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Die besondere Stellung von Paul Wolfowitz im öffentlichen Leben der Vereinigten Staaten – im politischen und im universitären Feld – erlaubt es ihm, mit den Theoretikern der Busch-Regierung in enger Verbindung zu stehen und gleichzeitig exekutive Funktionen im Verteidigungsministerium zu besetzen.

Wie der Vater so der Sohn

Paul Wolfowitz ist der Sohn von Jacob Wolfowitz, einem in Warschau geborenen polnischen Juden, dessen Eltern nach New York emigrierten, als er zehn Jahre alt war. Nach dem Diplom des City College von New York promovierte Vater Wolfowitz an der Universität von New York in Mathematik und wurde unmittelbar danach einer der führenden Experten der Vereinigten Staaten in der Theorie der Statistik. Damals war er dem ungarischen Mathematikers Abraham Wald eng verbunden. Politisch ist Jacob Wolfowitz ein überzeugter Zionist, darüber hinaus engagiert in Organisationen gegen die Unterdrückung von Minderheiten und Dissidenten durch die Sowjets.

Während des Zweiten Weltkriegs führt Jacob Wolfowitz in der Statistik-Abteilung der Columbia Universität Studien für die Armee der Vereinigten Staaten durch. In dieser Zeit, im Jahr 1943, wird Paul geboren. Nachdem Jacob Wolfowitz eine Stelle an der Technion-Universität angenommen hat, zieht die Familie 1957 nach Israel um. Auch Paul ist sehr erfolgreich im Studium: Der Student der Mathematik an der Universität von Cornell interessiert sich früh für Geschichte und Politikwissenschaft. Er wird Mitglied der Telluride Association, die 1910 von L. L. Nunn gegründet wurde, um die Universitätselite von Cornell auszulesen, wie es in den meisten Universitäten der Vereinigten Staaten üblich ist [1]. In dieser Gruppe wird er mit dem Philosophen Allan Bloom bekannt gemacht, der die Kontakte mit Studierenden von Telluride multipliziert; unter anderem gehören der Wirtschaftswissenschaftler Francis Fukuyama, der Präsidentschaftskandidat Alan Keyes, der Geheimdienstexperte Abram Shulsky, der Fachgelehrte für Sowjetologie Stephan Sestanovich und Charles Fairbanks, ein Experte für Zentralasien, dazu.

Eine „Strauss’sche“ Ausbildung

Unter dem Einfluss von Allan Bloom entwickelt Paul Wolfowitz seine Kenntnisse in den Politikwissenschaften und sein Interesse für die Philosophie von Leo Strauss [2], dem Mentor von Bloom. Für das Promotionsstudium wählt er die Universität von Chicago aus, weil der deutsche Philosoph dort noch Professor ist.

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Léo Strauss

Obwohl der Meister Chicago verlässt, ehe Wolfowitz graduiert, und obwohl der junge Mann sich zu der Zeit nicht als echter Konservativer versteht, wird er heute als intellektueller Erbe von Leo Strauss betrachtet. So erklärt Jeane Kirkpatrick 2002 in einem Interview, dass „Wolfowitz eine der großen strauss’schen Gestalten bleibt“ [3]. Allerdings richtet der US-amerikanische Führungsmann seine Abhandlung über das Ende der Tyrannei und die Verdammung des Bösen auf die Dichotomie Diktatur – Demokratie und auf die quasi übernatürlichen Kräfte aus, die er den Diktatoren zuschreibt, die durch Bosheit in der Lage seien, die schutzlosen liberalen Demokratien zu täuschen. Dies ist eine in den letzten Jahren des Kalten Krieges ausgearbeitete Argumentation oder Phrase, die er später mit Bezug auf den Iraks Saddam Husseins wieder aufnehmen wird.

Heute weist Wolfowitz seine Bezeichnung als Straussianer teilweise zurück. In Chicago fand er in der Person Albert Wohlstetters in der Tat einen neuen Mentor. Dieser hatte zusammen mit Jacob Wolfowitz – dem Vater – Mathematik in Columbia studiert und war der erste Nuklearstratege der Vereinigten Staaten geworden, ein Mitglied der Rand Corporation und Theoretiker der Verwundbarkeit der Vereinigten Staaten. Unter seiner Regie verfasst Wolfowitz eine Abhandlung über die Anlagen zur Meerwasserentsalzung, die Washington an den Grenzen Israels, Ägyptens und Jordaniens errichtet hatte mit der offiziellen Begründung, die Zusammenarbeit zwischen Tel-Aviv und der arabischen Welt voranzutreiben. Inoffiziell sollte eines der Nebenprodukte aus dem Prozess der Meerwasserentsalzung Plutonium sein. Wolfowitz stellt sich in dieser Abhandlung gegen die Nuklearisierung des Nahen Ostens sowohl auf der israelischen wie auf der arabischen Seite, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Würde der hebräische Staat sich mit Nuklearwaffen ausstatten, würde er Wolfowitz zufolge einen Rüstungswettlauf mit den arabischen Staaten, unterstützt durch die UdSSR, bewirken und damit seine Position schwächen statt sie zu festigen.

