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Vor unseren Augen (1/25)

Vor unseren Augen

Wir beginnen mit der Veröffentlichung von Thierry Meyssans Buch „Vor unseren Augen“ in mehreren Folgen. Es handelt sich um ein anspruchsvolles Werk über die Geschichte der letzten achtzehn Jahr auf der Grundlage der Erlebnisse des Autors im Dienst mehrerer Nationen. Dieses Buch hat nicht seinesgleichen und kann es nicht haben, soweit keine andere Person an diesen aufeinanderfolgenden Ereignissen in Lateinamerika, in Afrika und im Nahen Osten auf der Seite der Regierungen, die vom Westen in Frage gestellt wurden, teilgenommen hat.

| Damaskus (Syrien)
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Ein Staat darf keine auf den gewaltsamen Umsturz des Regimes eines anderen Staates gerichteten subversiven, terroristischen oder bewaffneten Aktivitäten organisieren, unterstützen, schüren, finanzieren, anstiften oder dulden und nicht in interne Konflikte in einem anderen Staat eingreifen.
Resolution 2625, am 24. Oktober 1970 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen

Vorwort des Autors

Kein Wissen ist endgültig. Wie jede andere Wissenschaft ist die Geschichtswissenschaft ein Infragestellen von dem, was man für sicher hielt, und was angesichts neuer Erkenntnisse verändert, wenn nicht für nichtig erklärt werden muss.

Ich lehne die Wahl, vor die man uns stellt, zwischen dem „Zirkelschluss der Vernunft“ und dem „einzigartigen Denken“ einerseits und dem emotionalen und „postfaktischen“ Diskurs andererseits ab. Ich stelle mich auf eine andere Ebene: Ich versuche, die Tatsachen von den Erscheinungen zu trennen und die Wahrheit von den Mitteilungen. Vor allem solange Menschen versuchen, andere auszubeuten, können meiner Ansicht nach internationale Beziehungen nicht vollständig demokratisch und damit transparent sein. Folglich ist es, jenseits von Schlichen und Tricks, von Natur aus unmöglich, die internationalen Ereignisse mit Gewissheit zu interpretieren, wenn sie in Erscheinung treten. Die Wahrheit kommt erst im Lauf der Zeit an den Tag. Ich kann mich über den gegenwärtigen Moment täuschen, aber ich verzichte nie darauf, meine Eindrücke in Frage zu stellen und nachzuvollziehen. Dieses Training ist umso schwieriger, als die Welt unter Kriegen leidet, die uns zur Stellungnahme verpflichten, ohne abzuwarten.

Für meinen Teil habe ich mich auf die Seite der Unschuldigen gestellt, die Unbekannte in ihre Dörfer eindringen und dort ihr Recht aufzwingen sehen, Unschuldige, die die internationalen Fernsehsender das Mantra wiederholen hören, dass ihre Führer Tyrannen seien und ihren Platz an die Westler abgeben müssten, Unschuldige, die die Unterwerfung verweigern und deshalb von den Bomben der Nato ausradiert werden. Ich habe den Anspruch, ein Analytiker zu sein, der versucht, objektiv zu beobachten, und gleichzeitig ein Mensch, der den Leidenden mit den Mitteln, über die er verfügt, Unterstützung gibt.

In diesem Buch beanspruche ich, über Dokumente und aktuelle unmittelbare Erfahrungsberichte hinauszugehen. Allerdings versuche ich im Unterschied zu früheren Autoren nicht, die Berechtigung der Politik meines Landes nachzuweisen, sondern die Verkettung der Ereignisse zu verstehen, deren Objekt und Subjekt ich gleichzeitig gewesen bin.

Mancher wird behaupten, dass ich im Gegensatz zu meinem Bekenntnis in Wahrheit versuche, mein Handeln zu rechtfertigen und – bewusst oder unbewusst – Voreingenommenheit an den Tag lege. Ich hoffe, dass er sich an der Etablierung der Wahrheit beteiligen und mir die Dokumente zeigen oder öffentlich machen wird, die ich nicht kenne.

