Voltaire Netzwerk
Interview mit Thierry Meyssan im Greffier noir

Elemente der Coulibaly-Affäre erinnern an die Rolle der französischen Geheimdienste im Jahr 1999

Mehrere französische Internet-Seiten haben Qualitätsarbeit bei verschiedenen Aspekten der Anschläge des 11. Januar 2015 in Paris geleistet. Unter diesen wollte Le Greffier noir Thierry Meyssan interviewen, anlässlich der Hypothese einer von atlantischen Geheimdiensten organisierten Operation. Das Interesse dieses Interviews besteht darin, die Arbeit vom Voltaire Netzwerk von 1999 zu exhumieren und sie mit den entdeckten Elementen der Coulibaly-Affäre zu verknüpfen.

| Paris (Frankreich)
+
JPEG - 18.3 kB
Thierry Meyssan

Mehrere französische Internet-Seiten haben Qualitätsarbeit bei verschiedenen Aspekten der Anschläge des 11. Januar 2015 in Paris geleistet. Unter diesen wollte Le Greffier noir Thierry Meyssan interviewen, anlässlich der Hypothese einer von atlantischen Geheimdiensten organisierten Operation. Das Interesse dieses Interviews besteht darin, die Arbeit vom Voltaire Netzwerk von 1999 zu exhumieren und sie mit den entdeckten Elementen der Coulibaly-Affäre zu verknüpfen.

Alexis Kropotkine: Thierry Meyssan, bei der Vorbereitung eines Artikels über die Verbindung zwischen Hermant und Coulibaly [1] haben wir erneut den Fall des Département Protection et Sécurité (DPS) (Abteilung für Schutz und Sicherheit) von der Nationalen Front (FN) entdeckt, in dem Sie und das Voltaire-Netzwerk eine wichtige Rolle gespielt haben. Wir waren damals in den frühen 1990er Jahren. Worum ging es da?

Thierry Meyssan: Im September 1996 nahm ich als Parteisekretär der Radikalen Linken Partei (PRG) an der Schaffung des nationalen Komitees der Wachsamkeit gegen die extreme Rechte teil, das wir auf Basis des Modells des Komitees der Wachsamkeit der antifaschistischen Intellektuellen gegründet haben, welches unsere Partei im Jahr 1934 erstellt hatte. Es ging darum, jede Woche die 45 großen politischen Parteien, Gewerkschaften, Verbände und linken Freimaurerlogen zu versammeln, um unsere Antwort auf den Aufstieg des Rassismus und der politischen Gewalt in unserem Land zu koordinieren. Natürlich habe ich das Voltaire-Netzwerk vertreten.

Aber ich erkannte schnell, dass die meisten Teilnehmer am Kampf gegen den Rassismus und politische Gewalt nur als eine Gelegenheit interessiert waren, um die Nationale Front Partei zu stigmatisieren, die für sie ein nützliches abschreckendes Beispiel für die Wahl bedeutete. Wie auch immer, wir haben beschlossen dem Nationalkomitee für Wachsamkeit eine genaue Überwachung der so genannten ’extrem rechten’ Veröffentlichungen zu bieten. Wir haben uns also an 50 Publikationen abonniert, manchmal sehr vertrauliche, und begannen zu lesen und zu analysieren. Wir gingen auch zu zahlreichen Veranstaltungen und Konferenzen, immer um unseren Gegner zu verstehen. Schließlich haben wir mehrere extrem rechte Persönlichkeiten interviewt. Ich erkannte allmählich, dass der Name "extreme Rechte" keinen Sinn hatte: Er wurde verwendet, um sehr unterschiedliche Strömungen zu bezeichnen, die mit einander nichts zu tun hatten, nicht unbedingt rassistisch, oder gewaltübend, oder sogar nicht von rechts, aber die alle aus dem nationalen politischen Spiel ausgeschlossen waren.

Alexis Kropotkine: Was ist aus dieser Überwachung herausgekommen?

