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Gazprom platzt die Spekulations-Blase des US-Schiefergas

Die Kontroverse um Schiefergas schwillt weiterhin an. Offiziell soll diese Art von Kraftstoffausbeute in den Vereinigten Staaten dem Land eine Energieunabhängigkeit gewährleisten. In Russland jedoch denkt man, es handle sich nur um eine alte Technik, die neu aufgetischt wurde. Sie würde wohl einige schöne Operationen erlauben, bevor sie untergehe. Alfredo Jalife konstatiert die Ähnlichkeiten in dieser Debatte und jener, die es vorher bei dem Peak-Oil gab.

| Mexiko-Stadt (Mexiko)
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Wie in den 1990er Jahren, als der Streit zwischen Geologen und Banker über das Thema des bevorstehenden Peak-Oil tobte (natürlich waren es die Geologen die Recht hatten), finden wir die gleichen Akteure, die über Schiefergas divergieren; eine überwältigende Mehrheit, die die westlichen, unter neoliberaler finanzieller Vormundschaft stehenden Multimedia kontrolliert, preist die technologische Revolution des Fracking, das, wie behauptet, den Vereinigten Staaten eine wunderbare Energieunabhängigkeit geben und ihnen ermöglichen wird, die OPEC und Russland zu begraben; ihr gegenüber steht eine winzige Minderheit, die auf die geschwollene Börsenblase von Wall Street hinweist.

Was die revolutionäre Geopolitik von Schiefergas betrifft, laut dem BND (deutscher Geheimdienst), habe ich vor kurzem festgestellt, dass es keine wissenschaftliche oder geopolitische Antwort seitens der Russen auf die etwas verrückten angelsächsischen Monologe gibt, wo also die Hegelsche Dialektik durch ihre Abwesenheit glänzt.

Aber es scheint, als hätten die Russen unseren Vorschlag für eine kontrastierende Antithese weniger als zwei Monate später verstanden, wenn man nach dem Interview mit Alexei Miller urteilen darf, das durch den Staatssender „Rossiya 24TV“ veröffentlicht wurde. Der Chef von Gazprom hält die Gewinnung von Gas aus Schiefer in den Vereinigten Staaten für nicht nur erfolglos, sondern auch für den russischen Energiesektor konkurrenzunfähig [1].

Gazprom ist nicht weniger kritisch: 50,01 % staatlich und trotz seines brutalen Börsenabbruchs (ein Rückgang von 30 %) eine Firma, die die höchsten Gewinne der Welt präsentiert (44 460 Millionen $ und unter den ersten 500 Transnationalen laut Fortune/CNN).

Alexei Miller erstellt damit eiskalt, dass die Industrie von Gas aus Schiefer in den Vereinigten Staaten nur eine Blase sei, was nicht überrascht, wenn man sich daran erinnert, dass das Duett Wall-Street - City sich an Manipulationen bei mehreren Blasen, ganz nach dem Modell der globalen und finanziellen äußersten Deregulierung beteiligt hat.

Alexei Miller betont in beunruhigender Art, dass bisher kein bekanntes Projekt zu einer lebensfähigen Schiefer-Gas-Produktion geführt habe, und unterstreicht das Gas Defizit der USA (von Erdgas, Flüssiggas LNG, bis zum Schiefergas), während die Zunahme des Volumens der Schiefer-Gas-Produktion kaum den Rückgang der Erdgas-Gewinnung auf dem US-Territorium wettmache.

Die bemerkenswerteste Tatsache ist, dass Gazprom in der US-Schiefer-Gas-Produktion keine Gefahr für Russland sieht und dass der Anstieg der Schiefer-Gas-Produktion kaum mehr bedeutet, als der US-Wunsch für Sicherheit in Energieversorgung.

Für die Stimme Russlands kann man davon ableiten, dass finanzielle und wirtschaftliche Überlegungen in die Vereinigten Staaten sekundär sind, im Vergleich zu dem Ziel, eine zuverlässige Energie-Quelle auf seinem Hoheitsgebiet zu besitzen.

Meiner Meinung nach kann man auch schließen, dass die Sicherheit der Energieversorgung der USA mit ihren zwei Partnern in der NAFTA-Region verknüpft ist: Kanada und Mexiko, die die tatsächlichen geoenergetischen Schwergewichte sind, wie aus dem berüchtigten Dokument mit dem Titel „Neue Horizonte in der Beziehungen zwischen USA und Mexiko“ abgeleitet werden kann [2], sowie aus der geheim gehaltenen Sitzung der Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand und dem North American Free Trade Abkommen, und dann auf der Frühjahrstagung im Hotel Banff/Canada (von 12 bis 14. September 2006) [3].

Die Stimme Russlands erklärt, dass die Schiefer-Gasförderung den Vereinigten Staaten vielleicht helfen kann, ihre Abhängigkeit für die Energieversorgung im Nahen Osten zu beenden, aber nicht den Transnationalen Öl-majors helfen wird, mit Gazprom auf dem europäischen Markt zu konkurrieren.

