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„Die Kunst des Krieges“

Geschoss gegen die Ferngasleitung

Während Thierry Meyssan die Wiederaufnahme der Gas-Verhandlungen zwischen Moskau und Ankara als türkische Antwort auf die Anschuldigung, Ankara unterstütze Daesh, durch Vladimir Putin während des G20-Gipfels interpretiert, sieht Manlio Dinucci darin eine ernsthafte Entscheidung der Türkei, die Washington die Stirn bietet. Er schlägt vor, die Zerstörung der russischen Su-24 durch die Türkei als US-amerikanische Sabotage der Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu deuten, während Meyssan in dieser Operation einen Versuch Ankaras sieht, Russland aus der Zone zu verdrängen, in der Ankara ein Pseudo-Kurdistan schaffen will. Beide Hypothesen müssen in Betracht gezogen werden.

| Rom (Italien)
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Die Rakete AIM-120 Amraam, von einer türkischen F-16 abgefeuert (beide made in USA), war nicht nur gegen den russischen Jagdbomber gerichtet, der in Syrien gegen den IS [Daesh] im Einsatz war, sondern gegen ein viel wichtigeres Ziel: gegen Turkish Stream, das Gaspipeline-Projekt, das russisches Gas in die Türkei und von dort nach Griechenland und in andere EU-Länder transportieren soll.

Turkish Stream ist die Antwort Moskaus auf die Washingtoner Torpedierung des South Stream, der Pipeline, die um die Ukraine herumführen und das russische Gas bis Tarvisio (in der italienischen Provinz Udine) und von dort in die EU leiten sollte, mit großen Vorteilen für Italien unter anderem im Beschäftigungssektor [1]. Aber obwohl Moskau und Ankara sich im Hinblick auf Syrien und den IS in gegnerischen Lagern befanden, unterzeichnete Gazprom zur selben Zeit einen Vorvertrag mit der türkischen Gesellschaft Botas für den Bau eines russisch-türkischen Pipeline-Doppels durch das Schwarze Meer.

Am 19. Juni unterzeichneten Moskau und Athen eine Absichtserklärung über die Verlängerung von Turkish Stream (mit einem Aufwand von zwei Milliarden Dollar zu Lasten Russlands) nach Griechenland, um dort das Eingangstor der neuen Pipeline in die EU zu schaffen [2].

Am 22. Juli telefonierte Obama mit Erdoğan und forderte die Türkei zum Rückzug von dem Projekt auf [3].

Am 16. November kündigten Moskau und Ankara hingegen Treffen in Kürze auf Regierungsebene an, um Turkish Stream mit einer höheren Leistung als die größte Pipeline durch die Ukraine in Gang zu bringen. Acht Tage später bewirkte der Schlag gegen den russischen Jagdbomber die Blockade, wenn nicht die Löschung des Projekts.

Mit Sicherheit hat man in Washington auf den neuen Erfolg angestoßen. Die Türkei, die 55 Prozent ihres Gases und 30 Prozent ihres Öls aus Russland importiert, bleibt geschädigt durch die russischen Sanktionen zurück und läuft Gefahr, das große Geschäft mit dem Turkish Stream zu verlieren. Wer in der Türkei hätte ein Interesse daran, absichtlich – in Kenntnis der möglichen Konsequenzen – das russische Jagdflugzeug abzuschießen? Der Satz Erdoğans „Wir wünschen uns, dass das nicht passiert wäre, aber es ist passiert; ich hoffe, dass etwas in dieser Art nicht mehr vorkommen wird“ impliziert ein Szenario, das komplexer ist als die offizielle Version des Ablaufs. In der Türkei gibt es bedeutende Kommandos, Stützpunkte und Radarstationen der Nato unter der Befehlsgewalt der USA: Das Kommando zum Abschuss des russischen Jagdflugzeugs wurde im Innern dieses Verbands gegeben.

Wie ist im Moment die Situation im „Pipeline-Krieg“? Die USA und die Nato kontrollieren das ukrainische Territorium, durch dass die Ferngasleitungen Russland – EU verlaufen. Russland kann aber heute weniger auf sie zählen (die Gasmenge, die sie transportieren, beträgt nur noch 40 Prozent des russischen Gasexports nach Europa statt wie früher 90 Prozent) aufgrund von zwei alternativen Korridoren.
- Der North Stream im Norden der Ukraine transportiert russisches Gas nach Deutschland: Gazprom möchte ihn jetzt verdoppeln, aber in der EU arbeiten Polen und andere osteuropäische Regierungen (die mehr mit Washington als mit der EU verbunden sind) dagegen.
- Der Blue Stream, von Gazprom und Eni paritätisch bewirtschaftet, verläuft im Süden durch die Türkei und ist aus diesem Grund nicht ohne Risiko.

Die EU könnte viel Gas zu niedrigen Preisen aus dem Iran importieren, mit einer Pipeline, die bereits durch den Irak und Syrien geplant ist, aber das Projekt wird (nicht zufälligerweise) durch den Krieg blockiert, den die USA in diesen Ländern entfacht haben.

Übersetzung
Sabine

Quelle
Il Manifesto (Italien)

[1] „Wie Wladimir Putin die NATO-Strategie umgedreht hat]“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Neue Rheinische Zeitung (Deutschland), Voltaire Netzwerk, 8. Dezember 2014.]. Das von der russischen Gazprom und der italienischen Eni in Gang gesetzte und dann durch die deutsche Wintershall und die französische EDF erweiterte Projekt war bereits in einer fortgeschrittenen Entwicklungsphase (das Unternehmen Saipem der Eni hatte schon einen Vertrag über zwei Milliarden Euro für den Bau der Gasleitung durch das Schwarze Meer), als Washington, nachdem es die ukrainische Krise ausgelöst hatte, das in die Welt setzte, was die New York Times als „eine aggressive Strategie mit dem Ziel der Reduzierung russischer Gaslieferungen nach Europa“ bezeichnet hat.

Unter dem Druck der USA blockierte Bulgarien im Dezember 2014 die Arbeit am South Stream und begrub das Projekt [[„Die Sabotage der South Stream-Pipeline“, von Manlio Dinucci, Übersetzung Horst Frohlich, Il Manifesto (Italien), Voltaire Netzwerk, 14. Juni 2014.

[2] “Greece to invest $2 bn in Turkish Stream, will sign memorandum asap - Energy Minister”, Russia Today, June 1, 2015.

[3] Diese Information findet sich nicht in der amtlichen Mitteilung des Weißen Hauses: “Obama’s Call with Turkish President Erdoğan”, The White House, July 22, 2015. Anm. d. Red.

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