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Die USA, Imperium der Barbarei

Das Geheimnis von Guantánamo

Sie denken über die Geschehnisse in Guantánamo informiert zu sein und sind erstaunt, dass Präsident Obama dieses Folterzentrum nicht schließen kann. Es liegt anders. Sie kennen den eigentlichen Zweck dieser Anlage nicht und warum sie der derzeitigen Regierung unentbehrlich ist. Achtung: Wenn Sie weiterhin denken, dass wir gemeinsame Werte mit den Vereinigten Staaten haben und dass wir ihre Verbündete sein müssen, dann sollten Sie besser diesen Artikel nicht lesen. Anmerkung: Dieser Artikel erschien hier vor vier Jahren und wurde ohne Änderungen übersetzt.

| Moskau (Russland)
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Aus einer Konditionierungsphase kommender Guantánamo Häftling.

Jeder erinnert sich an diese Folter-Fotos im Internet. Sie wurden als Kriegs-Trophäen mancher GI’s dargestellt. Trotzdem konnten die Mainstream-Medien nicht die Echtheit überprüfen, und wagten nicht sie zu reproduzieren. 2004 widmete ihm der CBS-Kanal eine Sendung. Dies war das Signal einer großen Bewegung gegen die Misshandlung von Irakern. Das Gefängnis von Abu Ghraib zeigte, dass der so genannte Krieg gegen die Diktatur von Saddam Hussein tatsächlich nur ein Besatzungs-Krieg wie jeder andere war, mit dem gleichen Umzug von Verbrechen. Ohne Überraschung versicherte Washington, dass es sich um Missstände handle, die der Hierarchie unbekannt wären und die durch einige nicht-repräsentative Personen begangen worden seien, die als "faule Äpfel" beschrieben wurden. Ein paar Soldaten wurden verhaftet und angeklagt pour l‘exemple. Der Fall war dann bis zu den nächsten Enthüllungen geschlossen.

Zur gleichen Zeit bereiteten die CIA und das Pentagon die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten und den alliierten Staaten darauf vor, um ihre moralischen Werte zu ändern. Die Agentur hatte einen Verbindungs-Officer mit Hollywood, Colonel Chase Brandon (ein Cousin von Tommy Lee Jones) ernannt und engagierte berühmte Schriftsteller (z. B. Tom Clancy) und Drehbuchautoren, um neue Filme und Fernsehserien zu schreiben. Das Ziel: die muslimische Kultur zu stigmatisieren und die Folter im Kampf gegen den Terrorismus zu verharmlosen.
Beispielsweise wurden die Abenteuer des Agenten Jack Bauer in der Serie 24H von der Agentur stark subventioniert, so dass jede Staffel die Grenzen des Zulässigen ein wenig weiter schiebt. In den ersten Episoden schüchtert der Held Verdächtige ein, um Informationen zu erpressen. In den folgenden Episoden verdächtigen alle Figuren einander, und foltern wiederum alle, mit immer weniger Rückhalt und mit immer besserer Überzeugung, nur ihre Pflicht zu tun. In der kollektiven Vorstellung wurden Jahrhunderte Humanismus abgerissen und eine neue Barbarei eingeführt. Der Washington Post-Kolumnist, Charles Krauthammer (sonst Psychiater) konnte die Anwendung von Folter in diesen unruhigen Zeiten des Krieges gegen den Terrorismus selbst als "moralischen Imperativ" präsentieren (sic!).

Dann kam die Bestätigung durch die Untersuchung vom Schweizer Senator Dick Marty im Europarat, dass die CIA Tausende von Menschen auf der ganzen Welt, darunter Dutzende oder sogar Hunderte auf dem Gebiet der Europäischen Union entführt hatte. Dann kam die Lawine der Beweise für Verbrechen, die in den Gefängnissen von Guantánamo (Karibik, Kuba-enklave) und Bagram (Afghanistan) vor sich gingen. Perfekt konditioniert, nahm die öffentliche Meinung in den NATO-Staaten die Erklärung an, die man ihr gab, und welche so gut auf die romantischen Intrigen passten, von denen sie voll trunken war: um das Leben unschuldiger Menschen zu retten, griff Washington auf geheime Praktiken zurück; man entführte Verdächtige und man zwang sie zu sprechen mit Methoden, die die Moral verurteilt, aber die die Wirksamkeit befiehlt.

