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General Chamel Roukoz ist die legitimste libanesische Figur, um das Land zu reformieren. Die Vereinigten Staaten würden es jedoch vorziehen, wenn General Joseph Aoun (nicht verwandt mit dem Präsidenten der Republik) die Rolle des "Diktators" (im alten römischen Sinne des Wortes) spielen würde.

Ein aus der Vergangenheit stammendes strukturelles Problem

Schon zu Beginn der Ereignisse im Libanon hatten wir betont, dass das strukturelle Problem nicht die Korruption sei, sondern die Organisation dieses Landes nach einem konfessionellen “Proporz” [1]. Darüber hinaus hatten wir, noch bevor das Bankenproblem bekannt wurde, angekündigt und erklärt, dass, wie alle Banken, auch die libanesischen nur ein Zehntel ihrer Einlagen selbst besaßen. Wenn also ein großes politisches Problem auftaucht, das das Vertrauen untergräbt, sind alle Banken unfähig ihre Kunden auszuzahlen.

Wir behaupteten weiterhin, dass die Libanesen sich irren, wenn sie die Schuld den Korrupten geben. Das Volk allein ist dafür verantwortlich, indem es die Fortsetzung dieses feudalen Systems akzeptierte, das von der osmanischen Besatzung geerbt wurde, und dem Sammelsurium des konfessionellen Kommunitarismus, der von der französischen Besatzung geerbt wurde. Es sind immer noch dieselben Familien, die das Land seit Jahrhunderten kontrollieren; der Bürgerkrieg (1975-90) hat sie nur wenig erneuert.

Es ist erstaunlich zu hören, wie Muslime die osmanische Kolonisierung leugnen und Maroniten sich für ihre "Mutter Frankreich" (sic) begeistern. Natürlich hat jeder seine eigenen Gründe für diese Fehler, aber man wird nicht eine lebensfähige Zukunft schaffen, wenn man sich gegenüber der Vergangenheit blind stellt.

Washington und Tel Aviv wollen den Libanon nicht zerstören

Die Vereinigten Staaten üben auf die Hisbollah eindeutig Druck aus. Wie General Kenneth McKenzie, Kommandeur von CentCom, bei seinem jüngsten Besuch in Beirut sagte, ist dies jedoch ein indirekter Druck auf den Iran. Niemand denkt daran, die Hisbollah, die die erste nichtstaatliche Armee der Welt ist, zu zerstören. Niemand schmiedet Kriegspläne gegen den Libanon und vor allem nicht gegen Israel.

Diese Klarstellung ist umso notwendiger, als die Vereinigten Staaten dem Libanon mit Vergeltung gedroht haben, als er die von Botschafter Frederic Hof gezogene sehr ungerechte Trennlinie nicht akzeptierte. Sie grenzt die israelischen und libanesischen Meeresgebiete ab, um die Nutzung der Gasreserven durch Tel Aviv zu erleichtern. Die Vereinigten Staaten haben auch Druck auf den Libanon ausgeübt, entsprechend ihren taktischen Bedürfnissen gegenüber Syrien: Eines Tages forderten sie ihn auf, jede Intervention zu unterlassen, und forderten am nächsten Tag, dass der Libanon syrische Flüchtlinge aufnimmt und sie im Lande behält, um die Wirtschaft von Damaskus zu ruinieren.

Was Israel betrifft, so wird dieses Land nun gleichzeitig von zwei Premierministern regiert. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist ein Kolonialist im angelsächsischen Sinne des Wortes. Er beabsichtigt, das israelische Territorium "vom Nil bis zum Euphrat" zu erweitern, wie es durch die beiden blauen Streifen der israelischen Flagge symbolisiert wird. Der zweite Ministerpräsident, Benny Gantz, ist ein israelischer Nationalist, der mit seinen Nachbarn in Frieden leben will. Die beiden Männer lähmen einander gegenseitig, während Tsahal besorgt ist über die Verwüstung, die die Hisbollah dieses Mal im Falle eines Krieges in Israel sicherlich anrichten würde.

Das persische Projekt, das niemand will

Der Libanon ist ein künstlicher Staat, der von den Franzosen entworfen wurde. Er hat keine Möglichkeit, autark zu existieren, und hängt nicht nur von seinen beiden Nachbarn Syrien und Israel ab, sondern auch von der gesamten Region.

Der Druck der USA richtet sich auf den Iran. Vor drei Wochen explodierte der Militärstützpunkt in Tarchin (südwestlich von Teheran) und löste von offizieller Seite hinhaltende Erklärungen aus. Vergangene Woche explodierten sieben kleine iranische Militärschiffe im Golf. Diesmal haben weder das Pentagon noch das iranische Militär in dieser Angelegenheit kommuniziert.

Seit 2013 hat Scheich Hassan Rohanis (schiitischer) Iran seine Ziele geändert. Sein strategisches Ziel, das 2016 offiziell angenommen wurde, ist die Schaffung einer Föderation von Staaten mit Libanon (relative schiitische Mehrheit), Syrien (säkular), Irak (schiitische Mehrheit) und Aserbaidschan (türkisch-schiitisch). Die Hisbollah verglich dieses Projekt mit der "Achse des Widerstands", die sich angesichts israelischer und US-amerikanischer Invasionen gebildet hatte. Doch nicht nur Israel und die Vereinigten Staaten sind dagegen, sondern auch diejenigen, die diese Föderation bilden sollten. Alle stellen sich gegen die Neuinszenierung eines persischen Reiches.

