Voltaire Netzwerk

Brief an eine Journalistin

Der Universitätsprofessor Jean Bricmont prangert die Tatsache an, dass die Mainstream Medien in Europa die Gedanken Debatte auf eine Frage des Image reduzieren, und das Spektrum des Ausdrucks und der Gedanken auf das „politisch Korrekte“, was sie selbst vorher bestimmt hatten, begrenzen. Den Sophisten des Altertums gleich, kümmern sich die westlichen Journalisten nicht mehr um Betrachtungen, was die Ethik, die Gerechtigkeit oder die Wahrheit der Fakten betrifft. Sie haben vorgezogen, sich in den Dienst eines militärischen Kommunikationssystems zu stellen und entwickeln eine Argumentation, deren Ziel allein die überzeugende Wirksamkeit ist, aber nicht die Wahrheit.

| Brüssel (Belgien)
+
JPEG - 36.8 kB

Eine Journalistin (deren Namen und Zeitung für die sie arbeitet ich nicht nennen werde) hat mir eine Frage über meine „Unterstützung von Diktatoren“ (besonders Assad) gestellt, über die Einmischung in innere Sachen von Ländern wie Syrien, die diese Unterstützung darstellte, über meine Beziehungen mit der extremen Rechten, sowie mit „Konspirationssites“ und der rationalistischen und progressistischen „Bürgschaft“, die ich ihnen brächte.

Hier meine Antwort :

Sie erörtern zwei wichtige Fragen: meine „Unterstützung von Diktatoren“ und meine "Verbindungen mit der extremen Rechten". Diese Fragen sind wichtig, nicht weil sie berechtigt wären (sie sind es nicht), sondern weil sie im Zentrum der Verteuflungsstrategie der bescheidenen Formen eines Widerstandes gegen Krieg und Imperialismus stehen, die in Frankreich existierenden. Dank solcher Amalgame bekam mein Freund Michel Collon Redeverbot auf der Arbeitsbörse in Paris, Resultat einer Kampagne von sogenannten Anarchisten.

Zuallererst, weil sie von Rationalismus reden, denken wir doch an den größten rationalistischen Philosophen des XX. Jahrhunderts: Bertrand Russell. Was war ihm während des Ersten Weltkrieges passiert, dem er sich widersetzt hatte: man warf ihm natürlich vor, den Kaiser zu unterstützen. Der Trick, der darin besteht, Kriegsgegner für Unterstützer der gegnerischen Partei auszugeben, ist so alt wie die Kriegspropaganda. In den letzten Jahrzehnten habe ich so Milosevic, Saddam Hussein, die Taliban, Gaddafi, Assad et vielleicht morgen Ahmadinedschad „unterstützt“.

In Wirklichkeit stütze ich kein Regime – ich fechte für eine Politik der Nichteinmischung, d.h., dass ich nicht nur humanitäre Kriege zurückschlage, aber auch erkaufte Wahlen, farbige Revolutionen, vom Westen organisierte Staatsstreiche usw.; ich schlage vor, dass der Westen die Politik der blockfreien Länder sich zu Eigen mache, welche in 2003, kurz vor dem Überfall vom Irak, wünschten „eine internationale Kooperation zu stärken, um internationale Probleme mit humanitärem Charakter zu lösen, indem man die UN-Charta voll respektiert“ und „die Ablehnung des sogenannten humanitären Rechtes für Intervention durch die blockfreien Länder“ bekräftigten, „- Recht, das keine Begründung durch die UN-Charta oder vom internationalen Recht bekommt“. Das ist die konstante Position der Mehrheit der Menschheit, und jene von China, Russland, Indien, Lateinamerika und der Afrikanischen Union. Was Sie auch immer davon halten, ist diese Auffassung nicht eine extrem Rechte.

Da ich ein Buch über dieses Thema (Humanitärer Imperialismus Aden, Brüssel) geschrieben habe, werde ich mich hier nicht darüber ausbreiten; ich bemerke einfach, dass wenn der Westen so fähig ist, Probleme in Syrien lösen zu können, warum tut er das nicht zuerst im Irak, in Afghanistan oder in Somalia? Ich werde auch bemerken, dass es ein moralisches elementares Prinzip gibt, das man respektieren sollte, wenn man sich in innere Sachen anderer Länder einmischt – selber die Folgen zu tragen. Der Westen denkt natürlich, dass er überall das Gute macht, aber Millionen Opfer der Kriege von Indochina, Austral-Afrika, Zentralamerika und vom Mittleren Osten sehen die Sachen ohne Zweifel anders.