Verhinderung der Rüstungskontrolle

Aufgrund seines breiten Wissens in internationalen Beziehungen wird Wolfowitz im Sommer 1969 nach Washington geschickt, um dort auf Wunsch Wohlstetters im Committee to Maintain a Prudent Defense Policy (Komitee zur Unterhaltung einer klugen Verteidigungspolitik) zu arbeiten. Zwei große Gestalten des Kalten Krieges, Dean Acheson und Paul Nitze, Staatssekretär beziehungsweise Planungsdirektor des Außenministeriums von Präsident Truman, hatten diese Körperschaft gegründet, die den Kongress von der Notwendigkeit eines Raketenabwehrschirms überzeugen sollte – ein Projekt, das durch mehrere Repräsentanten der Vereinigten Staaten, namentlich Edward M. Kennedy, William Fulbright, Albert Gore sen., Charles Percy und Jacob Javits heftig bekämpft wurde.

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Henry «Scoop» Jackson

Zur Unterstützung von Nitzes und Achesons Schlacht wird Wolfowitz von Peter Wilson, einem anderen Schüler Wohlstetters, und von Richard Perle begleitet, damals der Verlobte der Tochter Wohlstetters. Die drei jungen Männer führen den Kampf mit vollem Einsatz, indem sie wissenschaftliche Studien verfassen und technische Beschreibungen für die Kongressmitglieder verfassen. Sie organisieren auch die Anhörung des „Pro-Abwehrschild“-Senators Henry M. Scoop Jackson vor der Senatskommisssion für Rüstungsfragen. Eine Arbeit, die sich bezahlt macht: Am Ende des Jahres 1969 gewinnen die „Falken“ im Senat mit 51 gegen 50 Stimmen. Die Annahme des Projekts wird es schließlich Nixon erlauben, die Verhandlungen mit der UdSSR zum Vertrag über Flugabwehrraketen aus einer Position der Stärke anzugehen. Die Verhandlungen führten schließlich zur Unterzeichnung des SALT I-Abkommens.

Diese Episode markiert einen Wendepunkt der US-Außenpolitik, denn es handelt sich um den ersten Sieg der „Falken“ seit 1941 und um das Kongress-Votum zur Ausweitung der Wehrpflicht in Friedenszeiten. Weiter erlaubt der Erfolg von Nitze und Acheson die Eröffnung einer Debatte über den Raketenabwehrschirm – eine Debatte, die bis heute (2005) andauert. Vor allem verstärkte sie die Überzeugungen von Paul Wolfowitz und Richard Perle zum Thema Abrüstung: Nach dieser politischen Schlacht sind die beiden jungen Männer voller Misstrauen gegen jedes Verfahren zur Kontrolle des US-Waffenarsenals. Sie sind überzeugt, dass diese Politik sowohl vom strategischen wie vom psychologischen Gesichtspunkt aus nachteilig für die Vereinigten Staaten ist. Darüber hinaus verspricht die Teilnahme an einer so heiklen – ihnen von hervorragenden Theoretikern des Kalten Krieges anvertrauten – politischen Unternehmung eine glänzende Zukunft in Washington.

Während sein Mitstreiter Perle sich sofort in der Politik engagiert, indem er der Senats-Assistent von Henry „Scoop“ Jackson wird, nimmt Wolfowitz für eine Zeit wieder seine Studien in Chicago auf, wo er seinen Doktorgrad erlangt. Aber die Alarmglocken Washingtons rufen ihn rasch zurück: 1973 wird die Agentur für Rüstungskontrolle und Abrüstung einer regelrechten Säuberung unterzogen auf Initiative von Scoop Jackson, der die alte Mannschaft verdächtigt, allzu geneigt für Verhandlungen mit dem sowjetischen Feind zu sein. Fred Iklé, ein „Falken“-Stratege der Rand Corporation, übernimmt die Leitung des Ministeriums. Auf Empfehlung Wohlstetters wirbt er Wolfowitz an. Dieser wird schnell sein engster Berater. Er verfasst für ihn Aufzeichnungen über Raketenabschüsse und ihre Aufspürung, arbeitet an den Rüstungskontroll-Verhandlungen mit und folgt Iklé nach Paris und in die europäischen Hauptstädte.

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Henry Kissinger

Seine relevanteste Arbeit im Rüstungsbereich findet von 1974 bis 1975 statt: Zwei Jahre lang schaltet er sich in die Kampagne ein, mit der die Vereinigten Staaten Druck auf Südkorea ausüben, damit es auf sein Programm zur Entwicklung von Plutonium verzichtet. In dieser Zeit versucht Wolfowitz, die Außenpolitik Henry Kissingers gegenüber der Sowjetunion in Zweifel zu ziehen sowie – noch weitgehender – die statische Vision der kapitalistischen Industriewelt, die dieser Bewunderer Metternichs entwickelt hat. In Wahrheit möchte er die intellektuelle Alternative zu Kissinger verkörpern. Dafür holt er einige junge Hochschulmitarbeiter wie seinen Freund Francis Fukuyama an seine Seite.

