Voltaire Netzwerk
"Vor unseren Augen"

Lässt Mursis Schicksal das der muslimischen Brüder ahnen?

Obwohl Thierry Meyssan über die Geschwindigkeit der Ereignisse überrascht war, feierte er die Absetzung der Muslim-Bruderschafts-Regierung, die er seit einem Jahr erwartete. Während die atlantische Presse Mohamed Mursi unterstützte und Baschar Al-Assad ausbuhte, hielt er an der entgegengesetzten Richtung fest und verurteilte den "arabischen Frühling" als eine Manipulation. Die ägyptische Straße hat entschieden.

+
JPEG - 38.3 kB
Von 84 Millionen Ägyptern sind 33 auf die Straßen gegangen, um den Militärputsch zu feiern.

Am Ende der fünf Tage riesiger Proteste, die den Abgang von Präsident Mursi forderten, hat die ägyptische Armee ihn abgesetzt und den Vorstandsvorsitzenden des Verfassungsrates berufen, um die Übergangszeit zu gewährleisten, bis zur Einberufung von Neuwahlen.

Um die Bedeutung des Ereignisses zu messen, sollte man es in seine eigene Geschichtsschreibung eingliedern.

Ab Mitte Dezember 2010 gewann eine politische Unruhe einen Teil Afrikas und der arabischen Welt. Die beiden wichtigsten betroffenen Länder waren Tunesien und Ägypten. Dies kann zuerst durch tiefe Ursachen erklärt werden: Ein Generationswechsel und eine Nahrungsmittelkrise. Wenn sich der demographische Aspekt auch weitgehend der menschlichen Kontrolle entzieht, wurde der wirtschaftliche Aspekt in den Jahren 2007 / 08 und dann wieder im Jahr 2010 teilweise in voller Kenntnis der Sachlage herbeigeführt.

In Tunesien und Ägypten hatten die Vereinigten Staaten die "Wachablösung" vorbereitet: neue, ihnen ergebene Führer anstelle von Entwerteten. Das US-Außenministerium hatte junge "Revolutionäre" ausgebildet, damit sie die örtlichen Machtinhaber ersetzen. Jedoch, als Washington bemerkte, dass seine Verbündeten durch die Straße übertroffen wurden, befahl es ihnen, den Platz der Opposition, die es auch fabriziert hatte, zu überlassen. Es ist nicht die Straße, sondern es waren die Vereinigten Staaten, die Zine el-Abidine Ben-Ali und den General Hosni Mubarak vertrieben haben. Und es sind immer noch die USA, die die Muslimbruderschaft als ihre Nachfolger erfolgreich installiert haben. Dieser letzte Punkt ist weniger klar, da in beiden Ländern Wahlen abgehalten wurden, aber eine Wahlabstimmung bedeutet noch keine Aufrichtigkeit. Eine sorgfältige Untersuchung zeigt jedoch, dass ein abgekartetes Spiel stattfand.

Wenn sie auch in anderen Staaten wie in Senegal und der Elfenbeinküste auftreten hätten können, gibt es hier keinen Zweifel, dass diese Ereignisse von Washington vorbereitet wurden und von ihm geleitet wurden.

Tatsächlich traten damals Probleme in der Elfenbeinküste anlässlich der Präsidentschaftswahl auf. Aber sie werden in der öffentlichen Vorstellung nicht mit dem "arabischen Frühling" verbunden und enden mit einer französischen, militärischen Intervention unter dem Mandat der Vereinten Nationen.

Nachdem sich die Instabilität in Tunesien und Ägypten ausgebildet hatte, starteten Frankreich und das Vereinigte Königreich eine Destabilisierungsbewegung in Libyen und Syrien, gemäß dem Vertrag von Lancaster. Wenn auch ein paar prodemokratische Mikro-Manifestationen stattfinden und von den westlichen Medien aufgebauscht werden sollten, wurden die Störungen von den westlichen Special Forces mit Unterstützung der Takfiristenführer organisiert.

Die Elfenbeinküste-Operation wurde mit viel Mühe vom "arabischen Frühling" ausgeschlossen (es gibt keine Araber in diesem Land, dessen Drittel zwar muslimisch ist), während Libyen und Syrien darin eingeschlossen wurden (obwohl es koloniale Operationen waren). Dieser Zauberstreich war umso leichter realisierbar, als Demonstrationen im Jemen und Bahrain auftraten, deren strukturelle Bedingungen sehr unterschiedlich sind. Die westlichen Kommentatoren haben sie erstmals unter dem Label "Arabischer Frühling" eingeschlossen, dann aber aus ihrer Argumentation entfernt, weil beide Situationen unvergleichbar waren.

Letztlich, was den "Arabischen Frühling" (Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien) wirklich ausmacht, ist nicht die Instabilität, noch die Kultur, sondern die von den imperialistischen Mächten ersonnene Lösung: Zugang der Muslimbruderschaft zur Macht.

Diese geheime, angeblich antiimperialistische Organisation wurde immer schon von London politisch gesteuert. Sie wurde im Kabinett von Hillary Clinton durch Huma Abedin (Ehefrau von dem zurückgetretenen zionistischen Kongressmitglied Antony Weiner) vertreten, deren Mutter Saleha Abedin den weiblichen Zweig der Welt der Bruderschaft führt. Das Katar gab die Finanzierungen (mehr als $ 15 Milliarden pro Jahr!) und übergab die Mediatisierung der Bruderschaft, welcher das Katar seit Ende 2005 Al-Dschasira anvertraut hatte. Schließlich hat die Türkei das politische Know-how mit Kommunikationsberatern zur Verfügung gestellt.