Was meine „Verbindungen zur extremen Rechten“ betrifft, gibt es zwei unterschiedliche Fragen: was will man mit „Verbindungen zur extremen Rechten“ sagen? Ich würde nichts mehr wünschen, als mit der ganzen Linken gegen die Einmischungspolitik zu demonstrieren, wie ich denke, sie es machen sollte. Aber die westliche Linke wurde vollkommen von den Argumenten für eine humanitäre Einmischung überzeugt und, tatsächlich, kritisiert sie sehr oft die westlichen Regierungen, weil sie sich, ihrem Gefühl nach, nicht genug einmischt. Also mache ich in den seltenen Fällen wo ich demonstriere, es mit jenen, die gewillt sind es zu tun, die nicht alle der extrem Rechten angehören, weit davon entfernt (es sei denn, natürlich, eine Haltung gegen die humanitären Einmischungen als extrem Rechte Haltung zu definieren), aber die auch nicht im üblichen Sinne des Wortes links stehen, da die große Mehrzahl der Linken die humanitären Interventionen fördern. Bestenfalls nimmt ein Teil der Linken die Position von „weder-noch“ ein. Weder die NATO, noch das derzeit angegriffene Land. Ich persönlich denke, dass unsere Pflicht ist, gegen Militarismus und Imperialismus in unseren eigenen Ländern zu kämpfen, nicht jene zu kritisieren die sich dagegen währen, und dass unsere Haltung in Nichts neutral, noch symmetrisch ist, im Gegensatz zu dem, was das „weder-noch“ vorgibt.

Darüber hinaus denke ich das Recht zu haben, zu treffen und zu reden, mit wem ich will. Es passiert mir mit Leuten zu sprechen, die Sie als extrem Rechte qualifizieren würden (selbst wenn ich in den meisten Fällen nicht mit dieser Bezeichnung übereinstimme), aber noch viel öfters mit Leuten der extrem Linken, und noch öfters mit Leuten, die weder das eine noch das andere sind. Ich interessiere mich für die Syrer, die gegen die Einmischungspolitik sind, weil sie mir vielleicht Nachrichten über ihr Land geben können, die der dominanten Darstellung widersprechen, obwohl ich natürlich durch die Medien den Spruch der pro-Einmischungs-Syrer kenne.

Was die Sites angeht, drücke ich mich aus wo ich kann – noch einmal, wenn der NPA [Neue Antikapitalistische Partei (Trotzkist)], der „Le Front de Gauche“ [Vereinigung mehrerer Linksströmungen seit einigen Jahren, Kommunistische Partei Frankreichs inbegriffen] oder der PCF [Kommunistische Partei Frankreichs] mir zuhören wollen oder selbst kontradiktorisch mit mir über die Einmischungspolitik diskutieren wollen, bin ich bereit dazu. Aber dem ist nicht so. Ich bemerke, dass die „Konspirationssites“ wie Sie sagen, viel offener sind, da sie wissen, dass ich im allgemeinen nicht ihre Ansichten teile, speziell über den 11. September, und mich trotzdem akzeptieren. Außerdem sind die Personen, die ich kenne und die auf diesen Sites schreiben, absolut keine Rechtsextremen und die einfache Tatsache, gegenüber dem offiziellen Bericht über den 11. September skeptisch zu sein, hat nichts, auf sich selbst, mit Rechtsextremismus zu tun.

Die Welt ist viel zu kompliziert um eine „reine“ Haltung zu wahren, wo man nur Leute „unseres Lagers“ trifft und nur mit solchen spricht. Vergessen wir nicht, dass in Frankreich die während des „Front populaire“ [1936-1938] gewählte Kammer die Vollmacht Marschall Pétain [Juni 1940] gegeben hat (nach dem Ausschluss der kommunistischen Abgeordneten und mit Hilfe der Senatoren). Und die Opposition zur Kollaboration Stalinisten (und zu dieser Zeit waren die Kommunisten es wirklich) und Gaullisten vereinte, von denen viele vor dem Krieg sehr rechts standen. Die gleiche Sache passierte während des Algerien- oder Vietnamkrieges, wo die Oppositionellen unter anderem aus Kommunisten, Trotzkisten, Maoisten, Linken Christen, Pazifisten bestehen. Ja à propos, waren Stalin, der algerische FLN und Ho Chi Minh Demokraten? Hatte man Unrecht sie zu „unterstützen“, d.h. sich mit ihnen dem Nazismus und dem Kolonialismus entgegenzustellen? Und in den anti-kommunistischen Kampagnen der 80er Jahre, machte nicht die Linke der Menschenrechte nicht gemeinsame Sache mit einer ganzen Reihe von Extrem-Nationalisten oder Antisemiten (Solschenizyn z. B.)? Und heute, machen nicht die Partisanen der Einmischung in Libyen und in Syrien gemeinsame Sache mit dem Qatar, Saudi-Arabien und einer Reihe von salafistischen Strömungen?

