Kurz nach der umstrittenen Wahl des US-Präsidenten rief Joe Biden Papst Franziskus an, um seinen Segen zu erhalten. Er stellte sich danach als der "gewählte Präsident" vor, ohne die Sitzung des von den Gouverneuren ernannten Wahlkollegiums abzuwarten.

Ich habe vorher die Anhänger der "Woke"-Kultur (Erwachen) in den USA als "Puritaner ohne Gott" dargestellt. Dies ist eine Vereinfachung, die unterstreicht, dass viele von ihnen nicht an Gott glauben. Ich möchte dieses Bild korrigieren, indem ich den Stempel der Gläubigen innerhalb der US-amerikanischen Linken behandle. Dies ist in den USA [1] ein sehr wenig thematisiertes Thema, das in Europa völlig ignoriert wird, wo die übertriebenen Aspekte der Religionen beim US-Lehnsherrn immer ausgeblendet werden.

In erster Linie muss der Kontext hergestellt werden:
 Die Vereinigten Staaten wären von einer puritanischen Sekte gegründet worden, den Pilgervätern, die im 17. Jahrhundert an Bord der Mayflower kamen. Sie verließen England, überquerten den Atlantik, fanden einen fast leeren Kontinent, wohin sie ihre Reinheitsgebote mitbrachten und eine "Stadt auf dem Hügel" bauten, die die Welt erleuchtet. In der Tat sind die Vereinigten Staaten heute die Vorkämpfer der Religionsfreiheit in der Welt, nicht aber der Gewissensfreiheit: Das Zeugnis eines Abtrünnigen gegen seine alte Kirche oder Sekte ist vor Gericht nicht zulässig.
 Während des Kalten Krieges positionierte Präsident Eisenhower die Vereinigten Staaten als den Vorkämpfer des Glaubens gegen den "Gottlosen Kommunismus" der Sowjets [2]. Er ließ "christliche" Propagandawerke an alle seine Soldaten verteilen und richtete im Pentagon eine ökumenische Gebetsgruppe ein, die heute als "Die Familie" bekannt ist [3]. Er breitete sie in der ganzen westlichen Welt aus. Alle Vorsitzenden des Komitees der Generalstabschefs gehörten und gehören ihr an, ebenso wie zahlreiche ausländische Staats- und Regierungschefs.
 Schließlich haben sich die US-Amerikaner seit der Auflösung der Sowjetunion von ihren Kirchen losgelöst, und 17% von ihnen nennen sich Agnostiker, manchmal sogar Atheisten. Was die Zahl der Gläubigen betrifft, die sich nicht als Anhänger einer besonderen Kirche bezeichnen, so nimmt sie ständig zu. Der politische Diskurs richtet sich nicht mehr nur an die Gläubigen aller christlichen Konfessionen, nicht einmal an die Gläubigen aller Religionen, sondern auch an die Ungläubigen.

Diese Entwicklung wurde zum ersten Mal auf dem Parteitag der Demokratischen Partei im Jahr 2012 zum Ausdruck gebracht. Während viele Workshops von religiösen Gruppen organisiert wurden, wurde Gott in den vorgelegten und angenommenen Texten nicht mehr erwähnt. Nicht, dass die Partei nicht mehr aus einer überwältigenden Mehrheit von Gläubigen besteht, sondern weil sie weiterhin alle ansprechen wollten und das Volk der USA sich verändert hatte.

Bei den Präsidentschaftswahlen von 2004 war der demokratische Kandidat, John Kerry, ein Katholik, der gezögert hatte, Priester zu werden. Er glaubt, auf die Wähler seiner Religionsgemeinschaft zählen zu können, aber das gelingt ihm nicht. Die linken Katholiken sind noch nicht organisiert. Seine Rede über die Abtreibung schockiert den zukünftigen Kardinal Burke, der die Bischofskonferenz auffordert, ihm die Eucharistie zu verweigern. Schließlich wird Papst Benedikt XVI. nach Kerry‘s Niederlage gegen George W. Bush seine De-facto-Exkommunikation ins Gespräch bringen.

Im Jahr 2008 war die Wahl des Demokraten Barack Obama, die als Sieg der schwarzen Organisationen dargestellt wurde, in Wirklichkeit ein noch größerer Sieg für die überwiegend weißen linken Christen. Sein Kabinettschef John Podesta, ein katholischer Aktivist, hatte alle Kreise der linken, protestantischen und katholischen Christen versammelt, um seinen Einzug ins Weiße Haus zu unterstützen.