Experte im Erfinden von Bedrohungen

Als professioneller Schwarzseher ist Wolfowitz sehr effizient in seiner Arbeit; sie besteht darin, die Rüstungskontrollen zu einem fruchtlosen Unternehmen zu machen. Später wird er angeworben für eine Gruppe, die man als „Experten für Panikmache“ bezeichnen kann – immer nützlich, wenn es darum geht, eine Bedrohung aufzublasen, wenn nicht zu erfinden, damit für die Erhöhung des Militärbudgets gestimmt wird. So ist es nur natürlich, dass er eingeladen wird, an dem berühmten „B-Team“ teilzunehmen, das 1976 durch Gerald Ford und George H. W. Bush, damals CIA-Direktor, geschaffen wurde, um die sowjetische Bedrohung neu zu bewerten, die von den unfähigen Experten der Agentur (CIA) angeblich unterschätzt worden sei [4]. Den Vorsitz dieses B-Teams hat Richard Pipes, der Vater von Daniel Pipes. Um ihren Bericht zu verfassen, entscheiden die Mitglieder, sich auf die öffentlichen Erklärungen der sowjetischen Führung statt auf die traditionellen Satelliten-Spionagefotos zu stützen. Von daher überrascht es nicht, dass ihre 1976 erschienene abschließende Stellungnahme behauptet, die Sowjetunion könne in naher Zukunft den Vorsprung im Wettrüsten erlangen, um „eine weltweite sowjetische Hegemonie“ zu errichten. Wolfowitz realisiert in diesem Fall, dass es unter dem Deckmantel der Unabhängigkeit möglich ist, die Arbeit der Nachrichtendienste stillschweigend zu übergehen. Auf dieses Verfahren wird er während seiner langen politischen Karriere wiederholt zurückgreifen.

Der Vorteil des Sachverständigenstatus ist, dass dieser den Ruf hat, zuerst und vor allem „unabhängig“ zu sein. Der Machtantritt von Jimmy Carter hat keine Auswirkungen auf Wolfowitz. Man muss wissen, dass zwei seiner engsten politischen Verbündeten, Senator Henry Jackson und Richard Perle, Demokraten sind. Wolfowitz erhält einen Posten im Pentagon, er ist dort verantwortlich für die „Regionalprogramme“. Tatsächlich hat er die Aufgabe, die Probleme einzuschätzen, die in der Zukunft auf das Pentagon zukommen können. Verteidigungsminister Harold Brown beauftragt ihn ausdrücklich, die Bedrohungen fürdie Armee der Vereinigten Staaten in der Dritten Welt zu analysieren. Wolfowitz richtet seinen Schwerpunkt auf die Region des arabisch-persischen Golfes aus und entwirft ein Forschungsprojekt, die „Limited Contingency Study“. Die erste Ölkrise bringt den Vereinigten Staaten die strategische Bedeutung der Kontrolle der an Energieressourcen reichsten Regionen, besonders Saudi-Arabiens, ins Bewusstsein.

1976: Paul Wolfowitz’ erste irakische „Bedrohung“

Im Rahmen seiner neuen Verwendung nimmt Paul Wolfowitz an einem Seminar von Geoffrey Kemp, einem jungen Professor an der Fletcher School of Law and Diplomacy, teil. Dieser behauptet, dass die Vereinigten Staaten sich zu sehr auf Europa konzentrieren und die Folgen eines möglichen sowjetischen Eindringens im Golf nicht ernst genug nehmen. Wolfowitz wirbt ihn sofort für die Limited Contingency Study an, ebenso Dennis Ross, einen jungen Experten für die Sowjetunion, der der zukünftige Unterhändler der Clinton-Regierung für den Nahen Osten sein wird. Die Gruppe, deren Räumlichkeiten im Pentagon liegen, interessiert sich nur für eine mögliche Übernahme der Kontrolle über die Ölfelder durch die UdSSR. Sie berücksichtigt auch die Möglichkeit, dass dieser feindliche Zugriff auf das scharze Gold durch eine Regionalmacht am Golf erfolgen kann und untersucht zum Beispiel die Möglichkeit eines irakischen Angriffs auf Saudi-Arabien. Die sehr hohe Unwahrscheinlichkeit solch eines Einsatzes stört Wolfowitz nicht, er führt aus: „Man sollte man sich nicht ausschließlich auf die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses konzentrieren, sondern auch auf die Schwere seiner Konsequenzen“ – eine besonders sachdienliche Arbeitsmethode, wenn es nicht das Ziel ist, sich vor einer Bedrohung zu schützen, sondern sie zu konstruieren.

Aus militärischer Sicht sind die Schlussfolgerungen aus dem Forschungsprojekt des jungen Wolfowitz klar verständlich: Die Vereinigten Staaten müssen ihre Anwesenheit in der Golfregion verstärken, insbesondere durch Errichtung neuer Militärbasen. Gleichfalls muss dem Aufstieg einer zu gewichtigen Regionalmacht wie dem Irak, damals dem Iran, mit Vorsicht begegnet werden. Diese Empfehlung steht nicht nur auf dem Papier, sondern wird in die Tat umgesetzt: Drei Jahre später stürzt die CIA den Schah, der zu anspruchsvoll geworden ist; sie zieht ihm sogar eine antiamerikanische islamische Regierung vor, die sie glaubt kontrollieren zu können – mit dem bekannten Ergebnis [5].