Dann habe ich noch ein Problem mit der Definition von der „extrem Rechten“. Ich weiß was Sie darunter meinen, aber was für mich zählt, sind Ideen und nicht Etiketten. Länder angreifen, die sie nicht bedrohen (was die Essenz des Einmischungsrechtes ist), ist für mich eine Idee der Rechtsextremen. Leute für ihre Meinung bestrafen (wie es das Gayssot-Gesetz [Wiederbetätigungsgesetz] tut), ist für mich eine Idee der Rechtsextremen. Ländern ihre Unabhängigkeit rauben und damit den Grundstein der Demokratie, wie es mehr und mehr die „europäische Konstruktion“ macht, ist für mich eine Idee der Rechtsextremen. Zu behaupten „dass Israel sehr kritisiert wird, weil es eine große Demokratie ist“, als gäbe es keine anderen Gründe Israel zu kritisieren, nur um jenen zu zitieren, für den die ganze Linke in der Präsidenten-Stichwahl (François Hollande) wählen wird, ist für mich eine Idee der Rechtsextremen. Den Westen einseitig dem Rest der Welt gegenüberzustellen, besonders Russland und China (wie es ein guter Teil der Linken heute im Namen der Demokratie und der Menschenrechte machen), ist für mich eine Idee der Rechtsextremen.

Wenn Sie einen Ort finden wollen, wo ich ohne Zögern mit der „Linken“ in Übereinstimmung wäre, reisen Sie ein bisschen und gehen Sie nach Lateinamerika. Dort werden Sie eine Linke sehen, die anti-imperialistisch, populär, souveränistisch, und demokratisch ist: Staatsmänner wie Chavez, Ortega und Kirchner werden gewählt und wieder gewählt, mit hier undenkbaren Ergebnissen, selbst für die „demokratische Linke“, und sie bieten einer viel gefährlicheren medialen Opposition die Stirn, als ein einfacher Faurisson (diese Opposition treibt es bis zu Staatsstreichen), aber die sie niemals denken würden zu verbieten.

Leider hat die Linke in Europa und besonders in Frankreich vor vielen Sachen kapituliert, dem Frieden, dem internationalen Recht, der Souveränität, der freien Meinungsäußerung, dem Volk, und der sozialen Kontrolle der Ökonomie. Diese Linke hat die Politik durch die Moral ersetzt: sie bestimmt, in der ganzen Welt, was demokratisch ist und was nicht, wer Extrem- Rechter ist, mit wem man verkehren könnte und mit wem nicht. Sie spielt sich zeitvergeudend zum Kenner auf, indem sie die Diktatoren, ihre Komplizen „denunziert“, die nicht politisch korrekten Sätze oder die Antisemiten anprangert, aber sie hat in Wirklichkeit keinen einzigen konkreten Vorschlag zu machen, der den Sorgen der Völker, die sie zu vertreten vorgibt, entsprechen könnte.

Diese vielfachen fortschrittlichen Forderungen, die sie im Stich gelassenen hat, öffnen tatsächlich einer gewissen extrem Rechten die Bahn, aber der Fehler kommt jenen zu, die diese Wandlungen vollbrachten und akzeptierten, nicht jenen die bescheiden versuchen, der Weltordnung zu widerstehen.

Übersetzung
Horst Frohlich

Quelle
InvestigAction (Belgique)

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

Sie können die Artikel des Réseau Voltaire frei vervielfältigen unter der Bedingung die Quelle anzuführen, ohne die Artikel zu verändern und ohne sie für geschäftliche Ziele zu benützen (Lizenz CC BY-NC-ND).

Das Netzwerk unterstützen

Sie benützen diesen Website auf dem Sie Qualitätsuntersuchungen finden, die Ihnen helfen Ihr Weltverständnis zu verbessern. Um dieses Werk fortzufahren brauchen wir Ihre Mitarbeit.
Helfen Sie uns mit einer Gabe.

Wie teilnehmen beim Voltaire Netzwerk ?

Die Gesprächsleiter des Réseau Voltaire sind alle ehrenamtlich.
- Autoren : Diplomaten, Wirtschaftswissenschaftler, Journalisten, Militär, Philosophen, Soziologen…Sie können uns Ihre Beitragsvorschläge unterbreiten.
- Übersetzer mit beruflichem Niveau : Sie können bei der Übersetzung mitwirken.