Die Passage des Gesetzes über die Verpflichtung der Arbeiter, eine Krankenversicherung bei einer Privatgesellschaft zu schließen, ist gleichermaßen vor allem ein Sieg der Christen der linken Seite gegen die der rechten Seite. Die ersten wollten den Geboten ihrer Religion folgen, deren Werte die letzteren retten wollten. Beachten Sie, dass Jesus der Nazarener sich immer geweigert hat, auf diesem Gelände Stellung zu nehmen, aber lehrte durch sein Beispiel. Beachten Sie auch, dass Barack Obamas Gesetzes-Entscheidung nichts Politisches war. Er hat sich nie darum gekümmert, was seine Mitbürger wollten.

Barack Obama hat eine große religiöse Kultur, nicht nur eine christliche, sondern auch muslimische. Man weiß nicht viel über seinen Glauben, aber er erschien immer als sehr respektvoll gegenüber allen Formen der Religion. Das hat es ihm lange Zeit ermöglicht, als Weiser zu erscheinen und die Gläubigen aller Arten hinter seinem Namen zu vereinen.

Er reformierte das Büro des Weißen Hauses für die glaubensbasierten Initiativen, die von seinem Vorgänger gegründet wurden. Er sorgte dafür, dass die Bundeszuschüsse nicht zu Gunsten des einen oder anderen Kultes verwendet würden. Er stellte dort den jungen Joshua DuBois ein, um die linken Gläubigen zu koordinieren, und fügte ihm ein Beratungsgremium bei, das sich aus ihren Hauptfiguren zusammensetzte:
 die für die Gesundheitsfürsorge für alle engagierte Traci Blackmon;
 die Reverentin Jennifer Butler, Gründerin von Faith in Public Life;
 Reverend Jim Wallis, Herausgeber der Zeitschrift Sojourners und geistlicher Berater des Präsidenten;
 Pastor Michael McBride, engagiert gegen Waffen und Polizeigewalt gegen Schwarze;
 die erfolgreiche Schriftstellerin Rachel Held Evans, Autorin von Ein Jahr biblischer Weiblichkeit: Wie eine befreite Frau auf ihrem Dach saß, ihren Kopf bedeckte und ihren Mann Meister nannte;
 Rabbi David Saperstein, Direktor des « Religious Action Center of Reform Judaism ». Er wurde auch zum Botschafter der Vereinigten Staaten für Religionsfreiheit in der Welt ernannt.
 Harry Knox, Anführer der « Human Rights Campaign’s Religion and Faith Program » und später Direktor der « Religious Coalition for Reproductive Choice », dem Führer der Rechte der Homosexuellen und des Kampfes für das Recht auf Abtreibung;
 Rami Nashashibi, Direktor des Inner-City Muslim Action Network. Er setzte sich dafür ein, Muslime von Terroristen nach den Anschlägen vom 11. September zu unterscheiden.

All diese Persönlichkeiten nahmen im vergangenen Jahr aktiv an den Debatten über die zu stürzenden Statuen oder an den Demonstrationen von Black Lives Matter teil.

Während ihrer Präsidentschaftskampagne hat Hillary Clinton so wenig wie möglich über ihren persönlichen Glauben gesprochen. Sie hat sich viel an die Gläubigen gewandt, vor allem an die Evangelikalen. Mit einer Rede über die Gebote des Christentums, die verlangen würden, die Erbsünde der Sklaverei zu beichten und alle Migranten aufzunehmen, gelang es ihr nicht, zu überzeugen. Erst nach ihrer Wahlschlappe kündigte sie an, sie wolle Methodistenpastorin werden.

Im Gegensatz dazu hat ihr Rivale Donald Trump, der keine religiösen Bedenken zu haben scheint, es geschafft, die Mehrheit der rechten Christen und insbesondere die weißen Evangelisten für sich zu gewinnen. Er stellte sich ihnen nicht als Glaubender vor, sondern als ein "Mann, der die Arbeit erledigen wollte" und die Werte, die die linke Christen vernachlässigten, retten wollte. Die rechten Christen schätzten seine Aufrichtigkeit und empfanden ihn als einen Ungläubigen, der von Gott geschickt wurde, um Amerika zu retten.

Während Obamas Amtszeit hatten die Gläubigen unter den US-Linken den Eindruck - zu Recht oder zu Unrecht -, dass Papst Franziskus besonders sie ansprach. In der Tat haben sie sein erstes Apostolisches Schreiben, Evangelii gaudium (2013), in dem die Gläubigen aufgefordert werden, die Welt zu evangelisieren, als Rechtfertigung ihres politischen Engagements interpretiert, da darin die "bevorzugte Option für die Armen" genannt wird. Im Gegensatz zu dem, was die amerikanischen linken Gläubigen denken, hat die katholische Kirche allerdings nie gelehrt, bestimmte Menschen anderen vorzuziehen. Vor allem verstanden die linken Gläubigen die den Umweltfragen gewidmete Enzyklika Laudato si (2015) als Unterstützung für ihren umweltbewussten Aktivismus. Im Großen und Ganzen, alle Konfessionen zusammengenommen, betrachten sie Papst Franziskus heute als den legitimsten religiösen Führer.