Es war von einer solchen simplen Erzählung ausgehend, dass der Kandidat Barack Obama sich gegen die endende Bush-Regierung aufgerichtet hat. Er erhob das Verbot der Folter und die Schließung der Geheimgefängnisse als wichtige Maßnahmen seines Mandats. Sofort nach seiner Wahl, in der Übergangszeit, umgab er sich mit sehr hochrangigen Juristen, die er mit der Aufgabe betreute, eine Strategie auszudenken, um diese düstere Episode zu schließen. Nach seinem Eintritt im Weißen Haus verbrachte er seine ersten Präsidialerlasse mit der Umsetzung der Verpflichtungen in diesem Bereich. Diese Bereitschaft hat die internationale öffentliche Meinung erobert, löste eine riesige Sympathie für den neuen Präsidenten aus und renovierte das Bild der Vereinigten Staaten in der Welt.

Nun aber: ein Jahr nach der Wahl von Barack Obama, wenn auch einige hunderte Einzelfälle geklärt wurden, hat sich im Grunde nichts geändert. Guantánamo ist immer noch da und wird nicht sofort geschlossen werden. Menschenrechts-Verbände sind formal: die Gewalt gegen die Häftlinge hat sich vergrößert. Darüber befragt, sagte Vizepräsident Joe Biden, dass, je mehr er diesen Ordner studiere, umso mehr entdeckte er Aspekte, die ihm bis dahin unbekannt wären. Dann warnte er aber rätselhaftweise die Presse, dass sie nicht die Büchse der Pandora öffnen sollte.

Seinerseits reichte Greg Craig, der juridische Berater des Weißen Hauses, seinen Rücktritt ein, nicht weil er dachte, dass er an seiner Aufgabe, das Zentrum zu schließen, gescheitert wäre, sondern weil er nun schätzt, eine unmögliche Aufgabe bekommen zu haben.

Warum gelingt es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten also nicht, Gehorsam zu bekommen? Wenn man schon alles über die Misshandlungen der Ära Bush gesagt hat, warum die Büchse der Pandora erwähnen und Angst machen?

Der Grund ist, weil das System größer ist. Es beschränkt sich nicht auf einige Entführungen und ein Gefängnis. Sein Zweck ist vor allem radikal unterschiedlich von dem, was die CIA und das Pentagon vorgegeben haben. Bevor wir unseren Abstieg in die Hölle beginnen, sollte ein Irrtum beseitigt werden.

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Der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat an den Sitzungen der Gruppe der Sechs teilgenommen, die die Folter auswählen sollten, welche die US-Kräfte anwenden können. Hier besuchte er das Abu Ghraib Gefängnis (Irak).

Aufstandsbekämpfung

Was von der Armee in Abu Ghraib getan wurde, zumindest am Anfang, hatte nichts mit dem zu tun, was von der Marine in Guantánamo und in ihren anderen geheimen Gefängnissen experimentiert wird. Es war einfach das, was alle Armeen der Welt tun, wenn sie sich in Polizei umwandeln und mit einer feindlichen Bevölkerung konfrontiert sind. Sie unterdrücken sie und terrorisieren sie. In diesem Fall haben die Koalitionstruppen die Verbrechen der Franzosen während der Schlacht von Algier gegen die Algerier reproduziert, die sie noch immer ihre "Landsleute" nannten. Das Pentagon rief den pensionierten französischen General Paul Aussaresses zu Hilfe, ein Spezialist für "Aufstandsbekämpfung", damit er hochrangige Offiziere ausbildet.

Während seiner langen Karriere hat Aussaresses die USA überall begleitet, wo sie "Geringe-Intensitäts-Kriege" [low intensity war], vor allem in Lateinamerika und Südostasien lieferten.

Am Ende des zweiten Weltkrieges haben die Vereinigten Staaten zwei Ausbildungszentren für diese Techniken eingerichtet, die Political Warfare Cadres Academy (Taiwan) und die School of Americas (Panama). Die mit Aufstandsbekämpfung in den asiatischen und lateinamerikanischen Diktaturen Beauftragten erhielten Folter-Kurse. In den Jahren 60-70 wurde dieses Gerät innerhalb der antikommunistischen Weltliga koordiniert, wo die betroffenen Staatschefs ihren Sitz hatten [1]. Diese Politik hat sich während der Phoenix-Operationen in Vietnam (Neutralisierung von 80.000 Personen, die dem Vietcong vermutlich angehörten) [2] und Condor in Lateinamerika (Neutralisierung der politischen Gegner auf dem gesamten Kontinent) [3] erheblich entwickelt. Das Schema, das die Operationen der Reinigung von aufständischen Bereichen durch Todesschwadronen betraf, wurde gleicherweise im Irak angewandt, insbesondere während der Operation Iron Hammer [Eisenhammer] [4].