Thierry Meyssan: In dieser Zeit sind mehrere Leute von militanten Mitgliedern der Nationalen Front ermordet worden. Es hätten Schlägereien zwischen Plakatklebern während einer Wahl, Fremdenfeindlichen oder Homosexuellen sein können. Durch das Studium unseres Materials fanden wir aber, dass die von der Justiz für die Begehung dieser Verbrechen verdächtigten Leute alle Mitglieder des Departments für Schutz und Sicherheit (DPS) der Nationalen Front waren.

Alexis Kropotkine: Wie haben Sie die Verbindung zwischen dem DPS, der Françafrique [abwertender Ausdruck für neokoloniale Aktivitäten von Frankreich in Afrika] und den Geheimdiensten gemacht?

Thierry Meyssan: Ich arbeitete damals mit François-Xavier Verschave an den Netzwerken der Françafrique. Es war die erste Arbeit an diesem Thema. François-Xavier begann die nationalen Presse-Artikel zu studieren. Sie waren voll von Fehlern und Ungenauigkeiten, aber seine Studie brachte eine geheime Welt ans Licht und bildete die Grundlage für unser Wissen über dieses Thema. Natürlich bemerkte ich, dass die Namen der Söldner für die französischen Interessen in Afrika die gleichen waren, wie die der Führungskräfte des DPS.

Anfangs dachte ich, dass diese Söldner einfach "in der extremen Rechten" rekrutiert wurden. Dann sah ich ein organisiertes System: diese Männer arbeiteten abwechselnd in Frankreich für das DPS und im Ausland für die französischen Geheimdienste.

Alexis Kropotkine: Wie ist diese Brücke zwischen französischen Geheimdiensten und dem DPS entstanden? Warum die FN wählen?

Thierry Meyssan: Bei der Arbeit an der Nationalen Front erfuhr ich, dass sie in den frühen 1970er Jahren durch François Duprat [2] und Ordre Nouveau auf Antrag von Jacques Foccart [3] geschaffen worden war. Jean-Marie Le Pen wurde erst nach der Ermordung von Duprat, 1978, ihr Chef. Nun war Duprat auch Söldner in Afrika und Jacques Foccart war der Leiter des Geheimdienstes des gaullistischen Frankreichs.

Allmählich bin ich zu drei wichtigen Erkenntnissen gekommen:

- Die Nationale Front war eine Schöpfung der Gaullisten zur Stabilisierung der verschiedenen von der nationalen Politik ausgeschlossenen Gruppen (die Verlierer des zweiten Weltkrieges, die Verlierer der Dekolonisation), um sie in das politische Leben wieder einzuschleusen.

- Seit ihrer Gründung wird die FN von den Geheimdiensten unter dem wachsamen Auge des Elysees gesteuert.

- François Mitterrand hatte den Einfluss des Elysees auf die Nationale Front reaktiviert, indem er seine historischen Führer in das nationale politische Leben wieder einführte. Er finanzierte mit geheimen Mitteln den Europawahlkampf von 1984 und änderte die Methode des Wahlganges für die Wahl der Nationalversammlung im Jahr 1986. Leider verhielten sich die FN-Mitglieder so absurd und schäbig, was Präsident Mitterand zum Rückzug bewog. Er konnte nur später die Putsch-Generäle von Algier amnestieren.

Alexis Kropotkine: Was ist die Beziehung mit den externen Operationen der französischen Geheimdienste?

Thierry Meyssan: Meine Sicht der Dinge hat sich geändert, als ich von der Rolle der Mitglieder des DPS der FN in den verdeckten Operationen von Frankreich in Tschetschenien erfuhr. Offiziell gingen diese schweren "rechtsextremen" Jungs nach Russland, um die guten tschetschenischen Revolutionäre gegen die post-sowjetischen Bösen zu unterstützen. In Wirklichkeit hatte der französische Geheimdienst das islamische Emirat von Itschkeria infiltriert und ihrem Chef, General Dschokhar Dudajew, ein tragbares Satelliten Telefon geschenkt. Bald danach lokalisierten die russischen Dienste ihn dank dieses Telefons und erledigten ihn durch eine Lenkrakete. Infolgedessen waren die Leute, die ich für schwere Jungs der extrem rechten hielt, eigentlich französische Offiziere im Dienst des Präsidenten François Mitterrand, der Hand in Hand mit den Diensten von Vladimir Putin arbeitete.