Dieser Eingriff – das heißt den Iran zum schwer bewaffneten prowestlichen Regime zu machen, das das regionale Gleichgewicht gewährleistet – ist ein totaler Bruch mit der Politik, die Nixon und Kissinger umgesetzt haben. Der Umsturz des Schahs weckt übrigens – und das ist kein Zufall – erneut das Interesse an der Arbeit von Wolfowitz und seinen Freunden: Plötzlich bemüht sich das Pentagon, Militärbasen in Oman, Kenia und Somalia einzurichten, ermutigt die befreundeten Regierungen im Nahen Osten, größere Flughäfen zu bauen, und versucht seine Anwesenheit im Golf zu verstärken, um einen schnellen Aufmarsch möglich zu machen. Ein Jahr später führen Mannschaften der Vereinigten Staaten und Ägyptens zusammen eine Militärübung mit dem Namen „Bright Star“ durch, während die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Militärtechnologien entwickeln, die für den Kampf in Wüstenzonen bestimmt sind.

Am Tag der Machtübernahme von Ronald Reagan, dem 20. Januar 1981, kündigt die neue Verwaltung die Einrichtung von CENTCOM an, dem militärischen Zentralkommando der Vereinigten Staaten im Nahen Osten.

Die „asiatische“ Periode

Wolfowitz’ Platz in der neuen Mannschaft des Weißen Hauses ist nicht gesichert. Da er in der Regierungsbehörde Carters mitgewirkt hat und zum engen Umfeld von Personen gehört, die als „demokratisch“ gelten, ist er in der Tat kein unbeschreibenes Blatt für die Reagan-Regierung, die der extremen Rechten sehr nahe steht. Nachdem Wolfowitz Ende 1979 durch Fred Iklé vor der Gefahr gewarnt worden ist, bis zum Ende der Wahlkampagne auf seinem Posten zu bleiben, tritt er Anfang 1980 zurück und wird wieder Dozent in der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies.

Für das Weiße Haus bleibt er verdächtig. Richard Allen, der neue Berater für die nationale Sicherheit, weigert sich anfangs, Wolfowitz’ Beitritt zu Ronald Reagans Stab „Außenpolitik“ zu akzeptieren. Es erfordert die ganze Überzeugungskraft John Lehmans, seines Freundes und eines alten Bekannten von Wolfowitz unter Nixon, ihn vom Vorteil einer solchen Anwerbung zu überzeugen. Aber im Augenblick seiner Nominierung sträubt sich Senator Jesse Helms, grünes Licht für ihn zu geben, da er ihn als gefährlichen Liberalen betrachtet. Wolfowitz lädt den Stabschef des Senators, John Carbaugh ein, um ihm Zusicherungen zu seinem Neokonservativismus zu machen. Schließlich erhält er den Posten des Director of Policy Planning im US-Außenministerium. Wie unter Carter ist er beauftragt, eine Vision der langfristigen geopolitischen Entwicklung und der diplomatischen Rolle der USA darin auszuarbeiten – eine Stellung mit hoher Verantwortlichkeit, die zuvor durch George Kennan besetzt war, den Theoretiker des Kalten Krieges. Wolfowitz rekrutiert dafür eine gut besetzte Mannschaft: Scooter Libby, Jurist aus Philadelphia, den Ökonom Francis Fukuyama, den konservativen Afroamerikaner Alan Keyes, aber auch Zalmay Khalilzad, der den Vorzug hat, von der Universiät Chicago zu kommen und ein ehemaliger Schüler von Wohlstetter zu sein. Einige der Angeworbenen sind Demokraten wie Dennis Ross und Stephen Sestanovich, ein ehemaliger Cornell-Student zur selben Zeit wie Wolfowitz und aus dem Umkreis von Allan Bloom.

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Zalmay Khalilzad

Die Empfehlungen des neuen Direktors für Strategieplanung im Außenministerium stellen einen Bruch dar zur bisherigen Außenpolitik der Vereinigten Staaten und insbesondere zu der unter Carter: Wolfowitz stellt die Berechtigung für den Verkauf der Überwachungsflugzeuge AWACS nach Saudi-Arabien in Frage, fordert eine Portion Distanz Washingtons gegenüber der Palästinensischen Befreiungsorganisation von Yasser Arafat und erweist sich als einer der heftigsten Verteidiger Israels in der Reagan-Administration. Aber es ist sein China-Konzept, mit dem er am meisten schockiert: Die Kissinger-Doktrin empfahl, China als ein Land zu betrachten, das zu stark ist um es zu ignorieren, mit dem man notwendigerweise verhandeln müsse, um sich einen objektiven Verbündeten im Kampf gegen die UdSSR zu sichern. In der schon eingeschliffenen Art seiner Beweisführung kündigt Wolfowitz diese Sicht der Dinge auf. Ihm zufolge bewerten die Vereinigten Staaten die Bedeutung Chinas seit langem über; dabei sei China in Wahrheit stärker durch Moskau bedroht als die Vereinigten Staaten. China brauche Washington – und nicht umgekehrt. An China brauchen keine Konzessionen gemacht werden – im Gegenteil.