Die einzige Neuheit ist die Verteilung an die GI‘s eines Klassikers der kolonialen Literatur, The Arab Mind, vom Anthropologen Raphael Patai, mit einem Vorwort von Oberst Norvell B. De Atkine, Schirmherr der John F. Kennedy Special Warfare School, der neue Name von der grausamen School of Americas, seitdem sie in Fort Bragg (North Carolina) ansässig wurde [5]. Dieses Buch, das in einem wissenschaftlichen Ton dumme Vorurteile über die "Araber" im Allgemeinen bringt, enthält ein berühmtes Kapitel über sexuelle Tabus, die dann Szenen in Abu Ghraib inspirierten.

Die im Irak begangenen Foltern sind keine Einzelfälle, wie es die Regierung Bush vorgab, aber passen in eine Strategie der Aufstandsbekämpfung. Der einzige Weg sie zu beenden, ist nicht, sie moralisch zu verurteilen, sondern die politische Situation zu lösen. Nun schiebt Barack Obama aber den Abzug der ausländischen Truppen aus dem Irak immer weiter hinaus.

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Bestseller-Autor, Erfinder der positiven Psychologie, Professor an der University of Pennsylvania und ehemaliger Präsident der American Psychological Association, Martin Seligman, beaufsichtigte die an Gefangenen in Guantánamo experimentierten Foltern.

Die Erfahrungen des Professor Biderman

Es ist aus einer ganz anderen Perspektive, aus der ein Psychiater der Air-Force, Professor Albert D. Biderman, die Konditionierung von US-Kriegsgefangenen aus Nordkorea für die Rand Corporation studierte.

Schon vor Mao und dem Kommunismus hatten die Chinesen verfeinerte Methoden entwickelt, um den Willen eines Insassen zu brechen und ein Geständnis zu erzielen. Sie hatten sie während des Korea-Krieges verwendet und hatten einige Ergebnisse erreicht: US-Kriegsgefangene haben mit Überzeugung vor der Presse Verbrechen gestanden, die sie vielleicht nicht begangen hatten. Biderman präsentierte seine ersten Kommentare bei einer Anhörung im Senat am 19. Juni 1956, und dann auf der Akademie der Medizin in New York, im folgenden Jahr (siehe Downloadbare Dokumente unten). Er unterschied fünf Phasen durch die die „Subjekte“ gingen.
- 1. Zuerst weigert sich der Gefangene zu kooperieren und vermauert sich in Schweigen.
- 2. Durch eine Mischung aus Brutalität und Freundlichkeit kann man ihn in ein zweites Stadium bringen, wo er dazu gebracht wird, sich gegen das zu verteidigen, was man ihm vorwirft.
- 3. Dann beginnt der Gefangene zu kooperieren. Er fährt fort, seine Unschuld zu beteuern, aber versucht seine Vernehmungsbeamten zu befriedigen, indem er zugibt, dass er möglicherweise einen Fehler begangen habe, ohne es zu wollen, zufällig oder aus Unaufmerksamkeit.
- 4. Wenn er die vierte Phase durchmacht, ist der Angeklagte in seinen eigenen Augen völlig entwertet. Er fährt fort, zu leugnen, was ihm vorgeworfen wird, aber er gesteht seinen kriminellen Charakter ein.
- 5. Am Ende des Prozesses gibt der Gefangene zu, der Autor der ihm vorgeworfenen Sachen zu sein. Er erfindet sogar zusätzliche ausführliche Informationen, um sich zu beschuldigen und fordert seine Strafe.

Biderman untersucht auch alle Techniken, die von chinesischen Folterern verwendet werden, um Gefangene zu manipulieren: Isolierung, Monopolisierung der Sinneswahrnehmung, Müdigkeit, Bedrohungen, Geschenke, Macht-Demonstrationen von den Kerkermeistern, Verschlechterung der Lebensbedingungen, und Zwang. Körperliche Gewalt ist zweitrangig, die psychische Gewalt ist total und dauerhaft.

