aufgeben müssen und den Bedingungen der russischen Initiative entsprechen müssen. Wenn wir sehen werden, dass die Vereinigten Staaten sich wirklich in Richtung der Stabilität in dieser Region orientieren, nachdem sie aufgehört haben, zu bedrohen und für den Krieg zu arbeiten und sogar Waffen an Terroristen zu senden; dann können wir bis zur Vollendung der Verfahren und bis zur letzten Phase des Abkommens fortschreiten.

Daher ist es keine einseitige Aktion! Zur gleichen Zeit entfällt die Hauptrolle auf den russischen Staat, weil es zwischen uns und den USA kein Vertrauen und keinen Kontakt gibt. Russland ist derzeit als einziges Land in der Lage, diese Rolle zu spielen.

Russia 24: Falls die russische Initiative schließlich angenommen wird, welche Internationale Vertretung wird die Arabische Republik Syrien als Beobachter annehmen, angesichts der Tatsache, dass die Situation nicht klassisch ist?

Baschar el-Assad: Wir glauben, dass es logisch ist, dass diese Rolle der Organisation für das Verbot chemischer Waffen zukommen sollte. Sie allein besitzt die Fähigkeiten und die Experten für das Thema, und es ist sie, die die Umsetzung der Konvention in allen Ländern der Welt überwacht.

Russia 24: Aber wir wissen alle, dass Israel die "Konvention über das Verbot von Chemiewaffen" unterzeichnet, aber nie ratifiziert hat. Wird Syrien fordern, dass Israel bis zum Ende des Prozesses geht?

Baschar el-Assad: Als wir unser Projekt für die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen gestartet hatten, wie ich es bereits erzählte, war einer der Gründe seiner Behinderung durch die Vereinigten Staaten, Israel zu erlauben, Atomwaffen zu besitzen. Da wir alle Stabilität im Nahen Osten wollen, müssen alle Länder die Konventionen respektieren, die ihnen verbieten, chemische, bakteriologische und alle Arten von MVW-Waffen zu besitzen, zuallererst auch Israel. Wir müssen weiterhin in dieser Richtung arbeiten, damit kein Staat sie besitzt; möglicherweise können so in Zukunft verheerende und kostspielige Kriege verhindert werden, nicht nur in unserer Region, sondern auch auf der ganzen Welt.

Russia 24: Syrien wird seine chemischen Waffen der Kontrolle der internationalen Gemeinschaft unterwerfen, aber wir wissen, dass russische Experten die Verwendung von giftigen Chemikalien in der Nähe von Aleppo durch Elemente der extremistischen Terrorgruppen bestätigt haben. Was denken Sie davon? Und was schlagen Sie vor, um die Völker von Syrien und den Nachbarländern vor diesen Gruppen zu schützen, die diese Art von Angriff wiederholen könnten?

Baschar el-Assad: Der Vorfall den Sie erwähnen, ist im vergangenen März eingetreten, als Terroristen mit giftigen Chemikalien geladenen Raketen auf Zivilisten in Khan al-Assal in Aleppo abgefeuert und Dutzende Opfer verursacht haben. Daraufhin forderten wir die Vereinten Nationen auf, eine Experten-Kommission zu schicken, um zu untersuchen und mehr über die Verantwortlichen zu erfahren.

Weil es klar war, dass dieser Angriff die Arbeit von Terroristen war, verhinderten die Vereinigten Staaten das Kommen dieser Experten. Wir haben dann mit russischen Experten gearbeitet, denen wir alle in unserem Besitz befindlichen Beweise anvertraut haben. Sie haben bewiesen, dass der Angriff tatsächlich das Werk von Terroristen im Norden von Syrien war.

Jetzt müssen wir sicherstellen, dass diese chemischen Waffen-Experten, die vor fast einer Woche abgefahren sind, nach Syrien zurückkehren, um das Abkommen, das wir beiderseits während ihres vorigen Aufenthaltes unterzeichnet hatten, umzusetzen und welches besagt, Untersuchungen in einer Reihe von unseren Regionen zu unternehmen, insbesondere in Khan al-Assal. Wir müssen ernsthaft die Natur der verwendeten toxischen Substanzen untersuchen, und klarstellen, wer sie verwendet hat und vor allem die Staaten identifizieren, die sie diesen Terroristen geliefert hatten, um sie dann zur Rechenschaft ziehen zu können!

Russia 24: Können Sie uns beruhigen, Herr Präsident? Ist es möglich, diese Giftstoffe in den Händen von Terroristen zu beschlagnahmen? Ist das erreichbar?

Baschar el-Assad: Dies bedeutet zu wissen, welche Länder in Verbindung mit den Terroristen sind. Alle Staaten versichern, dass sie nichts mit ihnen zu tun haben. In der Tat wissen wir aber, dass der Westen erklärte, dass er ihnen zur Verfügung gestellt habe, was er als "logistische Unterstützung" bezeichnet, eine "nichttödliche“ Militärausrüstung... oder "humanitär“ bezeichnetes Material!

Die Realität ist, dass der Westen und einige Länder in der Region, wie die Türkei, Saudi Arabien und zuvor das Katar eine direkte Beziehung mit Terroristen haben und ihnen alle Arten von Waffen liefern. Wir sind überzeugt, dass eines dieser Länder ihnen diese chemischen Waffen gab.