Ich war schließlich überzeugt, nach Gesprächen mit Mitgliedern des DPS, dass dieses eine Schöpfung der Geheimdienste innerhalb der FN war. Und das hat nichts mit dem Ziel der Wiederverwertung der alten politischen oder militärischen Beamten zu tun. Dann entdeckte ich eine Liste des DPS von Persönlichkeiten, die nötigenfalls zu neutralisieren wären. Es war etwas Vergleichbares mit der Vorbereitung eines Putsches. Das DPS wurde ein Werkzeug der politischen Kontrolle im Dienst der DPSD (militärische Spionageabwehr), die selbst dem Gladio-NATO-Netzwerk gehorchte.

Alexis Kropotkine: Was ist die Reaktion der politischen Welt gewesen?

Thierry Meyssan: Mit Unterstützung und Hilfe der Radikalen Linken Partei (PRG) verlangten wir die Schaffung einer parlamentarischen Untersuchungskommission. Das Elysée war hartnäckig dagegen. Aber nach intensiver Lobbyarbeit in allen politischen Parteien und unter Berücksichtigung unserer Dokumente, machte François Mitterrand jedoch kehrt. Jean-Michel Baylet, der Präsident der PRG, hat eine Anfrage an den Senat eingereicht, aber es ist letztlich der in dem Parlament eingebrachte Vorschlag, der angenommen wurde.

Unsere Arbeit wurde durch die Kampagne von Charlie Hebdo gestört, das die Auflösung der Nationalen Front forderte und ebenfalls durch die vielen Hindernisse, die Jean-Christophe Cambadélis [4] uns in den Weg gelegt hat.

Alexis Kropotkine: Warum hat J. C. Cambadélis Ihnen Hindernisse in den Weg gelegt? War er kein politischer Verbündeter? Konkret, welche Manöver werfen Sie ihm vor?

Thierry Meyssan: Jean-Christophe Cambadélis wurde plötzlich der Vertreter der Sozialistischen Partei in dem Nationalkomitee für Wachsamkeit, während er zuvor dort im Namen des "Manifest gegen die FN“ saß, dessen Präsident er war. Er kam jede Woche mit einer Delegation und griff meine Forschungen an, und behauptete, dass ich ein primärer Mitterrand Gegner wäre. Die Mehrheit der Mitglieder war sozialistisch oder dem Präsidenten ergeben, was daher schlecht ankam. Ich konnte dennoch das Nationalkomitee für Wachsamkeit, das Position zugunsten des parlamentarischen Untersuchungs-Ausschusses eingenommen hatte, überzeugen. Aber als ich meine Runde der Abgeordneten und Senatoren begann, haben mir die meisten von Jean-Christophe Cambadélis gesprochen, dass er sie umworben und aufgefordert hätte, abzulehnen. Ich erfuhr anschließend, dass Herr Cambadélis von Irving Brown, einem der Gründer des Gladio ausgebildet worden war.

Alexis Kropotkine: Was waren die Schlussfolgerungen der Untersuchungs-Kommission?

Thierry Meyssan: Beim Fortschritt der Arbeit der Kommission wurden sich die Abgeordneten bewusst, dass ich auf etwas sehr ernstes gestoßen war, aber dass es ihnen unmöglich war, den problematischen Sachverhalt aufzudecken. Sie weigerten sich also meinem Vorschlag zu folgen: die DPSD durchsuchen zu lassen - wie das Gesetz ihnen die Macht erteilt -, deren Hauptsitz nur wenige Minuten zu Fuß von dem Parlament liegt. Wir haben daher nie das letzte Wort der Geschichte erfahren. Die Verschwörung wurde nicht von den Führern der FN Partei ausgebrütet, sondern entweder von dem Elysee, was unwahrscheinlich scheint, oder von einer plutokratischen Gruppe innerhalb der DPSD, was plausibel ist.