Die Arbeit von Biderman über "Gehirnwäsche" hat eine sagenhafte Dimension erworben. Das US-Militär hat befürchtet, dass seine Soldaten vom Feind umgedreht werden könnten, konditioniert werden, irgendetwas zu sagen und vielleicht auch irgendetwas zu machen. Sie haben daher ein Training für Jagd-Piloten konzipiert, damit sie für diese Form von Folter immun werden und nicht vom Feind umgedreht werden, wenn sie in Gefangenschaft geraten. Diese Ausbildung wird SERE genannt und steht für Überleben, Entkommen, Widerstehen, Flucht (Survival, Evasion, Resistance, Escape). Als Anfangs der Kurs an der School of Americas gehalten wurde, ist er jetzt auf andere Kategorien von Militärpersonal erweitert worden und wird auf mehreren Basen gelehrt. Kurse dieser Art wurden in jedem Mitgliedstaat der NATO-Armee eingeführt.

Wie die Bush-Regierung nach der Invasion in Afghanistan beschlossen hat, sollten diese Techniken verwendet werden, um Geständnisse von Gefangenen zu erzielen, die somit, nachträglich, die Einbeziehung von Afghanistan in die Anschläge des 11. Septembers rechtfertigen würden und die offizielle Version der Anschläge bestätigen würden.

Neue Anlagen sind auf dem Marinestützpunkt Guantánamo entstanden und Experimente sind dort durchgeführt worden. Die Theorie von Albert Biderman wurde von einem zivilen Psychologen, Professor Martin Seligman, ergänzt. Er ist eine sehr prominente Persönlichkeit, und Präsident der American Psychological Association.

Seligman hat eine Grenze der Theorie der konditionierten Reflexe von Ivan Pavlov entdeckt. Wir setzen einen Hund in einen Käfig, dessen Boden in zwei Teile geteilt ist. Man elektrifiziert wahllos eine oder die andere Seite des Bodens. Das Tier springt von einem Platz zum anderen, um sich zu schützen – bis hierher nichts überraschendes -. Dann beschleunigt man die Dinge und elektrifiziert auch manchmal den ganzen Käfig. Das Tier erkennt, dass es nicht entrinnen kann und seine Bemühungen erfolglos sind. Bald verzichtet es, legt sich auf den Boden und tritt in ein zweites Stadium ein, in dem es passiv das Leiden ertragen kann. Man öffnet dann den Käfig. Überraschung: das Tier flieht nicht. In dem psychischen Zustand, in dem es sich befindet, ist es nicht mehr in der Lage, sich zu widersetzen. Es bleibt liegen, und erträgt die Schmerzen.

Die Marine hat ein Schockteam von Ärzten gegründet. Sie hat vor allem Professor Seligman nach Guantánamo kommen lassen. Dieser Arzt ist ein Star, bekannt für seine Arbeiten über den Nervenzusammenbruch. Seine Bücher über Optimismus und Selbstvertrauen sind globale Bestseller. Er war es, der die Experimente an den menschlichen Versuchskaninchen überwachte. Manche, schrecklich gefolterte Gefangene, stellen sich schließlich spontan in diesen psychischen Zustand, der es ihnen ermöglicht, den Schmerz zu ertragen, aber der ihnen jede Widerstandskraft nimmt. So bearbeitet, führt man sie schnell auf die Stufe 3 des Biderman Prozesses.

