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Iran – Die Gefahr eines Atomkriegs

zf. Der Aufruf des ehemaligen Vize-General­stabschefs der russischen Armeen ist ein eindringlicher Appell an die Vernunft – ein Appell an den Willen, uns und unseren Kindern und den Völkern dieser Erde eine lebenswerte Welt erhalten zu wollen. Die darin dargelegten geopolitischen Analysen sind nicht überraschend, sie sind in den Hauptstädten der Welt bekannt. Aber wo bleibt die Stimme Europas, wo bleiben die Stimmen der sogenannten europäischen Intellektuellen? Der politisch Verantwortlichen? Warum geben sie den Menschen und ihrem Wunsch nach Frieden keine Stimme? Es ist beschämend und alarmierend zugleich, dass heute nicht Dichter und Denker, Staatsmänner oder -frauen, sondern Generäle diese Aufgabe übernehmen müssen.

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General Leonid Ivashov (links) auf der Konferenz " Axis for Peace 2005" in Brüssel, mit Webster Tarpley

Die Analyse der derzeitigen Situation im Konflikt mit Iran zeigt, dass die Welt mit der Möglichkeit des Ausbruchs eines neuen Kriegs […] konfrontiert ist.
Die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Alliierten haben mit der psychologischen Vorbereitung der Weltöffentlichkeit auf die Möglichkeit des Einsatzes taktischer nuklearer Waffen zur Lösung des «Problems Iran» begonnen. Die Propagandamaschine der Vereinigten Staaten von Amerika leistet Schwerarbeit, um den Eindruck zu erwecken, dass ein «chirurgisch präziser» Gebrauch der Nuklearwaffe mit nur begrenzten Folgen möglich sei. Seit den Atombombenangriffen der Vereinigten Staaten von Amerika gegen Hiroshima und Nagasaki ist allerdings bekannt, dass das nicht stimmt.
Nach dem ersten Atomschlag wird es völlig unmöglich sein, den Einsatz von Massenvernichtungswaffen jeglicher Art zu verhindern. Wenn die massenhafte Vernichtung ihrer Nationen auf dem Spiel steht, werden die am Konflikt beteiligten Parteien ohne Einschränkung alles einsetzen, was ihnen zur Verfügung steht. Deshalb werden nicht nur die nuklearen Arsenale verschiedener Länder einschliesslich derer, die offiziell keine haben, ins Spiel kommen. Ohne Zweifel werden chemische und biologische Waffen (und generell giftige Substanzen jeder Art) benutzt werden, die unter minimalen industriellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen produziert werden können. Man kann davon ausgehen, dass zurzeit Frieden und Menschheit in grosser Gefahr schweben.
Bedenken Sie den militärisch-technischen Aspekt der Situation. Die von den Vereinigten Staaten von Amerika dargelegten operativen Ziele – die Zerstörung von rund 1500 Zielen auf iranischem Territorium – können von den schon bereitstehenden Kräften nicht bewältigt werden. Das Ziel kann nur erreicht werden, wenn taktische Atomwaffen zum Einsatz kommen.