In der Nationalen Front hat Jean-Marie Le Pen mich zuerst vor Gericht gezerrt aber hat seinen Prozess verloren. Dann ist er selbst draufgekommen, dass er manipuliert worden war und hat zu suchen begonnen, wer in seiner Umgebung für die DPSD arbeitete. Dann beschloss er, Bruno Mégret von seiner Partei auszuschließen, und das DPS zu schließen. Die so erzeugte Spaltung der FN-Partei hat jegliche gesetzliche Verfolgung unmöglich gemacht und die Untersuchungskommission hat mit dieser Bemerkung geschlossen.

Alexis Kropotkine: Der Bruch zwischen FN – MNR, ihrer Meinung nach, hat also wenig oder gar keine Verbindung mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit und Seriosität von Bruno Mégret?

Thierry Meyssan: Sicherlich nicht. Die Initiative geht auf Jean-Marie Le Pen und ihn allein zurück. Bruno Mégret hatte versucht sich einzunisten, und erstellte dann eine andere Partei, die MNR, aber hat es nie geschafft, selbstständig zu werden. Darüber hinaus sehe ich nicht, wie ein Mann, der sich mit Rassisten umgeben hatte, auf Seriosität hoffen konnte.

Alexis Kropotkine: Ihre Worte bringen mir die MNR-Kampagne-Clips in Erinnerung, ich glaube auch, dass Courcelle, der Leiter des DPS, mit seinen besten Männern, darunter C. Hermant, sich der Partei von B. Mégret sofort angeschlossen hat... Aber was waren dann Ihre Beziehungen zu der Nationalen Front?

Thierry Meyssan: Anschließend hatte ich freundliche, persönliche Beziehungen zu Jany le Pen und Bruno Gollnisch, aber ich habe mich nie der FN Partei genähert, mit der ich nicht viel gemeinsam habe. Die Artikel von Renaud Dély behaupten, dass ich die PRG für die FN verlassen habe, was reine Verleumdung ist.

Ich dachte während des Wahlkampfes 2007, Jean-Marie Le Pen würde den Sprung wagen und seine Verliererpartei in eine Partei der Nation verwandeln. Es ist allenfalls das, was seine Rede von Valmy angedeutet hat. Ich glaube, im Gegensatz zu anderen linken Aktivisten, basierend auf dem was ich Ihnen gerade erklärte, dass Herr Le Pen der Republik durch die Stabilisierung der verschiedenen, willkürlich als "rechtsextrem" bezeichneten Gruppen gedient hat. Außerdem denke ich, dass er ein Mann ist, der sich erheblich gebessert hat: Wenn Sie sich die Videos der Poujade-Zeit anschauen, sehen sie einen ungebildeten, brutalen und vulgären Mann, aber heute ist er ein kultivierter Mensch geworden, der denkt. Leider hat er seine Partei seiner Familie überlassen, statt Bruno Gollnisch Präsident werden zu lassen - auch wenn dieser schlecht umgeben ist und manchmal Exzesse begeht, die kaum mit dieser Funktion kompatibel wären– und hat daher die Übergabe der Parteiführung nicht gut abgeschlossen.

Alexis Kropotkine: Diese alte Affäre des DPS taucht wieder auf im Zusammenhang mit den Anschlägen vom Januar. La Voix du Nord schreibt, dass ein Teil der im Besitz von Ahmedy Coulibaly gefundenen Waffen über die Claude Hermant Netzwerke gelaufen sind, genau von einem ehemaligen DPS-Mann der zum MNR übergelaufen ist. Bis zu seiner Festnahme Ende Januar führte er paramilitärische Strukturen im National-revolutionären Umfeld, Strukturen, die, erinnern wir uns daran, keine Verbindung mit der modernen FN haben. Das Ausmaß der Beteiligung von Claude Hermant ist noch nicht bekannt, und der Mann scheint fest entschlossen, sich zu verteidigen. Er behauptet, er arbeitete für die Verwaltungsbehörde im Rahmen einer Unterwanderungs-Mission und hat in der regionalen Presse E-Mails von der Gendarmerie enthüllt, die seine Version erhärten. Das bringt uns zu den Attentaten auf Charlie Hebdo. Man hat Ihnen sehr vorgeworfen, dass Sie die Dschihad-Piste schnell abgelehnt haben. Was ist heute Ihre Position zu den Ereignissen des 7., 8. und 9. Januar?