Noch weiter auf die Arbeit von Biderman gestützt und von Professor Seligman geleitet, haben die amerikanischen Folterer jede zwangsmäßige Technik ausprobiert und verbessert. Hierzu wurde ein wissenschaftliches Protokoll entwickelt, das auf der Messung der Hormonschwankungen basiert. Ein medizinisches Labor wurde in Guantánamo installiert. Speichel und Blutproben werden in regelmäßigen Abständen von den Versuchskaninchen entnommen, um ihre Reaktionen zu bewerten. Die Folterer haben ihre Verbrechen anspruchsvoller gemacht. Z. B. wurde in dem SERE Programm die Sinneswahrnehmung monopolisiert, indem man die Gefangenen mit einer stressigen Musik daran hinderte zu schlafen. Sie haben viel bessere Ergebnisse durch die Verbreitung während langer Tage untröstlicher Babyschreie erzielt. Oder man zeigte die Allmacht der Wärter, indem man sie prügelte. In Guantánamo schufen sie die sofortige Eingreiftruppe. Dies ist eine Gruppe, die Gefangene bestrafen soll. Wenn diese Einheit in Aktion tritt, tragen ihre Mitglieder eine gepanzerte Schutzkleidung ähnlich der Robocop Ausstattung. Sie extrahieren den Gefangenen aus seinem Käfig und platzieren ihn in einen Raum, dessen Wände gepolstert und mit Sperrholz versehen wurden. Sie schmettern das Versuchskaninchen gegen die Wand, als ob sie es vernichten wollten, aber das Sperrholz absorbiert teilweise die Schocks derart, dass es benommen ist, aber ohne seine Knochen zu brechen. Mit den Qualen des Bades wurden die wichtigsten Fortschritte erzielt. Einst steckte die Heilige Inquisition den Kopf eines Gefangenen in eine Badewanne und zog ihn kurz davor heraus, bevor er ertrank. Das Gefühl des bevorstehenden Todes bewirkt maximale Angst. Aber der Vorgang war primitiv und es gab häufig Unfälle. Heute taucht man den Gefangenen nicht mehr in eine volle Badewanne, sondern ausgestreckt und gefesselt, in eine leere Badewanne. Man gießt ihm Wasser auf den Kopf um ihn zu ertränken, aber mit der Möglichkeit, sofort zu stoppen. Unfälle sind selten. Jede Sitzung wurde kodifiziert, um die erträglichen Grenzen zu bestimmen. Assistenten messen die verwendete Wassermenge, die Uhrzeit und die Dauer des Erstickens. Tritt dies ein, dann wird das Erbrochene gesammelt, abgewogen und analysiert, zur Bewertung des Energieverbrauchs und der dadurch erfolgten Erschöpfung. So hat es der stellvertretender Direktor der CIA vor einem Parlamentsausschuss zusammengefasst: „das hat nichts damit zu tun, was die Inquisition machte, außer dem Wasser“ (sic).

Die Experimente der amerikanischen Ärzte wurden nicht heimlich geführt, wie die von Dr. Josef Mengele in Auschwitz, sondern unter der direkten und exklusiven Kontrolle des Weißen Hauses.

Alles wurde einer entscheidungsfähigen, aus sechs Personen bestehenden Gruppe gemeldet: Dick Cheney, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld, Colin Powell, John Ashcroft, und George Tenet, die bezeugten, an einem Dutzend dieser Arbeitssitzungen beteiligt gewesen zu sein.

Das Ergebnis dieser Experimente ist trotz allem enttäuschend. Es gibt wenige Versuchskaninchen, die sich als empfänglich erwiesen haben. Es war möglich, ihnen ein Geständnis zu entreißen, aber ihr Zustand blieb nicht dauerhaft und es war nicht möglich, in der Öffentlichkeit sie gegen einen Opponenten zu produzieren. Der bekannteste Fall ist der von alias Khalil Scheich Mohammed. Es ist ein Individuum, das in Pakistan festgenommen und beschuldigt wurde, ein kuwaitischer Islamist zu sein, obwohl es eindeutig war, dass es nicht die gleiche Person war. Nachdem er lange gequält wurde und vor allem 183 mal die Qual des Waterboarding im einzigen Monat März 2003 durchgestanden hatte, gab er zu, Khalil Scheich Mohammed zu sein und beschuldigte sich, 31 verschiedene Attentate in allen vier Ecken der Welt organisiert zu haben, jenes des WTC in New York im Jahr 1993, die Zerstörung durch Bombenlegung einer Diskotheke in Bali und die Enthauptung des Journalisten Daniel Pearl, bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Der sogenannte Scheich Mohammed blieb bei seinen Geständnissen vor einer Militärkommission fest bestehen, aber es war militärischen Richtern und Rechtsanwälten nicht möglich, ihn in der Öffentlichkeit zu vernehmen, so sehr fürchtete man, dass er außerhalb seines Käfigs sein Geständnis zurücknehmen könnte.