Drei Atombomben Israels gegen Iran

Eine Überprüfung des militärisch-politischen Aspekts der Angelegenheit bringt noch mehr bedeutsame Tatsachen ans Licht. Die Pläne für den Angriff auf Iran sehen keine Bodenoffensive vor. Schläge gegen ausgewählte militärische und industrielle Einrichtungen können dem iranischen Verteidigungs­potential und der Wirtschaft schweren Schaden zufügen. Die Zahl der Todesopfer wird wahrscheinlich beträchtlich sein, aber vom militärischen Standpunkt betrachtet nicht katastrophal.
Gleichzeitig ist es unmöglich, ein Land von der Grösse Irans ohne Bodenoperation unter Kontrolle zu bekommen. Die geplante Offensive wird nicht nur die Konsolidierung der Kräfte in Iran zur Folge haben, sondern auch in anderen islamischen Ländern und in der Öffentlichkeit auf der ganzen Welt. Die Unterstützung für das von der Aggression der Vereinigten Staaten von Amerika und Israels getroffene Land wird rapid ansteigen. Sicher ist sich Washington dessen bewusst, dass das Ergebnis nicht die Stärkung, sondern die Schwächung der Positionen der Vereinigten Staaten von Amerika in der Welt sein wird. Infolgedessen muss das Ziel des Angriffs der Vereinigten Staaten von Amerika gegen Iran in einem anderen Licht gesehen werden. Der nukleare Angriff muss die Wirksamkeit nuklearer Erpressung in der Weltpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika verstärken und die Weltordnung von Grund auf wandeln.
Weitere Beweise für die Radikalisierung der Absichten der Vereinigten Staaten von Amerika und ihrer Alliierten liegen vor. Die Anfang 2007 durchgesickerten Meldungen über israelische Pläne für den Einsatz von drei Atomwaffen gegen den Iran waren sehr gefährlich für ein Land in einer feindlichen Umgebung, sind aber offensichtlich mit Absicht verbreitet worden. Sie bedeuteten, dass die Entscheidung über den Charakter der Aktivitäten Israels bereits gefällt worden war und dass es nur mehr darum ging, die öffentliche Meinung entsprechend zu beeinflussen.
Der Vorwand für den Überfall auf Iran erscheint keineswegs seriös. Vom technischen wie vom politischen Standpunkt aus beurteilt ist es unmöglich, dass dieses Land in nächster Zukunft Nuklearwaffen entwickelt. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass Behauptungen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze, von den Vereinigten Staaten von Amerika als Vorwand für den Krieg gegen dieses Land benutzt worden sind. In der Folge wurde der Irak verwüstet, und die Todesrate bei den Zivilisten stieg in die Hunderttausende, aber kein Beweis für diese Behauptungen wurde je entdeckt.
Die wirklich wichtige Frage ist nicht, ob Iran Atomwaffen herstellen kann. Die einzige Funktion eines kleinen Bestandes von nuklearen Waffen, die nicht durch verschiedene Formen von Unterstützungssystemen getragen werden, ist die Abschreckung. Die Drohung eines Vergeltungsschlages kann jeden Aggressor stoppen. Um andere Länder anzugreifen oder gar einen Atomkrieg gegen eine Koalition grösserer Mächte zu gewinnen, bräuchte man ein Potential, das Iran weder hat noch in absehbarer Zukunft haben wird. Die Behauptungen, Iran könne zum nuklearen Aggressor werden, sind absurd. Jeder, der auch nur die leiseste Ahnung von militärischen Angelegenheiten hat, muss das verstehen.

Krieg, um Dollarzusammenbruch abzuwenden

Was ist der wirkliche Grund für die Vereinigten Staaten von Amerika, diesen militäri-schen Konflikt zu entfesseln?
Handlungen mit Auswirkungen in globalem Ausmass können nur auf die Lösung eines globalen Problems abzielen. Dieses Problem ist keineswegs ein Geheimnis – es handelt sich um die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des globalen Finanzsystems auf der Grundlage des US-Dollars. Zurzeit übersteigt die Geldmenge der US-Währung den totalen Wert der US-Vermögenswerte um mehr als das Zehnfache. Alles in den Vereinigten Staaten von Amerika – Industrie, Ge-bäude, Hightechanlagen usw. – ist weltweit um über das Zehnfache hypothekarisch belastet. Eine Schuldenlast in diesem Ausmass wird niemals zurückbezahlt – sie kann nur nachgelassen werden.
Die Dollarbeträge auf den Konten von Einzelpersonen, Organisationen und Staatsfinanzen sind eine virtuelle Realität. Diese Guthaben sind nicht abgedeckt durch Produkte, Werte oder irgend etwas, das real existiert. Die Abschreibung dieser Verschuldung der Vereinigten Staaten von Amerika an den Rest der Welt würde die Mehrheit ihrer Bevölkerung in betrogene Anleger verwandeln. Das wäre das Ende der wohletablierten Herrschaft des Goldenen Kalbs. Die Bedeutung der kommenden Ereignisse ist wahrlich episch. Aus diesem Grund ignoriert der Aggressor die weltweit katastrophalen Folgen seiner Offensive. Die bankrotten «globalen Banker» brauchen einen Gewaltakt globalen Ausmasses, um aus dieser Situation herauszukommen.
Die Lösung ist bereits in den Plänen zu finden. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben dem Rest der Welt nichts anzubieten, um den sinkenden Dollar zu retten, als militärische Operationen wie die im ehemaligen Jugoslawien, Afghanistan und im Irak. Aber diese lokalen Konflikte erzielen nur kurzfristige Wirkung. Etwas viel Grösseres wird gebraucht, und der Bedarf ist dringend. Der Augenblick kommt näher, in dem die Finanzkrise der Welt klar machen wird, dass alle Vermögenswerte der Vereinigten Staaten von Amerika, alle industriellen, technologischen und anderen ­Potentiale diesem Land nicht rechtmässig gehören. Dann muss das alles beschlagnahmt werden, um die Opfer zu entschädigen, und die Besitzrechte von allem, was auf der ganzen Welt für Dollars gekauft worden ist – alles aus dem Eigentum verschiedener Nationen entnommen –, müssen revidiert werden.

Wohnraum für israelische Bürger in Russland?