Eine solche Rede bringt natürlich Alexander Haig, den Außenminister jener Zeit und ehemaligen Berater Kissingers, außer sich. Einige Tage lang grummelt sogar das Gerücht einer bevorstehenden Entlassung von Wolfowitz. Es geschieht aber nichts dergleichen. Am 25. Juni 1982 ist Haig derjenige, der ersetzt wird, und zwar durch George Shultz, wodurch der Bruch der Reagan-Regierung mit der Nixon-Kissinger-Doktrin bestätigt und nebenbei noch ein Weg für die von Wolfowitz verteidigten Ideen geöffnet wird. Dieser wird auf den Posten des Staatssekretärs für Ostasien und den Pazifik befördert. Das ist der erste praktische Außeneinsatz des Bürokraten von der Universität im Pentagon.

Im Rahmen seiner neuen Aufgaben tritt Wolfowitz in Beziehung zu zwei Schlüsselfiguren der Reagan-Administration für Asien; es sind Richard Armitage, der das Pentagon repräsentiert, und Gaston Sigur vom National Security Council (Nationaler Sicherheitsrat, NSC). Die drei Männer, die sich jeden Montag treffen, koordinieren zusammen die Außenpolitik der Vereinigten Staaten in der asiatischen Region. Einer der heikelsten Fälle, die sie zu behandeln haben, betrifft die Philippinen, wo sie den politischen Rückzug des Diktators Ferdinand Marcos im Jahr 1986 organisieren. Während dieser bis dahin den Vorteil einer beständigen Unterstützung durch Washington genossen hat, macht der „asiatische“ Stab von Ronald Reagan sich Sorgen darum, dass die linke Opposition im Land zunehmend mobiler wird. Die Machtergreifung der „Kommunisten“ würde die Abwanderung des Landes aus dem Einflussbereich der Vereinigten Staaten nach sich ziehen und nebenbei die Schließung zweier Militärstützpunkte der US-Armee auf dem Archipel: die Clark Airforce Base und die Subic Bay Naval Station. Sie ermutigen Marcos, eine Partei aus seiner Opposition in die Regierung aufzunehmen – aber vergeblich, denn der alte Diktator ist überzeugt, dass er nie durch Ronald Reagan, der ihn wiederholte Male im Weißen Haus empfangen hat, „fallen gelassen“ wird. Er täuscht sich: Die drei Verantwortlichen für Asien entheben ihn der Macht und beenden die Diktatur zugunsten der katholischen Rechten und dem Opus Dei.

Diese Episode enthüllt nicht die Vorliebe Washingtons für demokratische Regierungen. Sie erlaubt einzig die Feststellung, dass das Pentagon und das Außenministerium bereit sind, die Einrichtung eines demokratischen Regimes zu unterstützen, wenn durch die Fortdauer einer Diktatur riskiert wird, dass „Kommunisten“ die Kontrolle des Landes übernehmen. In diesem Fall wählte Wolfowitz nicht eine prodemokratische Strategie, sondern eine antikommunistische.

Symptomatisch wird der philippinische Einsatz sofort lebhaft kritisiert von Henry Kissinger; er stellt den Umschwung der Vereinigten Staaten gegenüber Marcos, einem seit langer Zeit treuen Verbündeten der Vereinigten Staaten, in Frage. Ihm zufolge könnte ein solches „Fallenlassen“ eine Destabilisierung anderer autoritärer Regierungen nach sich ziehen, wie Südkorea, Thailand oder abermals Indonesien. Wolfowitz stellt im Gegenzug fest, dass die Vereinigten Staaten nicht der UdSSR ihren Autoritarismus vorwerfen und gleichzeitig in ihrem eigenen Lager undemokratische Länder tolerieren könnten. Was der US-Diplomat hier vorzuschlagen scheint, ist eine totale Wende der Außenpolitik der USA zur „Förderung der Demokratie“ als Ausgangspunkt. Daraus wird offensichtlich nichts. Nur die instabilen autoritären Regimes werden ersetzt – und nicht notwendigerweise durch Demokratien. Als guter Garant für regionale Stabilität wird Wolfowitz übrigens bis zum Ende der zweiten Amtszeit Ronald Reagans zum Botschafter der Vereinigten Staaten in Indonesien ernannt.

Rückkehr in den Irak

Die Machtübernahme von George H. W. Bush führt Wolfowitz nach Washington zurück auf denselben Posten wie zu Beginn der Ära Reagan: Staatssekretär im Verteidigungsministerium, beauftragt insbesondere mit Fragen der Abrüstung, des Nahen Ostens und des Persischen Golfs. Er nimmt dort wieder die Arbeit auf, die er unter Jimmy Carter ausgeführt hat, als er eine Beurteilung der Fähigkeiten der Vereinigten Staaten zur Verteidigung der saudischen Ölfelder anfordert. Diesmal wird die Wahrscheinlichkeit einer sowjetischen Intervention ausgeschlossen; man konzentriert sich auf die regionalen Mächte, unter denen der Irak an erster Stelle rangiert.