Die Muslimbruderschaft ist für den Islam, was die Trotzkisten im Westen sind: eine Gruppe von Putschisten, die für fremde Interessen im Namen eines Ideals arbeiten, das immer auf den nächsten Tag verschoben wird. Nach den zahlreichen Versuchen, Staatsstreiche in den meisten arabischen Ländern während des 20. Jahrhunderts auszuführen, wurde sie von ihrem "Sieg" im Jahr 2011 überrascht. Sie hatte in der Tat kein Regierungs-Programm außerhalb der angelsächsischen Anweisungen. Sie hat sich daher den islamistischen Parolen angeschlossen: «die Lösung ist der Koran», «eine Verfassung brauchen wir nicht, wir haben Scharia», usw....

In Ägypten, wie in Tunesien und Libyen haben die Regierungen ihre Volkswirtschaft dem liberalen Kapitalismus eröffnet. Sie bestätigten die Einigung mit Israel auf Kosten der Palästinenser. Und suchten, im Namen des Korans, eine nie in diesem Buch registrierte moralische Ordnung zu verhängen.

Eine Thatcher-artige Privatisierung der ägyptischen Wirtschaft sollte ihren Höhepunkt mit der des Suezkanals erreichen, Juwel des Landes und Einkommensquelle, der an den Katar verkauft werden sollte. Doch der Widerstand der ägyptischen Gesellschaft führte Doha dazu, eine separatistische Region des Kanals zu finanzieren, wie einst die Vereinigten Staaten die Bewegung für die Unabhängigkeit von Panama in Kolumbien geschaffen hatten.

Letztlich hat die ägyptische Gesellschaft diese Schock-Behandlung nicht ausgehalten. Wie ich in diesen Kolonnen vor drei Wochen schrieb, gingen ihre Augen auf, als sie die Revolte der Türken gegen Bruder Erdogan beobachtete. Sie rebellierte sich und stellte ein Ultimatum an Präsident Mursi. Nachdem sie telefonisch mit dem US- Verteidigungsminister Chuck Hagel festgestellt hatte, dass die Vereinigten Staaten nichts unternehmen würden, um den Agenten Mursi zu retten, kündigte General al-Sissi seine Enthebung an.

Dieser Punkt verdient eine Erklärung: Mohamed Mursi zeigte sich in seiner letzten Rede an die Nation als "Gelehrter". Er ist tatsächlich ein Raumfahrt-Ingenieur, der Karriere in den USA gemacht hat, die US-Staatsangehörigkeit erworben hatte, und der in der NASA mit einer US-militärischen Geheimhaltung-Akkreditierung gearbeitet hatte. Jedoch wenn Mursi auch vom Pentagon fallengelassen wurde, wurde er dennoch - bis zu seiner Verhaftung - vom amerikanischen Außenministerium, entweder durch die Botschafterin in Kairo, Anne Patterson, den Sprechern Patrick Ventrell und Jan Psaki oder durch den Staatssekretär John Kerry unterstützt. Diese Inkonsistenz verdeutlicht das Durcheinander in Washington: auf der einen Seite will die Vernunft, dass es nicht eingreifen kann, auf der anderen haben die zu nahen Beziehungen mit der Muslimbruderschaft Washington jeglicher Alternative beraubt.

Der Sturz von Mohamed Mursi markiert das Ende der Herrschaft der muslimischen Bruderschaft in der arabischen Welt. Und das umso mehr, als die Armee seine Enthebung angekündigt hatte, indem sie die lebendigen Kräfte der Gesellschaft daran beteiligte, einschließlich der "Gelehrten" der al-Azhar-Universität.

Der Fehlschlag von Mursi ist ein harter Schlag für den Westen und seine Verbündeten, den Katar und die Türkei. Daher kann man sich logisch fragen, ob er nicht das Ende des "arabischen Frühlings" und neue Umwälzungen in Tunesien, Libyen, und natürlich in Syrien bedeutet.

Übersetzung
Horst Frohlich

Thierry Meyssan

Thierry Meyssan Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse. Letztes, auf Französisch veröffentlichte Werk : L’Effroyable imposture : Tome 2, Manipulations et désinformations (hg. JP Bertand, 2007).

 

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

Sie können die Artikel des Réseau Voltaire frei vervielfältigen unter der Bedingung die Quelle anzuführen, ohne die Artikel zu verändern und ohne sie für geschäftliche Ziele zu benützen (Lizenz CC BY-NC-ND).

Das Netzwerk unterstützen

Sie benützen diesen Website auf dem Sie Qualitätsuntersuchungen finden, die Ihnen helfen Ihr Weltverständnis zu verbessern. Um dieses Werk fortzufahren brauchen wir Ihre Mitarbeit.
Helfen Sie uns mit einer Gabe.

Wie teilnehmen beim Voltaire Netzwerk ?

Die Gesprächsleiter des Réseau Voltaire sind alle ehrenamtlich.
- Autoren : Diplomaten, Wirtschaftswissenschaftler, Journalisten, Militär, Philosophen, Soziologen…Sie können uns Ihre Beitragsvorschläge unterbreiten.
- Übersetzer mit beruflichem Niveau : Sie können bei der Übersetzung mitwirken.