Es trifft genau zu, dass meine Rolle in diesen Ereignissen es mir ermöglicht hat, zahlreiche Fakten zu erfahren und zu verifizieren, die der Öffentlichkeit und oft auch vielen anderen Akteuren nicht bekannt waren. Dieses Wissen habe ich auf empirischem Wege erworben. Erst nach und nach habe ich die Folgerichtigkeit dieser Ereignisse verstanden.

Damit der Leser meinen intellektuellen Gedankengang nachvollziehen kann, habe ich nicht eine Allgemeine Geschichte des arabischen Frühlings geschrieben, sondern drei partielle Geschichten der letzten achtzehn Jahre ausgehend von drei unterschiedlichen Standpunkten: die der Muslimbrüder, die der aufeinanderfolgenden französischen Regierungen und die der Behörden der Vereinigten Staaten. In der vorliegenden Ausgabe habe ich die Reihenfolge dieser Teile im Vergleich zu den vorangegangenen Ausgaben, wo das Handeln Frankreichs an erster Stelle stand, umgekehrt. Schließlich geht es hier um eine internationale Leserschaft.

Auf der Suche nach Macht stellten die Muslimbrüder sich in den Dienst des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten, wobei sie sich gleichzeitig Gedanken machten, wie sie Frankreich in ihrem Kampf um die Beherrschung des Volkes auf ihre Seite ziehen könnten. Die französische Führung, mit ihren eigenen Zielen beschäftigt, bemühte sich weder, die Logik der Muslimbrüder noch die ihres US-Lehnsherren zu verstehen, sondern einzig die Vorteile der Kolonialisierung wiederzugewinnen und sich zu bereichern. Nur Washington und London waren im Besitz aller Informationen darüber, was die Muslimbrüder vorbereiteten und was sich tatsächlich ereignete.

Das Resultat erinnert an russische Puppen: Man begreift die Organisation der Ereignisse, die spontan erscheinen, so wie die Umstände und die genaueren Bestimmungen gewisser Entscheidungen nur Schritt für Schritt.

Meine Zeugenaussage unterscheidet sich so stark von dem, was die Leser über dasselbe Thema lesen oder hören konnten, dass mancher Angst bekommt vor den Konsequenzen dessen, was ich geschrieben habe. Andere wiederum werden sich Gedanken machen über diese gigantische Manipulation und und über den Weg, wie ihr ein Ende gesetzt werden kann.

Bei der ersten Ausgabe, aber nicht bei den folgenden, haben sich mehrere Fehler herausgestellt. Wahrscheinlich sind weitere enthalten, zu deren Korrektur ich in der Folge verpflichtet bin. Es ist möglich, dass die eine oder andere der Korrelationen, die ich ans Licht bringe, nur dem Zufall geschuldet ist, aber mit Sicherheit nicht ihre starke Häufung.

Entsprechend den aufeinanderfolgenden Enthüllungen über diesen Zeitraum sind zahlreiche kleine Zusätze enthalten.

Zweifellos werden die Anhänger des Imperialismus mir getreu ihrem Fetischausdruck „Verschwörungstheorien“ vorwerfen. Das ist ein billiger Vorwurf, den sie seit fünfzehn Jahren handhaben. Sie haben extensiv Gebrauch davon gemacht, seit ich die offizielle Version der Attentate des 11. September 2001 bestreite. Sie leugnen weiterhin und verraten sich selbst, wenn sie al-Qaida in Libyen und Syrien unterstützen und sie gleichzeitig für Massaker in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Belgien usw. anklagen.

Wenn die kleinen Fehler berichtigt sind, wird es letzten Endes diese Häufung der Fakten sein, auf die jeder, wenn er aufrichtig ist, mit einer logischen und stimmigen Erklärung reagieren muss.

(Fortsetzung folgt …)

Übersetzung
Sabine

Das Buch erscheint im Herbst 2019 als Papierausgabe auf Deutsch.

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