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Im Kosmos der aramäischen Sprache gibt es Texte, die eine erneute und differenzierte kritische Lektüre wirklich verdienen.

Trotz der Seltenheit der Quellen zu diesem Gegenstand und besonders auch der Schwierigkeiten, sie zu erschließen, macht das Bild, das auf uns zukommt, bewusst, wie notwendig es ist, diese Vorstellungswelt, die überdies aus subjektiven Beweggründen Unrecht erlitten hat, zu enthüllen.

Wie andere Wahrzeichen Syriens wurde auch das Aramäische absichtlich oder unabsichtlich entstellt, sogar begraben. Das hat in keinem einzigen Fall zum Verschwinden, zur Auslöschung oder zum Tod geführt. Eine alte Legende lehrt uns, dass der syrische Logos jedes Mal, wenn die Mörder glaubten, er ginge endgültig unter, neu aufblühte.

Das gilt wahrhaftig so für den Krieg, auch für die Geografie, für die Poesie, die Musik und für die Schöpfung der Moderne als Ganzes.

Wenn die Syrer nochmals eine endlose Zeit darauf warten sollten, dass ein neuer Sargon auftaucht und die Schicksalsfügungen vollbringt, welche die Mythologie beschwört, so sagen uns die alten Texte selber, dass die Erneuerung und das Wiederaufblühen in dieser Region etwas Zwangsläufiges ist.

Jedesmal wenn sie sich schweren Angriffen ausgesetzt sieht, atmet sie das Leben tief ein – als ob die syrische Nation mit dem Wasser ein Unsterblichkeitselixier geschlürft oder es mit dem Sauerstoff eingeatmet hätte oder es gar in den Weizen gemahlen und mit ihrem guten Wein gelagert hätte.

Das Aramäische – die Sprache, die Vorstellungswelt und die Lebensräume, die ausgetrocknet wurden zugunsten der Wasserzufuhr mit Eimern – diese Sprache muss jetzt ins Leben kommen, selbst wenn es den Hinterhältigen, die Anschuldigungen vorbringen und die Deutungen anheizen werden, nicht gefällt.

Der erste Schritt wäre vielleicht die Wiederherstellung des Instituts für die aramäische Sprache in Maalula – für jenes syrische Aramäisch, das auf der im Nationalmuseum erhaltenen Statue des Sargon eingemeißelt ist.

Der Bruch mit dieser Sprache, den die einen als politisch bedingt, die anderen als ideologisch verursacht betrachten, war ein historischer Fehler. Schließlich ist die Sprache die legitime Tochter der Umwelt wie auch des Menschen in ihrer alltäglichen Interaktion Tausende von Jahren hindurch.

Diese aramäische Sprache, die Objekt war für mehrere Versuche zu verdrängen, zu ermorden und aus den Geschichtsbüchern zu löschen, muss heute den Menschen in Syrien unabhängig von der Religion wieder ins Gedächtnis gerufen werden. Sie muss auch den Bildungs- und Kultureinrichtungen in Erinnerung gebracht werden mit dem Ziel, Programme auszuarbeiten und Festivals zu organisieren, die eine Neubesinnung auf diese verwundete Mutter möglich machen.

Aramäisch ist absolut keine angenommene Sprache wie viele Begriffe und manche anderen Kultivierungen, die den Vordergrund der aktuellen Bühne besetzt halten.

Wenn wir wirklich die Wurzeln wiederbeleben und viele historische Irrtümer korrigieren wollen in der Denkweise, der Verwaltung und im Ausrichten der verdrehten Vorstellungen, dann muss dem Aramäischen sein besonderer Ruhm zurückgegeben werden: die Sprache, die Vorstellungswelt, die Liebesgeschichten, die Poesie und vor allem der Blick für das Richtige, das Gute und das Schöne.

Das Aramäische ist unser verlorener Glanz. Es ist höchste Zeit, dass er von neuem erstrahlt.

Übersetzung
Sabine