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Rede von Angela Merkel zur Eröffnung der Hannover Messe

| Hannover (Deutschland)
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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schostok,
sehr geehrter Herr Ziesemer,
sehr geehrte Kollegen aus dem deutschen Kabinett,
sehr geehrte Secretary Pritzker,
meine Damen und Herren
und natürlich – last but not least – sehr geehrter Herr Präsident, lieber Barack Obama,

ich denke, ich kann im Namen aller hier Anwesenden sagen, dass wir uns sehr freuen, dass Du, lieber Barack, heute hierhergekommen bist und bei der Eröffnung der Hannover Messe dabei bist. Danke.

Du gibst ein starkes Zeichen der Verbundenheit unserer beiden Länder und ihrer Menschen. Ich danke Dir auch ganz persönlich dafür. Diese gemeinsame Eröffnung der Hannover Messe ist doch eine weitere Gelegenheit dafür, mit engen Freunden zusammen zu sein und über alle – und das sind nicht wenige – spannenden Fragen sprechen zu können. Es ist mir natürlich eine große Freude, Dich gemeinsam mit allen amerikanischen Gästen hier in Hannover begrüßen zu können. Herzlich willkommen bei Freunden – welcome to Germany.

Über die transatlantische Partnerschaft wird viel und oft gesprochen – zu Recht und aus unzähligen Gründen. Aber hier auf der Hannover Messe wird eben nicht nur darüber gesprochen. Hier wird diese einzigartige Partnerschaft auch direkt erlebbar und erfahrbar – wie wir gehört haben, mit dem E-Auto und mit dem 3D-Drucker sogar unmittelbar erfahrbar. Hier zeigen sich die deutsch-amerikanische, die transatlantische Partnerschaft von ihrer praktischen Seite.

Von Anfang an waren die Vereinigten Staaten von Amerika ein wichtiger Partner dieser Industrieschau. In übertragenem Sinne, aber auch tatsächlich gab es schon sehr bald einen kurzen Draht zueinander. Denn schon 1948, also im zweiten Jahr der Hannover Messe, gab es eine Telefonleitung vom Messegelände hier nach New York. Ab 1950 zeigten auch Aussteller aus den USA ihre Neuheiten.

In diesem Jahr sind die Vereinigten Staaten von Amerika nach 1996 wieder Partnerland der Hannover Messe. Dies ist ein schönes Zeichen unserer engen Zusammenarbeit. Jeder wird sich an den kommenden Messetagen davon überzeugen können. Es kommen mehr als 400 Aussteller aus den USA. Das sind viermal so viele wie normalerweise, was sich wahrscheinlich auch mit dem Partnerland-Status erklärt. Aber Sie, liebe amerikanische Freunde, haben jetzt Maßstäbe gesetzt. Da ja alles mehr werden sollte, erwarten wir nächstes Jahr wieder eine deutliche, gute Präsenz.

Lieber Barack, wir haben oft darüber gesprochen: Die hohe Ausstellerzahl der amerikanischen Unternehmen spiegelt vor allem auch eines wider, nämlich die Bedeutung der Industrie, die während Deiner Präsidentschaft und nach der großen Finanz- und Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten wieder strategisch neu entwickelt wurde. Wir wissen das; und wir sind gewappnet. Wir lieben den Wettbewerb, aber wir gewinnen auch gerne.

Deutschland kann – allem Wandel vergangener Jahrzehnte zum Trotz – nach wie vor auf eine starke Industrie bauen. Der Anteil an der Wertschöpfung lag 2015 bei fast 23 Prozent – das ist im internationalen Vergleich also sehr hoch. Die deutsche Industrie ist außerdem mit anderen Bereichen sehr stark vernetzt. Deshalb gilt unsere Industrie auch als Motor unserer Volkswirtschaft. Die Hannover Messe ist traditionell das Schaufenster für die Leistungs-, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Sie ist die weltweit größte Industriemesse überhaupt.

Die ohnehin engen deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen – der Präsident hat es eben gesagt – zeigen sich auch darin, dass wir seit 1960 wieder mit den USA den wichtigsten Handelspartner haben; und das mit einem Handelsvolumen von über 173 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen exportierten in die USA Waren im Wert von knapp 114 Milliarden Euro. Wir wissen, dass die Bilanz nicht ganz ausgeglichen ist. Das wollen wir aber sozusagen nicht in den Verhandlungen dauernd vorgehalten bekommen. Wenn, dann muss es durch fairen Wettbewerb ausgeglichen werden. Ich will jetzt hier bestimmte Worte gar nicht nennen, aber „Buy German“ ist auch schön.