Thierry Meyssan: Ich habe niemals die Dschihad-Piste verworfen, ich erklärte, dass die Sponsoren dieser Aktion nicht Islamisten wären, sondern wahrscheinlich Atlantiker. Das schließt nicht aus, dass sie, ganz im Gegenteil, ihre Aktionen von Dschihadisten ausführen ließen.

Die Idee des "Kultur-Krieges" ist dem islamischen Denken völlig fremd, welches nicht die Vernichtung, sondern die Eroberung anstrebt. Der "Krieg der Zivilisationen", wie die apokalyptische Zerstörung, existiert nur in jüdischen und westlichen Kulturen. In der Vergangenheit war dieses Konzept als Rechtfertigung für eine offensive Strategie von Bernard Lewis innerhalb des US National Security Council ausgedacht worden, und dann wurde es von dem Propagandisten Samuel Huntington, auch Mitglied des nationalen Sicherheitsrates, als unvermeidbar vorgestellt.

Die Schwierigkeit für den Westen, ist, dass er nicht imstande ist, dieses Thema einigermaßen zu verstehen. Es ist ein Effekt der Propaganda, die nicht die Wissenschaft der Lüge ist, sondern die der Eingliederung. Wenn man aus Feigheit Sachen akzeptiert, von denen man weiß dass sie falsch sind, wird man selbst in eine Folge von Lügen hineingezogen, ohne wieder zurückfinden zu können.

Alexis Kropotkine: Was meinen Sie?

Thierry Meyssan: Beispielsweise tun wir in Frankreich so, als hätten wir den zweiten Weltkrieg miterlebt, während von Juni 1940 – bis Juni 44 das Land in Frieden lebte und nur das freie Frankreich und der Widerstand gekämpft haben; Wir behaupten, zu glauben, dass das Dritte Reich das Massaker der Juden Europas geplant hatte, während sein offizielles und öffentliches Ziel war, alle Slawen zu massakrieren und Osteuropa zu kolonisieren; Wir sind davon überzeugt, Kolonialisten gewesen zu sein, während jedes Mal, wenn die Franzosen zu diesem Thema befragt wurden, sie sich dagegen ausdrückten; und so weiter. Beachten Sie, dass ich nur ziemlich alte Beispiele nehme, um Sie nicht zu verärgern.

Aber wenn Sie aktuelle Beispiele wollen, hier ist eines: wir geben vor, zu glauben, dass die US-Amerikaner ihren Präsidenten durch indirekte allgemeine Wahl bestimmen, während er aber von den Delegierten der Gouverneure der Staaten gewählt wird. Aber dann können wir nicht erklären, warum der Oberste Gerichtshof im Jahr 2000 erklärt hat, nicht an dem Ergebnis der abgegebenen Stimmen in Florida interessiert zu sein. Wir geben vor, "gemeinsame Werte" mit den Vereinigten Staaten zu haben, obwohl wir aber gar keine haben: Wir sind Republikaner, sie denken vielmehr, dass die Idee des "allgemeinen Interesses" zur Diktatur führt; Wir sind Demokraten, die Verfasser der US-Verfassung waren es aber nicht; Wir sind Universalisten, sie sind jedoch Supremazisten [Vormachtstellung Fordernde].

Zurück zu Ihrer Frage nach den Anschlägen im Januar, als Sie die Beteiligung der ehemaligen Mitglieder des DPS im Fall Coulibaly hervorgehoben haben, konnte ich mir nicht helfen, zu meiner anfänglichen Hypothese zurückzukommen: und wenn diese Affäre auch eine Manipulation der Geheimdienste der NATO wäre?

Alexis Kropotkine: Warum würde die NATO sich heute in eine False-Flag Operation auf nationalem Staatsgebiet eines seiner ersten Mitglieder einlassen?