Es ist so gut wie sicher, dass die Strategie der Vereinigten Staaten, die darin bestand, Saddam Husseins Regime zur Invasion Kuweits zu bewegen, teilweise von Wolfowitz ausgearbeitet worden ist. Das Ziel einer solchen Taktik ist klar: Sie erlaubte der Armee der Vereinigten Staaten, sich in der Region und besonders in Saudi-Arabien massiv auszubreiten, aber auch die durch Bagdad mit Zustimmung Washingtons im Laufe der letzten fünfzehn Jahre akkumulierte Macht zu zerstören. Mehrere Elemente erlauben es, Wolfowitz’ Beteiligung an der Ausarbeitung eines solchen Szenarios in Betracht zu ziehen: Zum einen erlaubte ihm seine Stellung im Pentagon die Teilhabe an solchen Entscheidungen; zum anderen war die Entsendung von Truppen der Vereinigten Staaten in die Region seit langem eins seiner Hauptanliegen. Schließlich hat Dennis Ross von einer beunruhigenden Angelegenheit erzählt: Im Laufe einer Reise, die er zu jener Zeit in die Region unternahm, wurden dem überraschten Ross von seinem Reisepartner James Baker Dokumente gezeigt, die die (später komplett bestrittene) Hypothese eines irakischen Angriffs auf Saudi-Arabien glaubhaft machten. Nun kannte Ross sie aber auch schon: Es handelte sich um eine einfache Aktualisierung seiner eigenen Arbeiten vom Ende der 1970er Jahre für die Limited Contingency Study von Wolfowitz.

Die Stellungnahmen des Staatssekretärs im Verteidigungsministerium sind übrigens extrem deutlich: Mit Saddam Hussein soll über den Rückzug der irakischen Truppen aus Kuweit nicht verhandelt werden, stattdessen solle von diesem Glückfall durcht die Zerstörung des Landes profitiert werden. Mit Richard Cheeney arbeitet er sogar an den Details eines Angriffsplans, der von Henry S. Rowen, einem Mitglied der Stanford Business School und des Hoover Institutes, als Alternative zum Plan des Generals Colin Powell, zu der Zeit Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs, und General Norman Schwarzkopf, verfasst worden war. Der Nutzen dieses Plans, der die Entsendung von Truppen von Saudi-Arabien in die Gegend von Bagdad vorsieht, um Saddam Hussein zum Rückzug aus Kuweit zu zwingen, war die Zusicherung, Israel gegen mögliche ballistische Angriffe zu schützen. Er wird schließlich verworfen. Abgelehnt wird bei Kriegsende auch die von Wolfowitz vertretene Position, die Auseinandersetzung fortzusetzen, auch wenn die Ziele erreicht sind. Diesmal ist es der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs Colin Powell, der den Fall gewinnt, indem er ausführt, dass die Vereinigten Staaten „im Begriff sind, Tausende von Menschen zu töten“, berichtet James Baker in seinen Memoiren.

Die „verfrühte“ Waffenruhe ist eine enorme Enttäuschung für Wolfowitz, der – wie einige darlegen – empfahl, die Truppen bis nach Bagdad zu schicken. Am Ende der 1990er wird er behaupten, dass die Fortsetzung des Kampfes vielleicht einen Staatsstreich begünstigt hätte und damit den Sturz von Saddam Hussein. Er zieht, für jede Sachlage, eine politische Lehre aus dieser Episode: In Zukunft wird er das Militär besser kontrollieren müssen, wenn er seine strategischen Ziele erreichen will.

Eine neue Weltordnung

Der Fall der Sowjetunion zwischen 1989 und 1990, der zu einer weltweiten Umgruppierung der US-Streitkräfte führen muss, schafft für die Neokonservativen und Paul Wolfowitz Raum für den Entwurf einer neuen Doktrin. Die Verantwortlichen für die Verteidigung der Vereinigten Staaten müssen jetzt, wo der Hauptfeind zusammengebrochen ist, vor dem Kongress die Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der Militärausgaben begründen. Wolfowitz und Powell entwickeln, trotz früherer Gegnerschaft, zusammen die Vorstellung einer notwendigen Minimaleingriffstruppe der US-Armee, um jeder möglichen Bedrohung begegnen zu können.

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Aber das Wesentliche der Doktrin Wolfowitz wird 1992 im Rahmen der Defense Planning Guidance ausgearbeitet. Dieses Papier, das Richard Cheney, damals Verteidigungsminister, angefordert hat, ist in Wahrheit von Zalmay Khalilzad, dem Assistenten von Scooter Libby im Pentagon, verfasst worden auf der Grundlage von Zusammenkünften, an denen Richard Perle, Andrew Marshall, Paul Wolfowitz oder auch Albert Wohlstetter abwechselnd beteiligt waren. In dem Dokument, das der Presse zugespielt wurde, benennen die Autoren eine neue „Weltordnung […] letztlich von den Vereinigten Staaten getragen“, in der die einzige Supermacht nur konjunkturelle Bündnisse, in Abhängigkeit von den jeweiligen Konflikten, eingehen würde. Die UN und die NATO würden mehr und mehr aufs Abstellgleis verschoben. Noch weitgehender untermauert die Wolfowitz-Doktrin theoretisch die Notwendigkeit, das Aufsteigen jedes potentiellen Konkurrenten um die Hegemonie der Vereinigten Staaten zu blockieren, besonders die „industriell fortgeschrittenen Nationen“ wie Deutschland und Japan. Insbesondere die Europäische Union ist im Visier: „Obwohl die Vereinigten Staaten das Projekt der europäischen Integration unterstützen, müssen wir Sorge tragen, dem Entstehen eines rein europäischen Sicherheitssystems zuvorzukommen, das die NATO und speziell ihre integrierte militärische Kommandostruktur untergraben würde.“ So wird man die Europäer auffordern, in den Vertrag von Maastricht eine Klausel aufzunehmen, durch die ihre Verteidigungspolitik der NATO untergeordnet wird [6], während der Pentagon-Bericht die Integration der neuen zentral- und osteuropäischen Staaten in die Europäische Union empfiehlt, damit ihnen die Vorteile eines Militärabkommens mit den Vereinigten Staaten zugute kommen, das sie gegen einen möglichen russischen Angriff schützt [7].