In unseren beiden Ländern wissen wir uns gegenseitig auch als attraktive Investitionsstandorte zu schätzen. Der Bestand der unmittelbaren deutschen Direktinvestitionen in den USA lag 2014 bei rund 224 Milliarden US-Dollar. Die US-amerikanischen Direktinvestitionen bei uns beliefen sich auf 115 Milliarden US-Dollar. Diese Zahlen – auch das hat der Präsident eben schon gesagt – bedeuten: 620.000 Arbeitsplätze sichern deutsche Unternehmen in den USA und 800.000 Arbeitsplätze sichern US-Unternehmen in Deutschland. Das ist etwas, das für die Menschen zählt, das sie täglich erleben. Das ist das, was wir weiterentwickeln wollen. Deshalb wollen wir das einzigartige Zeitfenster nutzen, wenn es um das große Projekt des Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaftsabkommen, das TTIP, geht.

Wir alle kennen die Vorbehalte, die Sorgen, die Ängste. Wir alle wissen, welche Schwierigkeiten noch zu überwinden sind. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn wir es richtig machen, wenn wir die Zeit, die wir haben, nutzen, wenn wir den Menschen wieder und wieder sagen, dass die Standards nicht abgesenkt werden, sondern dass sie bleiben oder erhöht werden, wenn wir sagen, dass wir mit diesem Abkommen im ökologischen Bereich, im sozialen Bereich, im Bereich des Verbraucherschutzes Globalisierung gestalten können und müssen und nicht mehr anderen hinterherlaufen, die vorne dran sind, wenn wir das gemeinsam tun – und meine Bitte an Sie, die anwesenden Unternehmer, ist: tun Sie es, auch gegenüber Ihren Belegschaften –, dann können wir noch in diesem Jahr einen großen Erfolg erzielen. Wir, die Bundesregierung, wollen das – ich will das hier ausdrücklich sagen – und werden in Europa dafür werben, dass auch die Europäische Union insgesamt eine starke Verhandlungsdynamik hier hineinbringt.

Wir wissen, dass das transpazifische Abkommen bereits fertig verhandelt ist. Der amerikanische Präsident hat darauf hingewiesen. Die Arbeitslosigkeit in Europa ist im Augenblick hoch. Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht so groß, wie wir uns das wünschen. Jedes von der Europäischen Union abgeschlossene Handelsabkommen hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Dynamik der Wirtschaft gewachsen ist. Denken wir etwa nur an das EU-Südkorea-Abkommen. Dieses Abkommen, TTIP, ist ein Abkommen, das in ganz besonderer Weise Standards setzt. Deshalb will ich mich auch hier deutlich dafür aussprechen, das Zeitfenster zu nutzen, die Chance zu nutzen, die so schnell nicht wiederkommen wird. Deshalb lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten.

Noch aus einem anderen Grund ist das Jahr 2016 ein spannendes Jahr, das für die Anwesenheit eines amerikanischen Präsidenten und das Gastland Vereinigte Staaten von Amerika auf der Hannover Messe spricht. Wir kennen auf der einen Seite die Stärken der amerikanischen Unternehmen im Bereich des Internet, im Bereich der digitalen Wirtschaft. Wir kennen auf der anderen Seite unsere beiden Stärken im industriellen Bereich. Deutschland weiß um die Wichtigkeit, auch die digitale Wirtschaft zu entwickeln. Die Start-up-Szene hat sich gut entwickelt. Wir können viel von den Vereinigten Staaten von Amerika lernen.

Aber jetzt befinden wir uns in einem ganz besonderen Moment – in einem Moment, in dem sozusagen die digitale Agenda mit der industriellen Produktion verschmilzt, was wir Industrie 4.0 oder Internet der Dinge nennen. Was passiert? Alle Gegenstände, alle Maschinen, alle Autos, alle Motoren, alle Ventile, alle Fahrstühle, alle möglichen Produkte liefern Daten. Diese Daten werden verarbeitet; das sogenannte Data Mining findet statt. Aus diesen Daten entsteht ein Mehrwert, entstehen intelligente Systeme. Diese Systeme geben uns vollkommen neue Chancen. In diesem Prozess vorne mit dabei zu sein, in diesem Prozess die Standards zu setzen, sollte der Anspruch der Europäischen Union gemeinsam mit den Vereinigten Staaten von Amerika sein. Deutschland hat es geschafft – ich halte das für einen großen Fortschritt –, dass die „Plattform Industrie 4.0“, die wir in der Bundesregierung entwickelt haben, jetzt mit dem „Industrial Internet Consortium“ kooperiert. Gemeinsam können Standards entwickelt werden, die dann auch für die Entwicklungen auf der Welt bestimmend sein können.