Was könnte den Gewaltakt im erforderlichen Ausmass verursachen? Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Israel geopfert werden wird. Seine Beteiligung an einem Krieg mit Iran – insbesondere an einem Atomkrieg – muss unweigerlich eine globale Katastrophe auslösen.
Beide Staaten – Israel und Iran – stehen auf der Grundlage der jeweiligen offiziellen Religion. Ein militärischer Konflikt zwischen Israel und Iran wird sich sofort zu einem religiösen entwickeln, einen Konflikt zwischen Judentum und Islam. Die Anwesenheit zahlreicher jüdischer und islamischer Bevölkerungsgruppen in den entwickelten Ländern würde unweigerlich zu einem weltweiten Blutbad führen. Alle aktiven Kräfte in den meisten Ländern würden sich gegenseitig bekämpfen, für Neutralität bliebe kaum noch Raum. Nach zunehmend massiven Beschaffungen von Wohnraum für israelische Bürger besonders in Russland und der Ukraine haben bereits viele Menschen bestimmte Vorstellungen von dem, was kommen wird. Es ist jedenfalls schwer, sich einen sicheren Platz vorzustellen, an dem man sich vor dem kommenden Verhängnis verstecken könnte. Prognosen über territoriale Verteilung der Kämpfe, Ausmass und Effizienz der verwendeten Waffen, tieferliegenden Charakter der dem Konflikt zugrundeliegenden Wurzeln und Härte der religiös motivierten Kämpfe lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass dieser Konflikt in jeder Beziehung ein schlimmerer Alptraum sein wird als der Zweite Weltkrieg.
Bis jetzt geben die Reaktionen der bedeutenderen politischen Führer auf diese Entwicklungen keinerlei Anlass zu Optimismus. Die inkonsequenten Uno-Resolutionen betreffend Iran, die Versuche, den Aggressor, der seine Absichten nicht länger verheimlicht, zu besänftigen, erinnern an das Münchner Abkommen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Die rege Reisediplomatie, die sich um alle möglichen internationalen Probleme dreht – ausgenommen das oben beschriebene Hauptproblem –, weist ebenfalls auf den Ernst der Lage hin. Es ist eine übliche Gepflogenheit vor dem Ausbruch eines Krieges, sich um Allianzen mit nicht beteiligten Ländern zu kümmern oder sich deren neutraler Haltung zu versichern. Diese Politik versucht, die Erstschläge zu vermeiden oder abzumildern, die am unverhofftesten kommen und die grösste Zerstörungen zur Folge haben.

USA und Israel isolieren

Ist es möglich, das Blutbad zu vermeiden?
Das einzige wirksame Argument, das die Aggressoren stoppen könnte, ist die Dro-hung mit ihrer totalen weltweiten Isolation für ihre Entfesselung eines Atomkriegs. Die Durchführung des oben geschilderten Szenarios kann unmöglich gemacht werden durch das völlige Fehlen von Verbündeten des Tandems Vereinigte Staaten von Amerika – Israel in Verbindung mit deutlichen öffentlichen Protesten in den Ländern. Aus diesem Grund wäre in diesen Tagen eine eindeutige und kompromisslose Haltung von führenden Politikern, Regierungen, öffentlichen Vertretern, religiösen Führern, Wissenschaftern und Künstlern in Hinblick auf den vorbereiteten nuklearen Angriff ein Dienst an der Menschheit von unschätzbarem Wert.
Die koordinierten öffentlichen Aktivitäten müssen entsprechend dem Stand der Kriegsvorbereitungen unverzüglich organisiert werden. Die aggressiven Kräfte sind bereits aufmarschiert und stehen in voller Kampfbereitschaft in ihren Startpositionen. Das Militär der Vereinigten Staaten von Amerika macht kein Geheimnis daraus, dass es sich um eine Angelegenheit von Wochen oder gar Tagen handeln kann. Es gibt indirekte Hinweise, dass die Vereinigten Staaten von Amerika bereits im April 2007 einen nuklearen Angriff gegen Iran entfesseln werden. Nach der ersten atomaren Explosion wird die Menschheit sich in einer gänzlich neuen Welt finden, in einer absolut inhumanen. Alle Chancen, das zu verhindern, müssen vollständig genützt werden!

Übersetzung aus dem Englischen : Zeit-Fragen

General Leonid Iwashow

General Leonid Iwashow General Leonid Iwashow ist Vize-Präsident der Akademie für geopolitische Angelegenheiten. Er war Chef der Abteilung für Allgemeine Angelegenheiten im Verteidigungsministerium der Sowjetunion, Sekretär des Rates der Verteidigungsminister der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), Chef des Departements für militärische Zusammenarbeit beim Verteidigungsministerium der Russischen Föderation und Generalstabschef der russischen Armeen.

 

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