Es ist interessant zu sehen, wie sich eine neue Energie-Regionalisierung auf fünf Kontinenten abspielt. Die Stallburschen sprechen jetzt von „Energiesicherheit“ für Nordamerika, was eigentlich einer Abzweigung der Energieressourcen seiner zwei Nachbarn und verbündeten, Kanada und Mexiko, durch die Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand gleichkommt.

Das russische offizielle Radio zitiert viele Experten, die davon überzeugt sind, dass die Revolution des Schiefer-Gasmarktes nur eine von Wall Street aufgezogene Blase sei, um naive Anleger hineinzulegen.

Denn letzten Endes, sind nicht alle Börse-Blasen, seit der Immobilien- bis jetzt zur Gas-Blase, nicht einfach absichtlich aufgestellte Köder, um masochistische Naiv-Neulinge in die Falle der Deregulierung der Finanzmärkte zu locken?

Ganz egal, wer nun Gouverneur der Federal Bank ist, spielt er als neuer Rattenfänger von Hameln mit seiner Flöte, durch die transnationalen, Buchhaltungs- und hyperbolischen Medien verstärkt, auf allen Ecken der Erde sein Desinformationslied.

Genau wie die europäische Studien-Website Dedefensa.org, die ihren Sitz in Brüssel hat, schrieb Alexei Miller: „Wir sind skeptisch über Schiefergas, diese Seifenblase wird bald platzen“. Dedefensa.org schätzt den Zeitraum auf zwei Jahre ein.

Der russisch-aserbaidschanische Oligarch Vagit Alekperov, Präsident von Lukoil, hält die Produktion von Gas und Öl aus Schiefer für eine Hochleistung der amerikanischen Ingenieure, aber das Fracking und das Bohren in großen Tiefen trotz allem nicht für eine Revolution.

Zufälliger Weise ist das zweite russische Öl-Konsortium Lukoil, immer noch in Mehrheit Eigentum der russischen Oligarchen, während das private Unternehmen Conoco Phillips, in US-amerikanischem Besitz und auf dem vierten Platz bei Fortune/CNN, ungewöhnlicher Weise darin 20 % Anteile hat, im Austausch gegen private, russische Tankstellen auf amerikanischem Boden.

Man beachte die Promiskuität, die in der Hybrid-Beziehung zwischen russischen und amerikanischen, staatlichen und privaten Ölgesellschaften vorherrscht.

Das ist der Grund warum Vagit Alekperov über die Umweltschäden des Fracking schweigt, welche die Revue Geology, dem Scientific American Magazin folgend, schon erwähnte, sowie über das Hervorrufen von Erdbeben und die zusätzliche Verschmutzung des Grundwassers und der Natur (siehe die Dokumentation Gasland.). Nachdem die „Stimme Russlands“ die äquivalente Schiefer-Gas-Revolution in Großbritannien mit beißendem Spott behandelt hatte, fügte sie hinzu, dass trotz aller dieser Erfolge in den Vereinigten Staaten, die Zukunft des europäischen Energiemarktes immer noch von den konventionellen Gas-Produzenten, unter anderen auch von Gazprom abhänge. Und man könnte auch die starken europäischen Vorbehalte gegen das Fracking unterstreichen.

Aber nichts, noch niemand wird das Technologie-Fieber zum Einhalt bringen können, das die strategischen Kreise in den Vereinigten Staaten ergriffen hat, wie Robert Bryce vom Manhattan Institute [4] behauptet, dass die Innovation für eine glänzende Zukunft der Energieerzeugung sorgen werde, sowohl für Öl (auf dem Grund der Ozeane, mit Robotern und U-Booten), als auch für Gas (flüssiges, Erdgas und Schiefer), und dass sie zur reichlichen, preiswerten und zuverlässigen Versorgung führen werde.

Zwischen dem Manhattan Institut und Gazprom muss sich einer der beiden zwangsläufig irren.

Übersetzung
Horst Frohlich

Quelle
La Jornada (Mexiko)

[1] Stimme Russlands, 30. März 2013.

[2] New Horizons in U.S.Mexico Relations. Recomandations for policy makers . CSIS, CIDAC, ITAM, University of Texas, September 2001.

[3] Siehe : “La Desnacionalización de Pemex”, von Alfredo Jalife-Rahme, Verlag Orfila, 2009.

[4] New Technology for Old Fuels. Innovation in Oil and Natural Gas Production Assures Future Supplies, von Robert Bryce, Manhattan Institut 9. April 2013.

Alfredo Jalife-Rahme

Alfredo Jalife-Rahme Professor für politische und soziale Wissenschaften an der nationalen autonomen Universität von Mexico (UNAM). Er veröffentlicht Berichte der internationalen Politik im Tageblatt La Jornada und in der Wochenzeitung Contralínea. Letztes veröffentlichte Werk : El Hibrido Mundo Multipolar : un Enfoque Multidimensional (Orfila, 2010).

 
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