Nach dem Skandal durch die vorzeitige Veröffentlichung des Dokuments trennt sich Paul Wolfowitz für eine Weile von seinem Entwurfsgremium, bis ihn die Unterstützung von Dick Cheney für Khalilzad davon überzeugt, sich wieder zu beteiligen. In Wahrheit wird der Assistent von Wolfowitz, Scooter Libby, der die zweite Fassung des Berichts übernehmen wird, noch weiter gehen. Während er es vermeidet, die Europäische Union namentlich zu nennen, begründet er ausdrücklich die Notwendigkeit für die Vereinigten Staaten, eine solche militärische Überlegenheit zu erlangen, dass sie alle aufsteigenden Mächte von dem Versuch, damit zu konkurrieren, abschreckt.

Die Machtübernahme von Bill Clinton 1992 schickt Paul Wolfowitz zurück zu seinen geliebten Studien. Er nimmt seine Stelle an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies wieder auf, wo er seine Theorie über die Verpflichtung der Vereinigten Staaten entwickelt, sich eine „strategische Tiefe“ zu bewahren – ein Euphemismus, der darauf zurückverweist, die einzige Supermacht der Welt zu sein. 1996 wird er von David Rumsfeld, der die Präsidentschafts-Wahlkampagne des republikanischen Kandidaten Bob Dole leitet, als Ideenlieferant auf dem Gebiet der Außenpolitik ausgewählt.

Aber er bleibt besessen vom Nahen Osten und dem Thema Irak. Nachdem er mehrfach bedauert hat, dass die US-Armee nicht länger auf irakischem Boden geblieben ist, um Saddam Hussein zu stürzen, schreibt er 1997 einen Artikel mit der Überschrift „Die Vereinigten Staaten und der Irak“, in dem er die Einsetzung einer neuen Regierung in Bagdad empfiehlt, ohne zu präzisieren, wie er das hinbekommen will [8]. Am Jahresende geht er noch weitet, indem er einen Artikel im Weekly Standard, einer Zeitschrift der Neokonservativen, zusammen mit Zalmay Khalilzad unterzeichnet. Der Titel spricht mit Bezug auf den irakischen Diktator für sich: „Stürzt ihn“ [9]. In jener Zeit entwickelt Wolfowitz seine persönliche Vision eines geglückten Umsturzes, der durch bewaffnete Unterstützung im Süden des Landes ablaufen würde, da er – wie er versichert – doch lieber mit den oppositionellen Schiiten als mit den Kurden arbeitet. Er beschwört die Notwendigkeit herauf, alle widerspenstigen Verbündeten zu vereinen, deren Zögern er durch den Mangel an Entschlossenheit der Clinton-Regierung erklärt. Der Machtantritt einer Mannschaft von „Falken“ wäre bei dieser Zurückhaltung richtig – um so mehr als, ihm zufolge, Russland und Frankreich sich leicht durch „den Wind des Öls“ überzeugen lassen würden.

Wenn diese Voraussagen sich auch als falsch erwiesen haben, so erhalten Wolfowitz’ Bestrebungen doch in den Vereinigten Staaten ihren Segen, als 1998 zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der Republikanischen Partei sich um das Projekt für ein neues amerikanisches Zeitalter sammeln, wofür eine der vorrangigen Forderungen die Absetzung Saddam Husseins ist. Genau zu diesem Zeitpunkt wird Wolfowitz eingeladen, am Congressional Policy Advisory Board teilzunehmen, das durch Martin Anderson in der Republikanischen Partei eingerichtet wurde, um die Ausarbeitung einer neokonservativen Außenpolitik zu ermöglichen – mit finanzieller Unterstützung des Hoover Institutes, der Fondation Heritage und des American Entreprise Institute. Donald Rumsfeld und Dick Cheney sind dort regelmäßige Teilnehmer, während Colin Powell sich ebenso wie Richard Armitage bewusst zurückzieht.