Thierry Meyssan: Wenn für Sie die NATO eine defensive, gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion gebildete Allianz ist und die dann permanent gemacht wurde, gibt es keine Logik für eine Manipulation. Aber einerseits wurde die NATO nicht gegen eine Bedrohung erstellt, sondern um die Sowjetunion zu bedrohen, die dann gezwungen war, den Warschauer Pakt aufzubauen. Und auf der anderen Seite hat die NATO noch nie nur einen ihrer Mitgliedstaaten verteidigt. Im Gegenteil, die NATO hat eine Terrorkampagne in Serbien entfesselt, und dann eine unverhältnismäßige Reaktion der Regierung Milosevic vorgegeben, um Jugoslawien zu zerstören; Die NATO behauptete, dass die Taliban für den 11. Sept. mitverantwortlich waren, um Afghanistan zu besetzen; die NATO hat falsche Zeugnisse auf der Genfer Menschenrechtskommission fabriziert, um eine Bedrohung für das libysche Volk zu rechtfertigen und um die Libysche-Arabische Dschamahirija zu stürzen, trotz massiver Unterstützung mittels Massendemonstrationen.

Alles andere als ein Verteidigungsbündnis, ist die NATO ein System von Vasallen und Oberhoheit, was gegen die Charta der Vereinten Nationen verstößt, für die die Staaten souverän und gleich sind. Historiker haben gezeigt, dass die NATO viele Bombenanschläge und Morde in ihren Mitgliedstaaten verursacht hat und ihre Arbeiten durch amtliche Unterlagen aus amerikanischen Archiven bestätigt. Aber diese Arbeit konzentriert sich auf die frühen Jahre der NATO wegen der Schwierigkeiten des Zugangs zu den jüngsten Archiven. In Frankreich hat die NATO 1951 im Gard [fr. Département AdÜ] Drogen auf nichtinformierte Zivilisten angewendet und getestet und dann, 1961-66, hat sie etwa 40 Mordanschläge auf Präsident Charles De Gaulle durch die OAS finanziert.

Heute ist es sehr unangenehm zu denken, dass wir oft nur Statisten in den Händen von Washington sind, es ist jedoch eine bewährte Realität in der Vergangenheit und heute offensichtlich. Deshalb hätten wir vorsichtig sein müssen, als Jean-Marie Le Pen sagte, dass die Dschihadisten von Charlie Hebdo die Marke von Geheimdiensten tragen.

Addendum von Thierry Meyssan

Dieses Interview konzentriert sich auf die Hermant-Coulibaly Affäre, aber während des Interviews habe ich andere Themen angeschnitten, ohne meine Gedanken genauer zu entwickeln, was leider Fehlinterpretationen zulässt.

- Was den zweiten Weltkrieg betrifft wollte ich zeigen, dass wir ihn auf eine verzerrte Weise analysieren. Es war ein klassischer imperialistischer Konflikt, in dem das Nazi-Projekt Osteuropa kolonisieren wollte, und zwar mit den gleichen Methoden wie in dem Rest der Welt. In der Tat hat er auch zu Völkermorden, aber dieses Mal gegen Europäer geführt.

- In Bezug auf Kolonialismus wollte ich darauf hinweisen, dass trotz des Einpaukens der Jules Ferry-Schule, die Franzosen, als sie sich mit der Gewalt der Kolonisation konfrontiert sahen, oft die Partei der kolonisierten Völker ergriffen haben. Allerdings muss ich zugeben, dass es in Frankreich nie eine große antiimperialistische Bewegung gab.

- Bezüglich der Qualifikation der FN als "rechtsextreme" Partei dachte ich zunächst, dass sie alle Fraktionen vereinte, die behaupten, dass die Gesellschaft in einer natürlichen Ordnung organisiert werden sollte, die die Menschen von Geburt an in eine Hierarchie einreiht und die die Kultur der Gewalt pflegt. Während meiner Untersuchung am Ende der 1990er-Jahre erkannte ich, dass es viel subtiler war, weil viele Mitglieder der FN das geglaubt hatten, aber heute nicht mehr an eine ontologisch menschliche Hierarchie glauben und dass andere Gruppen "Pazifisten" im Sinne von dem zweiten Weltkrieg, d.h. feige aber nicht faschistisch waren.