Um die geheime Tätigkeit der Ärzte in Guantanamo Bay zu verbergen, organisierte die Navy Pressereisen für gefällige Journalisten. So spielte der französische Essayist Bernard Henry Lévy gerne den Moral-Zeugen bei dem Besuch, wo man ihm zeigte, was man ihm zeigen wollte. In seinem Buch American Vertigo, versichert er, dass dieses Gefängnis sich nicht von anderen amerikanischen Gefängnissen unterscheide und dass die Zeugnisse über geübten Missbrauch, „eher übertrieben wären“ (sic). [6]

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Eines der off shore Gefängnisse der US Navy. Hier die USS Ashland. Das Flachboden Schiff wurde umgebaut, um Käfige für Gefangene auf mehreren Ebenen zu erhalten.

Off shore Gefängnisse der Marine

Letztlich hat die Bush-Administration gefunden, dass nur sehr wenige Individuen so konditionierbar wären, um zu glauben, dass sie die Attentate des 11. September begangen hätten. Sie hat daraus geschlossen, eine große Anzahl von Gefangenen müsse getestet werden, um die Empfindungsfähigsten auszuwählen.

Angesichts der Kontroverse, die sich um Guantánamo entwickelt hatte, und damit die Marine mit Sicherheit nicht von der Justiz abgeurteilt werde, hat sie andere geheime Gefängnisse außerhalb jeglicher Gerichtsbarkeit in internationalen Gewässern eingerichtet.

17 Flachboden-Schiffe, wie sie für die Truppen-Landung verwendet werden, wurden in flexible Gefängnisse mit Käfigen wie in Guantánamo umgebaut. Drei wurden von dem britischen Verein Reprieve identifiziert. Es sind die USS Ashland, USS Bataan und USS Peleliu.

Wenn man alle Personen zusammenrechnet, die in Konfliktzonen gefangen genommen wurden, oder irgendwo in der Welt entführt und dann in diese Gefängnisse in den letzten acht Jahren eingeliefert wurden, sollen es insgesamt 80 000 Personen sein, die durch das System gingen, wovon weniger als tausend in die letzte Phase des Prozesses von Biderman gebracht werden konnten.

Daher kann das Problem der Obama-Administration wie folgt zusammengefasst werden: Es ist nicht möglich, Guantánamo zu schließen, ohne preiszugeben, was dort getan wird. Und es ist nicht möglich zuzugeben, was getan wird, ohne zuzugeben, dass alle gesammelten Bekenntnisse falsch sind und unter Folter erhalten wurden, mit allen darauf folgenden politischen Konsequenzen.

Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden zwölf Prozesse vom Nürnberger Militärtribunal geführt. Einer wurde 23 Nazi-Ärzten gewidmet. 7 wurden freigesprochen, 9 wurden zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und 7 wurden zu Tode verurteilt. Seither regelt ein ethischer Kodex die Internationale Medizin. Er verbietet ausdrücklich, was gerade die amerikanischen Ärzte in Guantánamo und anderen geheimen Gefängnissen gemacht haben.

Übersetzung
Horst Frohlich

Quelle
Оdnako (Russland)

beigefügte Dokumente

 
« Communist attempts to elicit false confessions from Air Force prisoners of war », par Albert D. Biderman

Bulletin New York Academy of Medecine 1957 Sep ;33(9):616-25.


(PDF - 4.1 kB)
 
 
 

Dieser Artikel erschien vorerst in der Ausgabe der russische Wochenzeitung Odnako am 19. Oktober 2009.

[1] « La Ligue anti-communiste mondiale, une internationale du crime », von Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 12 mai 2004.

[2] « Opération Phénix », von Arthur Lepic, Réseau Voltaire, 16 novembre 2004.

[3] Lire l’ouvrage de référence Operación Cóndor, Pacto criminal de notre collaboratrice l’historienne Stella Calloni. « Stella Calloni presentó en Cuba su libro “Operación Cóndor, Pacto criminal” », 16 février 2006. Voir également sur la Red Voltaire : « Berríos y los turbios coletazos del Plan Cóndor », por Gustavo González, 26 avril 2006. « Los militares latinoamericanos no saben hacer otra cosa que espiar », por Noelia Leiva, 1er avril 2008. « El Plan Cóndor universitario », par Martin Almada, 11 mars 2008.

[4] « Opération "Marteau de fer" », von Paul Labarique, Réseau Voltaire, 11 septembre 2003.

[5] The Arab Mind, von Raphael Patai, Vorword von Norvell B. De Atkine, Hatherleigh Press, 2002.

[6] American vertigo, von Bernard-Henry Lévy, Grasset & Fasquelle.

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 
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