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Tagebuch des Wandels der Weltordnung #11

Der Preis des Rangverlustes

Washington versucht seine Position zu halten, ohne den Dritten Weltkrieg auszulösen. Aber das gesteckte Ziel scheint unhaltbar. Moskau bietet Washington einen Ausweg in Syrien und im Jemen an. Aber falls die Vereinigten Staaten diesen Weg einschlagen, müssten sie einige ihrer Verbündeten aufgeben.

| Damaskus (Syrien)
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Ein Weißkopfseeadler, Symbol der Vereinigten Staaten.

Seit dem Bruch des Eid-al-Adha-Abkommens zur Einstellung der Feindseligkeiten entsteht eine Kluft zwischen der unbeschwerten Atmosphäre der westlichen Gesellschaft und dem Ernst der russischen und der chinesischen Gesellschaft.

In Moskau berichtet das Fernsehen über Atomschutzanlagen und Mannschafts-Kriegsspiele auf „Hindernisbahnen“. In Washington aber macht man sich über die Paranoia der Russen lustig, die an die Möglichkeit eines Dritten Weltkriegs glauben.

Und doch schicken sich die beiden großen Mächte Botschaften, die die Haare zu Berge stehen lassen. Nach den Drohungen der USA, Syrien anzugreifen, hat Moskau das Abkommen über die Begrenzung der Plutoniumbestände aufgekündigt und sein Startsystem für Atombomben abgestimmt, indem es drei Interkontinentalraketen abschoss. Der russische Armee-Sprecher warnte seine Amtskollegen und kündigte an, dass die russischen Waffen in der Lage wären, alle US-Luftfahrzeuge, ob Marschflugkörper oder Tarnkappenflugzeuge, abzuschießen. Der Stabschef der Landstreitkräfte der Vereinigten Staaten antwortete stolz, im Frontalkrieg würden die Luft- und die Seestreitkräfte beider Armeen schnell neutralisiert sein, aber auf dem Boden würde sich Washington durchsetzen. Seine kriegerische Rede hat die Russen wenig beeindruckt, aber die Mitglieder des US-Kongresses so sehr beunruhigt, dass 22 von ihnen an Präsident Obama schrieben und ihn um seine Verpflichtung baten, nicht als Erster einen Atomkrieg zu beginnen. Moskau hat seinen Diplomaten in den NATO-Staaten die Anweisung gegeben, ihre Familien zu repatriieren und sich selbst für den Rücklauf bereitzuhalten.

Einst versicherten die Römer: „Wenn du Frieden willst, so rüste zum Krieg!“ (Si vis pacem, para bellum). Die Grundidee ist, dass bei einer internationalen Differenz der Sieg ohne Waffen durch den errungen wird, der fähig erscheint, ihn mit Waffen zu erringen.

Tatsache ist, dass die russische Bevölkerung sich auf den Krieg vorbereitet (zum Beispiel haben diese Woche 40 Millionen Russen an Übungen zur Gebäudeevakuierung und zur Brandbekämpfung teilgenommen), während der Westen sich in Einkaufszentren tummelt.

Offensichtlich kann man darauf hoffen, dass sich die Vernunft durchsetzt und ein Weltkrieg vermieden wird. Wie dem auch sei, diese Prahlereien zeigen, dass was hier in Syrien seit fünf Jahren auf dem Spiel steht, nicht das ist, wofür wir es halten. Wenn es anfangs für das Außenministerium darum ging, seinen Plan des „arabischen Frühlings“ umzusetzen, also den Umsturz der regionalen säkularen Regierungen und ihren Ersatz durch die Muslimbrüder, haben Russland und China in kurzer Zeit die Schlussfolgerung gezogen, dass die Welt nicht mehr durch die Vereinigten Staaten beherrscht werden dürfte und diese nicht mehr über Leben und Tod der Völker entscheiden sollten.

Durch die Unterbrechung zunächst der historischen Seidenstraße in Syrien, dann der neuen Seidenstraße in der Ukraine, hat Washington die Entwicklung Chinas und Russlands angehalten. Es hat sie einander in die Arme getrieben. Der unerwartete Widerstand des syrischen Volkes hat die Vereinigten Staaten gezwungen, ihre globale Vormachtstellung zu riskieren. Nachdem die Welt 1991 mit dem „Wüstensturm“ unipolar geworden war, ist sie im Begriff zu kippen und wieder bipolar und in der Folge vielleicht multipolar zu werden.

1990–91 vollzog sich der Wandel der Weltordnung ohne Krieg (die Invasion des Irak war nicht die Ursache dafür, sondern die Folge davon), aber zum Preis des inneren Zusammenbruchs der Sowjetunion. Der Lebensstandard der ehemaligen Sowjetrepubliken fiel drastisch, ihre Gesellschaften wurden tief zerrüttet, ihr nationaler Reichtum unter dem Vorwand der Privatisierung geplündert, und ihre Lebenserwartung ging um zwanzig Jahre zurück. Nachdem wir geglaubt hatten, dies sei eine Niederlage des Sowjetismus, wissen wir heute, dass der Fall der UdSSR auch – wenn nicht vor allem – das Ergebnis der Wirtschaftssabotage durch die CIA war.

Es ist also nicht unmöglich, zu einem neuen weltweiten Gleichgewicht ohne flächendeckende Konfrontation zu kommen. Und um den Weltkrieg zu vermeiden, hat sich die Diskussion zwischen John Kerry und Sergei Lawrow vom Kampf um Aleppo auf eine allgemeine Waffenruhe gleichzeitig für ganz Syrien und den Jemen verlagert. So ist eine Feuereinstellung für acht Stunden in Aleppo und für 72 Stunden im Jemen angekündigt worden.

Das Problem ist, dass die Vereinigten Staaten vom unbestritten ersten Platz – den sie an sich gerissen hatten und so schlecht gebrauchten – nicht in die Gleichstellung mit Russland zurücktreten können, ohne dafür den Preis zu zahlen – sie oder ihre Alliierten.

Seltsamerweise sind die fünf arabischen Staaten, die Türkei und der Iran, die am Samstag mit Kerry und Lawrow in Lausanne zusammenkamen, zufrieden aus diesem Treffen gekommen. Immerhin ging es um ihre Zukunft. Keiner von ihnen scheint daran zu denken, dass Köpfe rollen müssen, wie es bei den Führungskräften des Warschauer Paktes der Fall war. In der aktuellen Situation kann auf die Vernichtung eines Teils der Menschheit verzichtet werden, aber die Bedeutung des Zurücktretens der Vereinigten Staaten wird sich an der Zahl und der Wichtigkeit der Verbündeten messen lassen, die sie opfern.

Übersetzung
Horst Frohlich
Sabine

Quelle
Al-Watan (Syrien)

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