Voltaire Netzwerk
Tagebuch des Wandels der Weltordnung #4

Die Kraftprobe

Für Thierry Meyssan kann der syrische Konflikt jederzeit zum Weltkrieg degenerieren. Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr in der Lage, ihre Zusagen einzuhalten, wie beim Abkommen des Eid [islamisches Opferfest] zu sehen war, aber wollen deswegen nicht ihr Ziel aufgeben (die Entwicklung Chinas und Russlands zu verhindern, um eine unipolare Weltordnung zu wahren). Moskau und Peking ihrerseits sehen sich von jetzt an in einer Position der Stärke. Wir nähern uns dem entscheidenden Moment des Umsturzes der Weltordnung oder des Atomkriegs.

| Bejrút (Libanon)
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Moskau hat nie an die Aufrichtigkeit Washingtons geglaubt. Trotzdem hat es seit dem Juni 2012 ohne Ende Abkommen aneinandergereiht, die nie gehalten wurden. Es betrachtet die Vereinigten Staaten nicht als Herrn der Welt, sondern als ein Imperium im Niedergang. Im Bewusstsein der enormen militärischen Kräfte des Pentagon, vor allem der nuklearen, will es Washington freundlich zum Friedhof geleiten und verhindern, dass es aufmuckt und einen Weltkrieg auslöst.

Als Russland Washington Schritt für Schritt zur Einstellung der Feindseligkeiten während des Eid in Syrien führte, wollte es die Optionen seines „Partners“ noch ein wenig mehr beschränken. In der Tat war Washington trotz seiner beruhigenden Erklärungen nicht in der Lage, den geringsten „Gemäßigten“ von den „Extremisten“ zu trennen. Nun sah das Abkommen vor, dass die von John Kerry benannten Gemäßigten in die Kampfmaßnahmen gegen die Dschihadisten eingebunden werden sollten und dann in die Regierung der nationalen Einheit von Präsident Baschar al-Assad einbezogen würden [1]. Washington hat jetzt nur noch zwei Optionen: entweder sich aus dem syrischen Konflikt zurückzuziehen oder weltweit in einen Frontalkrieg gegen Russland einzutreten.

Washington hat dann Auszüge aus einer Diskussion zwischen John Kerry und Vertretern der syrischen Salon-Opposition veröffentlicht, die angeblich „ohne sein Wissen“ am 22. September in New York aufgenommen wurden [2]. Man hört darin, wie der Außenminister sich beklagt, dass der US-Kongress sich weigere, Leute zum Sturz der Arabischen Republik Syrien zu schicken, und wie er den Oppositionellen rät, sich eine andere Militärmacht zu suchen, die anstelle der USA die Arbeit macht und sie an die Macht bringt. Dieser neue Schirmherr könnte nur das bereits vorhandene Bündnis von Saudi-Arabien, Israel, Jordanien, dem Qatar und der Türkei sein. Mit anderen Worten: Washington verzichtet auf den Krieg, aber am Boden ändert sich nicht wirklich etwas. Der Krieg wird fortgesetzt unter der alleinigen Verantwortung von Washingtons Vasallen.

Russland seinerseits ist weit entfernt davon, die Kraftprobe zu fürchten, hat seine Forderungen in Syrien beibehalten und sich den Sommer über im Geheimen militärisch im Jemen entfaltet. Am Samstag hat es eine Boden-Meer-Rakete auf die HSV-2 Swift abgeschossen, den Wellen durchschneidenden Katamaran der Emirati-Streitkräfte, und hat ihn zerstört. Obwohl der westlichen Presse zufolge die Rakete von den Huthis abgeschossen wurde und das Schmuckstück der Emirati-Marine nur beschädigt sein soll, sind die Fakten hartnäckig. Die Botschaft war gleichzeitig an die Nato und an die Öldiktaturen des Golfs gerichtet: Der allgemeine Krieg ist möglich und Moskau wird ihm nicht ausweichen.

Washington reagiert nicht auf den jemenitischen Zwischenfall und verlässt sich auf seine Schiffe.

Davon ausgehend, dass sich die Streitsache nicht auf Syrien beschränkt, sondern die Probleme sich seit Jahren summieren, ist Moskau der Auffassung, dass der dritte Weltkrieg bereits ausgebrochen ist, selbst wenn er sich nur auf einem begrenzten Territorium, in Syrien, abspielt. Seit fünf Jahren unterstützen 129 Staaten und 16 internationale Organisationen die Vereinigten Staaten gegen Syrien, Algerien, den Iran, Russland, China und Nordkorea. Vladimir Putin setzt das russisch-US-amerikanische Abkommen über die Begrenzung des waffenfähigen Plutoniums aus, eine Entscheidung, die sich aus der nuklearen Abschreckung ergibt. Mit der Vorlage eines Gesetzvorhabens an die Duma setzt er fest, den Vertrag über das Plutonium erst wieder aufzunehmen, wenn Washington seine Versprechungen hält: Rückzug der Streitkräfte, die von der Nato in ehemaligen sowjetischen Staaten aufgestellt wurden, Aufhebung der antirussischen Sanktionen, die sich seit dem Magnitski-Gesetz bis zum Staatsstreich in Kiew anhäufen – alles Forderungen, die uns um 15 Jahre zurückversetzen.

Washington hat geglaubt, dass es den russischen Einflussraum begrenzen könnte, dass es Versprechen machen könnte, ohne sie zu halten und Entschuldigungen auszusprechen. Das war vor dem Zusammenbruch der UdSSR wahr. Heute ist es das nicht mehr.

Übersetzung
Sabine

[1] „Die Masken sind gefallen“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Al-Watan (Syrien) , Voltaire Netzwerk, 28. September 2016.

[2] “Audio Reveals What John Kerry Told Syrians Behind Closed Doors”, Anne Barnard, The New York Times, September 30, 2016.

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