Joe Biden ist der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, der nach John Kennedy katholisch ist. Aber während Kennedy beweisen musste, dass er unabhängig war und keine einmischende Verfügung eines ausländischen Papstes akzeptieren würde, versucht Biden mit allen Mitteln, von einem Papst geadelt zu werden, der von seinen Wählern verehrt wird. Während seines Wahlkampfes hat er einen Werbeclip ausgestrahlt, in dem er erklärt, was er seinem Glauben verdankt. Als er seine Frau und seine Tochter durch einen Unfall verlor und dann einen seiner Söhne durch Krebs, half ihm sein Glauben, seine Trauer zu überwinden und Hoffnung zu bewahren.

Am Anfang dieses Artikels erwähnte ich die Gebetsgruppe des Pentagon. Seit seiner Gründung durch General Eisenhower veranstaltet sie jedes Jahr Anfang Februar ein Gebetsessen mit dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten. Alle warteten auf die Rede von Präsident Biden. Die Videokonferenz der Rede dauerte vier Minuten. Der Redner verurteilte darin den "politischen Extremismus" (Anspielung auf seinen Vorgänger) und feierte die Brüderlichkeit unter den "Amerikanern".

Für den neuen Präsidenten sind die Amerikaner "gut", wie er es bei der Zeremonie zur Amtseinführung sagte. Die Demokratische Partei sucht soziale Gerechtigkeit in der Tradition des "Social Gospel" der 20er Jahre. Alle Amerikaner hätten ihm spontan folgen sollen. Leider wurden die rechten Gläubigen getäuscht von Donald Trump; Ein Mann ohne Religion. Sie haben für diesen Milliardär gestimmt, ohne zu merken, dass sie ihren Glauben verrieten. Deshalb ist es Bidens Pflicht, ihnen die Augen zu öffnen und sie gegen ihren Willen glücklich zu machen.

Nie hat Präsident Biden versucht zu verstehen, warum die rechtsstehenden Gläubigen Trump gewählt haben. Immer betrachtete er diese Tatsache als eine intellektuelle Anomalie. Heute versucht er daher, die QAnon-Gruppe mit einer verrückten Sekte gleichzusetzen, die Satan überall in Washington sieht. In jeder seiner Erklärungen bemüht er sich, die Trump-Präsidentschaft als Fehler darzustellen, eine düstere Ausnahme ohne Zukunft.

Das Einzige das für die linken Gläubigen zählt, sind die Entscheidungen, die seit dem 20. Januar zugunsten der Einwanderer, der Frauen, der sexuellen Minderheiten und gegen die Verletzung der heiligen Räume der indianischen Minderheiten getroffen wurden.

Wir erleben einen großen Irrtum. Linke Gläubige sind der Meinung, dass sie ihre politischen Überzeugungen im Namen Gottes durchsetzen müssen, während die Demokratische Partei denkt, dass sie nicht politisch denken soll, sondern ihre Wähler bezaubern sollte. Die Trennung zwischen Kirche und Staat existiert immer noch aus institutioneller Sicht, aber nicht mehr in der täglichen Praxis. Das Problem hat sich verlagert: Es existiert nicht mehr zwischen den Religionen, sondern zwischen unterschiedlichen Vorstellungen des Glaubens.

Der hl. Bernhard [de Clairvaux], der den zweiten Kreuzzug predigte, erkannte an, dass "Der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist”. Genau das passiert hier: Linke Gläubige verhalten sich wie Fanatiker. Sie sprechen von nationaler Einheit, aber haben eine Hexenjagd entfesselt, im Vergleich zu der die von McCarthy nichts ist. Sie entlassen Hunderte von Beratern im Pentagon; haben versucht, eine Abgeordnete im Repräsentantenhaus zu entlassen, weil sie die offizielle Version der Anschläge vom 11. September in Frage stellt; oder wollen alle Mitglieder der QAnon-Bewegung verhaften. Sie befrieden die USA nach der Einnahme des Kapitols nicht, sondern stürzen sie in den Bürgerkrieg.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

[1American Prophets: The Religious Roots of Progressive Politics and the Ongoing Fight for the Soul of the Country, Jack Jenkins, HaperOne (2020.

[2Modern Viking: the story of Abraham Vereide, pioneer in christian leadership, Norman Grubb, Zondervan (1961). Military chaplains: From religious military to a military religion, Harvey G. Cox, JR, Abingdon Press (1969). Washington: christians in the corridors of power, James C. Hefley & Edward E. Plowman, Tyndale & Coverdale (1975).

[3The Family: the secret fundamentalism at the heart of American Power, Jeff Sharlet, HarperCollins (2008).