Wir wissen, dass für die Europäische Union in der digitalen Entwicklung, in der Zeit des Internets der Dinge riesige Chancen verborgen liegen, aber, wenn wir es nicht schaffen, diese zu nutzen, auch die Gefahr, die Vorteile des europäischen Binnenmarkts – eines Binnenmarkts mit 500 Millionen Menschen mit einem guten Lebensstandard –, einzubüßen und viele Chancen zu vergeben. Deshalb ist dies eine Zeit, in der die Zukunftsweichen über die Stärke der großen Industriestandorte in der Welt gestellt werden. Wir haben diese Schlacht – das sage ich für die europäische, für die deutsche Seite – noch nicht gewonnen, auch wenn wir gute Ausgangspositionen haben. Deshalb schätzen wir den Austausch auf dieser Messe ganz besonders.

Etwas Ähnliches gilt für den Bereich Energie. Die USA und Deutschland haben ein gemeinsames Interesse an stabilen, offenen, transparenten Energiemärkten. Deutschland begibt sich auf einen sehr speziellen Pfad der Energiewende. Wir glauben, dass wir für die Energieproduktion der Zukunft für die Welt gute Beiträge liefern können. Ich möchte mich an dieser Stelle auch dafür bedanken, dass es uns gelungen ist, ein Klimaabkommen in Paris fertigzustellen. Wir alle kennen die Frustration von Kopenhagen; aus dieser Frustration ist eine Dynamik erwachsen. Lieber Barack, ich möchte mich ganz herzlich bei Dir bedanken. Es ist in der Vergangenheit nicht selbstverständlich gewesen, dass sich amerikanische Präsidenten an die Spitze der Bewegung für Klimaabkommen gestellt haben. Danke. Ohne die Vereinigten Staaten von Amerika wäre das nicht möglich gewesen.

Das gemeinsame Bekenntnis zum freien Handel, die gemeinsame Ausarbeitung der Industrieproduktion der Zukunft, eine Gemeinsamkeit in der Gestaltung einer Energiepolitik, die globalen Energiekonsum möglich macht, ohne dass wir unsere Natur ruinieren – das allein sind schon drei Gründe für eine starke transatlantische Partnerschaft. Wir haben heute Nachmittag auch über andere Punkte gesprochen. Denn eine gute wirtschaftliche, industrielle Entwicklung ist für uns alle nur möglich, wenn wir in Sicherheit leben können, wenn es möglich ist, den Gefahren der Welt zu begegnen. Das bedeutet, dass wir dort zusammenarbeiten, wo Sicherheit gefährdet ist – ob das in Afghanistan ist, ob es um den Kampf gegen den internationalen Terrorismus geht, ob es um den Kampf gegen die Ursachen von Flucht und Vertreibung geht, also um den Kampf dafür, dass Menschen weltweit in Sicherheit leben können.

Deshalb weiß ich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, die Europäische Union und ihre Herausforderungen klar im Blick hat und dass er zutiefst der Überzeugung ist, dass wir nur gemeinsam diese Herausforderungen bewältigen können, was natürlich ein verstärktes Engagement der Europäischen Union bedeutet, um die transatlantische Partnerschaft zu kräftigen.

Ich glaube, diese Gründe zeigen, von welch strategischer Bedeutung der Besuch von Barack Obama hier in Deutschland und gerade auch auf dieser Messe ist, weil es – viele Jahre, Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, 25 oder 26 Jahre nach Ende des Kalten Krieges in einer Welt, in der wir völlig neuen Herausforderungen begegnen, in einer Zeit, in der sich die Welt mit all ihren Komplikationen, aber auch all ihren Chancen neu orientiert – nun auch an der Zeit ist, ein neues Bekenntnis zur transatlantischen Partnerschaft abzulegen. Dieser Besuch hier ist dazu eine gute Möglichkeit.

Deshalb freue ich mich, dass die Vereinigten Staaten von Amerika Gastland sind, dass der Präsident hier bei uns ist, dass wir morgen einen gemeinsamen Rundgang machen werden, um deutlich zu machen: Das alles sind nicht nur Worte, das alles sind auch Ergebnisse gemeinsamer Zusammenarbeit. Wir werden morgen auch interessante Produkte sehen, bei denen wir miteinander im Wettbewerb stehen. Lassen Sie uns die Chance der Hannover Messe nutzen.

Und damit erkläre ich die diesjährige Hannover Messe für eröffnet.

Angela Merkel

Angela Merkel Ministre fédéral des Femmes et de la Jeunesse (1991-94). Ministre fédéral de l’Environnement, de la Protection de la nature et de la Sécurité nucléaire (1994-98). Députée et présidente de l’Union démocrate chrétienne (1998-2005). Chancelière fédérale d’Allemagne (depuis 2005).

 

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