Diese Länder sollten offensichtlich in der Lage sein, ihre Lieferungen einzustellen, aber manche Terroristen gehorchen niemandem und von dem Moment an, wo sie bewaffnet sind und sich der Zerstörung widmen können, fühlen sie sich niemandem verpflichtet, auch denjenigen nicht, die sie mit Waffen und Geld unterstützen!

Russia 24: Herr Präsident, manche US-Medien sagten, dass syrisch-arabische Armee-Offiziere Sie wiederholt gebeten hätten, damit sie chemische Waffen gegen "bewaffnete Opposition" verwenden könnten; Sie hätten das verweigert, aber sie hätten auf eigene Verantwortung giftige Stoffe individuell verwendet. Ist das wahr?

Baschar el-Assad: Das gehört zur Propaganda der USA, sehr wohl bekannt, um nicht zu zögern, alle Arten von Lügen zu verwenden, die ihre Kriege rechtfertigen würden. Diese letzte Lüge erinnert uns daran, als Colin Powell und die Bush-Administration, als sie ein wenig mehr als vor zehn Jahren behaupteten, nachzuweisen, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen habe, ihre Invasion des Iraks rechtfertigen wollten, und es sich später herausstellte, dass sie vollkommen gelogen hatten und speziell über die MVW!

Erstens war in Syrien nie die Frage, von wem auch immer, chemische Waffen zu verwenden! Zweitens: diese Art von Waffen kann durch Infanterie oder irgendeine andere Truppe nicht verwendet werden, weil sie mit ihrem Umgang spezialisierte und ausgebildete Einheiten erfordert. Diese Lüge ist unlogisch und nicht glaubwürdig.

Russia 24: Herr Präsident, vor kurzem wurden den Mitgliedern des US-Kongresses Beweise als unbestreitbar und sicher vorgestellt. Videos würden die US-Version bestätigen, die syrische Armee habe tatsächlich chemische Waffen in der Ghuta eingesetzt. Was können Sie uns dazu sagen?

Baschar el-Assad: Sie lieferten keinen einzigen Beweis, weder im Kongress, noch in den Medien, noch an ihre Bevölkerung, noch einem einzigen anderen Staat der Welt, einschließlich Russland, mit dem sie doch in ständigem Dialog sind. Alles was sie erzählen, sind Bestandteile der US-Propaganda.

Die Logik der Situation verlangt, dass Sie keine Massenvernichtungswaffen ein paar hundert Meter von Ihren Truppen oder von Ihren Wohngebieten entfernt benützen können, da es den Tod für Tausende Ihrer Soldaten und Bürger bedeutet. Sie dürfen keine WMD verwenden, wenn Sie auf dem Boden, mit konventionellen Waffen, erhebliche Fortschritte verzeichnen.

Alle diese Behauptungen sind alles andere als überzeugend, woher auch die schwierige Lage der aktuellen US-Regierung kommt, die noch schwieriger ist als die der vorherigen, weil sie für die Lüge weniger begabt ist als die Regierung von George W. Bush. Die vorige Regierung log, aber sie wusste, wie man einen Teil der Welt mit ihren Lügen überzeugen konnte, während die derzeitige Regierung sogar versagt hat, ihre eigenen Verbündeten zu überzeugen! Alle diese Behauptungen sind jetzt unwichtig geworden, ich wiederhole, weil sie unlogisch und nicht glaubwürdig sind.

Russia 24: Herr Präsident, eine letzte Frage, die ich nicht vermeiden kann, da sie die Sicherheit und den Schutz aller betrifft. Manche russische Fachleute und manche Medien haben gesagt, dass Terroristen chemische Angriffe gegen Israel aus den von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten starten könnten. Können Sie, als Oberbefehlshaber der Armee, uns diese Informationen bestätigen?

Baschar el-Assad: Wir sind sicher, dass giftige Chemikalien den Terroristen geliefert wurden, bevor sie gegen unsere Soldaten und unsere Zivilbevölkerung in Syrien verwendet wurden; das bedeutet, dass das Material zur Verfügung steht.

Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass diese Terrorgruppen, oder diejenigen, die sie führen, den Angriff der USA auf Syrien wollten und zuvor schon gearbeitet haben, damit Israel in der syrischen Krise eingreift. Es ist daher absolut nicht unwahrscheinlich, dass diese Rede verbreitet wird, um diese Ziele zu erreichen.

In der Tat, ein regionaler Krieg würde die Situation noch chaotischer machen. Mehr Chaos würde natürlich für die Terroristen den Weg zu noch mehr Vandalismus und Zerstörung ebnen. Diese Bedrohung ist daher eine echte Herausforderung, weil die Terroristen jetzt im Besitz von giftigen Chemikalien sind... Es gibt noch Länder, die sie weiterhin damit beliefern!

Russia 24: Danke Herr Präsident, dass Sie uns dieses Interview gewährt haben.

Baschar el-Assad: Und noch einmal, ich danke Ihnen für Ihr Kommen und ich danke Russia 24.

Übersetzung
Horst Frohlich

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

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