- In Bezug auf Jean-Marie Le Pen und die derzeitige Nationale Front Partei, hätte ich besser daran getan, meinen Mund zu halten, da meine Worte nicht so untermauert sind, wie jene, die ich seinerzeit ausgesprochen habe, als ich in Frankreich lebte. Für meine eigene Sicherheit war ich seit 2007 gezwungen, nicht mehr im NATO-Bereich zu reisen, und ich kenne das aktuelle politische Leben nur durch die Presse, also in einer sehr oberflächlichen Weise.

- Schließlich, um zum Thema zurückzukehren, lade ich Sie zum Lesen meiner Zeugenaussage im Parlament im Rahmen der Untersuchungskommission über das DPS ein. Dieses Anhören zeugt eindeutig von einer geheimen Operation durch einen Dienst des Staates mittels des Ordnungs-Dienstes der Nationalen Front Partei.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] « Charlie Hebdo : la connexion Hermant-Coulibaly recèle-t-elle une partie des mystères du 7 janvier ? », Alexis Kropotkine, Le Greffier noir, 14 mai 2015.

[2] François Duprat (*26. Oktober 1940 in Ajaccio, Korsika; † 18. März 1978 bei Caudebec-en-Caux) war ein französischer Lehrer, Schriftsteller und militanter Anhänger des Nationalisme révolutionnaire. Er gilt als Theoretiker der französischen Nouvelle Droite und als Nummer Zwei der Front National (FN) in den 1960er und 1970er Jahren. Duprat war Trotzkist in seinen frühen Jahren, bewegte sich allerdings schnell an den rechten Rand und wurde Mitglied der Jeune Nation der Fédération des étudiants nationalistes (FEN). Obwohl starker Gegner der algerischen Unabhängigkeit unterstützte er als Antizionist stets arabische Staaten. Nach den Verträgen von Évian 1962 wurde Algerien unabhängig. Duprat suchte sich ein neues Betätigungsfeld und reiste nach Katanga. Dort unterstützte er die Sezession Moïse Tschombés als Propagandadirektor bei Radio-Katanga.

[3] Jacques Foccart (31. August 1913 in Ambrières, Mayenne; † 19. März 1997 in Paris) Während der Präsidentschaft de Gaulles und Pompidous galt Foccart als graue Eminenz der französischen Afrikapolitik, oder kurz als Monsieur Afrique. Frankreich bemühte sich, in seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien auch nach deren formaler Unabhängigkeit seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu wahren. Foccarts meist diskrete Bemühungen richteten sich dabei teils gegen Ambitionen des Ostblocks, aber auch - wenn nicht überwiegend - gegen die Konkurrenz durch die USA. Mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing endete 1974 Foccarts offizielle Rolle, er hielt seine Kontakte zu afrikanischen Politikern aber weiter aufrecht. Als Jacques Chirac 1986 für zwei Jahre Ministerpräsident unter Präsident François Mitterrand wurde, holte er Foccart zu sich. Als Chirac 1995 selber Präsident wurde, konnte Foccart in den Élysée-Palast zurückkehren.

[4] Jean-Christophe Cambadélis (14. August 1951 in Neuilly-sur-Seine) ist ein französischer Politiker der Parti socialiste und ihr kommissarischer Parteivorsitzender (Premier secrétaire)

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

Sie können die Artikel des Réseau Voltaire frei vervielfältigen unter der Bedingung die Quellen anzuführen, ohne die Artikel zu verändern und ohne diese für kommerzielle Zwecke zu nutzen (Lizenz CC BY-NC-ND).

Das Netzwerk unterstützen

Sie benützen diesen Website auf dem Sie Qualitätsuntersuchungen finden, die Ihnen helfen Ihr Weltverständnis zu verbessern. Um dieses Werk fortzufahren brauchen wir Ihre Mitarbeit.
Helfen Sie uns mit einer Gabe.

Wie teilnehmen beim Voltaire Netzwerk ?

Die Gesprächsleiter des Réseau Voltaire sind alle ehrenamtlich.
- Übersetzer mit beruflichem Niveau : Sie können bei der Übersetzung mitwirken.