Wolfowitz bleibt im Rennen. Ebenfalls in 1998 nimmt er teil an der von Donald Rumsfeld geleiteten Untersuchungskommission des Kongresses für die Möglichkeit eines ballistischen Angriffs auf die Vereinigten Staaten. Nach dem Modell des „Team B“, das Mitte der 1970er Jahre durch George H. W. Bush (sen.) eingerichtet worden war, hat dieser Ausschuss die von den Nachrichtendiensten gelieferten Angaben zu überprüfen und gegebenenfalls eine unterschiedliche Interpretation vorschlagen. Die Gesamtheit der US-Geheimdienste hatte 1995 tatsächlich beschlossen, dass keine Macht außer den erklärten nuklearen Staaten das Territorium der Vereinigten Staaten vor Ablauf von fünfzehn Jahren mit einer Rakete treffen könne. Daher war es Sache des militärisch-industriellen Komplexes der Vereinigten Staaten und insbesondere der Parteigänger eines Raketen-Abwehrschirms mit Paul Wolfowitz und Newt Gringrich in der vordersten Reihe, solche optimistischen Einschätzungen in Frage zu stellen. Die Kommission macht ihre Arbeit perfekt: Donald Rumsfeld gelingt es, die Unterstützung der drei demokratischen Mitglieder des Ausschusses zu gewinnen, besonders die von Richard Garwin, der offiziell ein Gegner des Raketenschildes ist.

Die Kommission verschafft somit der Idee einer realistischen Bedrohung durch einen ballistischen Schlag aus Richtung Nordkorea, Iran und Irak, Glauben. 1999 – immer im Rahmen des Projekts für ein neues amerikanisches Zeitalter – unterzeichnet Wolfowitz eine Petition zugunsten Taiwans, das dem Wortlaut zufolge im Falle einer chinesischen Aggression den Schutz der Vereinigten Staaten genießen dürfe.

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Paul Wolfowitz (links) mit Donald Rumsfeld und George W. Bush

Da er eine Schlüsselfigur der Neokonservativen geworden ist, wird Wolfowitz im Herbst 1998 von George W. Bush (jun.) als Berater in außenpolitischen Fragen eingestellt, an der Seite einer dem republikanischen Kandidaten sehr nahe stehenden Persönlichkeit, Condoleezza Rice. Mit ihr stellt er das Team der „Vulkanier“ auf mit Bezug auf den römischen Gott, der göttliche Waffen in den Tiefen der Vulkane schmiedet. Die auf internationale Beziehungen spezialisierte Gruppe umfasst acht Mitglieder: Rice und Wolfowitz natürlich, aber auch Richard Armitage, Richard Perle, Dov Zackheim [10], Stephen Hadley, Robert Blackwill und Robert Zoellick. Gleichzeitig wird eine zweite Mannschaft, durch Rumsfield geführt, während der zweiten Wahlkampagne von George W. Bush geschaffen mit dem Ziel, das Projekt des Raketenabwehrschirms zu fördern. In ihr finden sich mehrere Vulkanier (Rice, Wolfowitz, Hadley und Perle), aber auch externe Personen wie George Shultz oder Martin Anderson.

Paul Wolfowitz’ hohes Ausmaß an Mitwirkung in der Präsidentschaftskampagne von George W. Bush – die er zusammen mit Condoleezza Rice vor der Fernsehdebatte mit Al Gore bekannt gibt – verdient nach dem endgültigen Sieg eine Belohnung. Durch die Rückkehr des „Pentagon-Kindes“ in sein Zuhause – diesmal als Nummer zwei – wird sie konkret.

Übersetzung
Sabine

[1] Siehe „Skull & Bones, die Elite des Imperiums“, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 16. April 2014.

[2] Leo Strauss hat nicht nur Neokonservative wie William Kristoll, William Bennett, Paul Wolfowitz oder Francis Fukuyama beeinflusst. William Galston, einer der Intellektuellen der Clinton-Regierung, hat wie Wolfowitz die Kurse von Bloom in Cornell, dann die von Strauss in Chicago besucht.

[3] Interview mit James Mann, zitiert in: Rise of the Vulcans – The History of Bush’s War Cabinet, von James Mann, Viking, 2004.

[4] Siehe „Les marionnettistes de Washington“ von Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 13 novembre 2002.

[5] Siehe: Affaires atomiques, von Dominique Lorentz, Éditions les arènes, 2001.

[6] „Die Politik der Union nach diesem Artikel berührt nicht den besonderen Charakter der Sicherheits- und Verteidigungspolitik bestimmter Mitgliedstaaten; sie achtet die Verpflichtungen einiger Mitgliedstaaten aus dem Nordatlantikvertrag und ist vereinbar mit der in jenem Rahmen festgelegten gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.“ In: Vertrag von Maastricht, Titel V, Artikel J4, Paragraph 4.

[7] Der Fall wurde aufgedeckt in: „US Strategy Plan Calls For Insuring No Rivals Develop“ von Patrick E. Tyler, in: New York Times vom 8. März 1992. Die Tageszeitung veröffentlichte gleichzeitig zwei lange Auszüge auf Seite 14: „Excerpts from Pentagon’s Plan: ‚Prevent the Re-Emergence of a New Rival‘“. Zusätzliche Informationen werden gegeben in: „Keeping the US First, Pentagon Would preclude a Rival Superpower“ von Barton Gellman, in: The Washington Post vom 11. März 1992.

[8] „The United States and Irak“, von Paul Wolfowitz, in: The Future of Iraq, ed. John Calabrese, Middle East Institute, 1997.

[9] „Overthrow him“, von Zalmay Khalilzad und Paul Wolfowitz, Weekly Standard, 1. Dezember 1997.

[10] „Dov Zakheim, la caution du Pentagone“, von Paul Labarique, Réseau Voltaire, 9 septembre 2004.