Sayyed Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah, glaubt, dass diese Föderation die verschiedenen politischen Systeme der Staaten, aus denen sie besteht, respektieren würde. Andere, insbesondere die Unterstützer des stellvertretenden Generalsekretärs, Naïm Qassem, glauben, dass alle die Regierungsführung durch Weise akzeptieren sollten, wie von Plato in seinem Buch Die Republik beschrieben und von Imam Rouhol Khomeini (großer Spezialist des griechischen Philosophen) unter dem Namen Velayat-e faqih im Iran eingeführt. Die Hisbollah ist nicht mehr nur das Widerstandsnetzwerk, das den israelischen Besatzer aus dem Libanon vertrieben hat. Sie ist zu einer politischen Partei mit ihren Tendenzen und Fraktionen geworden.

Nun, die Velayat-e faqih, verführerisch auf dem Papier, ist jedoch in der Praxis die Politik des Revolutionsführers Ajatollah Ali Chamenei geworden. Der Iran wird sicherlich nicht dieses System auf seine Verbündeten ausdehnen können, vor allem in einer Zeit, in der er zu Hause in Frage gestellt wird. Es ist eine Tatsache: Alle in der Region, einschließlich ihrer Feinde, bewundern die Hisbollah, aber fast niemand will das iranische Projekt, und kann auch nicht allein auf das Engagement von Sayyed Hassan Nasrallah zählen.

Vergangene Woche erklärte der iranische Botschafter in Damaskus öffentlich, er teile die Ziele Russlands gegenüber den dschihadistischen Armeen, aber in Bezug auf die Zukunft der Region denke er anders. Zum ersten Mal hat ein iranischer Beamter anerkannt, was wir seit langem schreiben: Auch Russland und die Vereinigten Staaten sind sich in diesem Punkt einig. Sie wollen keine dieser sogenannten schiitischen Föderationen des Widerstands.

Diese Woche bezeugt Aserbaidschans (türkisch-schiitische) Aggression gegen das (russisch-orthodoxe) Armenien außerhalb der traditionellen Berg-Karabach-Konfrontationszone, dass sich das Problem im Zusammenhang mit diesem Föderationsprojekt in der Region ausbreitet.

Die Abkehr der Hisbollah von dieser Fantasievorstellung hätte schwerwiegende Folgen, weil sie den Traum von einem neuen persischen Reich auflösen würde. Aber da niemand das will und das Risiko eingeht, dies eines Tages als Realität zu erleben, zieht die Partei Gottes es vor, Zweifel an ihrer Position aufrecht zu erhalten und ihren iranischen Verbündeten so lange wie möglich auszunutzen.

Der Druck der Vereinigten Staaten zielt darauf ab, die Hisbollah zu diesem Schritt zu zwingen. Es würde ausreichen, wenn die Partei Gottes erklärte, dass sie dieses Projekt der Föderation des Widerstands nicht unterstützte, damit die Aggressivität Washingtons und ihrer eigenen Verbündeten gegen sie nachlässt.

Wie kann man den Libanon heilen?

Dies alles würde jedoch das derzeitige Problem des Libanon nicht im Geringsten lösen. Dieses Problem würde verlangen, dass jeder auf seine konfessionellen Gemeinschaftsprivilegien verzichtet, d. h. nicht nur die Maroniten auf die Präsidentschaft der Republik, die Sunniten auf den Premierminister und die Schiiten auf den Präsident der Nationalversammlung; sondern auch auf die in der Nationalversammlung reservierten Sitze; und auch noch auf alle konfessionellen Formen der Arbeitsplatzverteilung im öffentlichen Dienst. Erst dann würden die Libanesen die Gleichheit aller ihrer Bürger nach dem Prinzip "Ein Mann, eine Stimme" verkünden können und schließlich die Demokratie werden, die sie immer behauptet haben zu sein, aber nie hatten.

Dieses gigantische Projekt sollte dem jahrhundertelangen Konfessionalismus ein Ende setzen, ohne einen Bürgerkrieg zu provozieren. Es ist daher fast unmöglich, es zu erreichen, ohne eine autoritäre Phase zu durchlaufen, die allein fähig ist, Antagonismen während der Übergangszeit zu unterbinden. Jener der die Rolle des Reformers spielen wird, muss sowohl die Unterstützung der Mehrheit haben als auch nicht im Widerspruch zu einer der 17 konfessionellen Gemeinschaften stehen.

Manche sind für General Chamel Roukoz, den Sieger der Fatah al-Islam (Schlacht von Nahr al-Bared, 2007) und für Scheich Ahmed al-Assir (Schlacht von Sidon, 2013). Aber dieser angesehene Soldat hat das Pech, einer der Schwiegersöhne von Präsident Michel Aoun zu sein, was ihn aufgrund der konfessionellen Teilung dazu veranlasste, auf seine Ernennung zum Oberhaupt der Streitkräfte zu verzichten. Die Vereinigten Staaten wollen, dass die Person, die schließlich in dieses Amt berufen wurde, nämlich General Joseph Aoun (nicht verwandt mit dem vorherigen), die Macht an sich reißen soll. Um seine Chancen wiederzuerlangen, hat General Chamel Roukoz gerade den Rücktritt der "drei Präsidenten" der Republik (seines Schwiegervaters), der Regierung und der Nationalversammlung gefordert.

Die reguläre Armee hat nie die notwendigen Waffen erhalten, um das Land zu verteidigen, und ist daher auf die Hisbollah angewiesen, um eine weitere israelische Invasion zu verhindern. Chamel Roukoz und Joseph Aoun pflegten stets gute Beziehungen zur Partei Gottes. Beide haben in allen Gemeinschaften einen Ruf der Unparteilichkeit.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1] „Die Libanesen, Gefangene ihrer Verfassung“, und „Libanon: die Unterseite der Bankenkrise des Jahrhunderts“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen: Werner Leuthäusser, Voltaire Netzwerk, 22. Oktober 2019 und 17. Dezember 2019.