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Iran muss sich darauf vorbereiten, einen nuklearen Angriff abzuwehren

Für General Leonid Ivashov, früherer Generalstabschef der Armeen der Russischen Föderation, besteht kein Zweifel, dass die Bush-Administration atomare Angriffe gegen den Iran plant und dass das Pentagon in den nächsten Wochen in der Lage sein wird sie auszuführen. Es besteht auch kein Zweifel, dass die USA sich nicht von den anderen Atommächten davon abbringen lassen werden und nur einen konventionellen Gegenschlag befürchten müssen. Es bleibt indessen unklar, ob der US-Kongress den Krieg genehmigen wird.

| Moskau (Russland)
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In dem gesamten Informationsfluss, der vom Nahen Osten kommt, sind immer häufiger Berichte, die darauf hinweisen, dass die USA innerhalb der nächsten Monate Nuklearschläge gegen Iran ausführen werden. Zum Beispiel schrieb gemäss gutinformierten, aber nicht mit Namen genannten Kreisen, die kuwaitische «Arab Times», dass die USA planen, noch vor Ende April 2007 auf iranisches Territorium eine Raketen- und Bombenattacke auszuführen. Der Angriff wird vom Meer her erfolgen und vom Patriot-Raketenabwehrsystem unterstützt werden, damit eine Bodenoffensive vermieden werden kann und die Wirksamkeit eines Gegenangriffs «irgendeines Staates des Persischen Golfes» vermindert wird. «Irgendein Staat» bezieht sich meistens auf den Iran. Die Quelle, welche die Information der kuwaitischen Zeitung lieferte, glaubt, dass die US-Streitkräfte im Irak und in anderen Ländern der Region durch die grenznahen Patriot-Raketen gegen alle möglichen iranischen Raketenangriffe verteidigt werden können. Somit haben die Vorbereitungen für eine neue US-Aggression die Abschlussphase erreicht. Die Exekutionen von Hussein und seinen engsten Verbündeten waren ein Teil dieser Vorbereitungen. Sie dienten den Bestrebungen der US-Strategen als «Tarnoperation», um die Situation sowohl um Iran herum als auch im ganzen Nahen Osten absichtlich eskalieren zu lassen.

Analysiert man die Folgen dieser Tat, sieht man zunächst, dass die USA befohlen haben, den früheren irakischen Führer und seine Verbündeten zu hängen. Dies zeigt, dass die USA einen unumkehrbaren Plan der Teilung des Irak in drei kriegführende Pseudostaaten – einen schiitischen, einen sunnitischen und einen kurdischen – beschlossen haben. Washington kalkuliert, dass die Situation eines kontrollierten Chaos dabei helfen wird, die Versorgung mit Erdöl aus dem Persischen Golf und andere strategisch wichtige Transportrouten für das Öl zu beherrschen.

Der wichtigste Aspekt in dieser Sache ist, dass im Herzen des Nahen Ostens eine Zone mit einem endlosen blutigen Konflikt geschaffen wird und dass die Nachbarländer des Irak – Iran, Syrien, Türkei (Kurdistan) – zwangsläufig mit hineingezogen werden. Dies wird die Aufgabe der völligen Destabilisierung der Region lösen; eine Aufgabe von allergrösster Wichtigkeit für die USA und besonders für Israel. Der Krieg im Irak war nur ein Element einer ganzen Abfolge von Schritten in dem Prozess der Destabilisierung der Region. Es war nur eine Phase im Prozess, dem Ziel näherzukommen, mit Iran und anderen Ländern, die die USA zu Schurkenstaaten erklärt haben oder erklären werden, fertigzuwerden. Dennoch ist es nicht einfach für die USA, jetzt in eine weitere militärische Kampagne verwickelt zu werden, während der Irak und Afghanistan nicht «befriedet» sind. (Den USA fehlen die nötigen Ressourcen für eine solche Operation.)

Ausserdem verstärken sich auf der ganzen Welt die Proteste gegen die Politik der Washingtoner Neocons. Auf Grund des bisher Gesagten werden die USA Atomwaffen gegen den Iran einsetzen. Dies wird nach dem US-Angriff auf Japan 1945 der zweite Fall einer Anwendung von Atomwaffen in einem militärischen Konflikt sein. Seit Oktober 2006 haben das israelische Militär und politische Kreise offen über die Möglichkeit eines atomaren Schlages und Raketenangriffes gegen Iran gesprochen, und die Idee wurde von G. Bush sofort unterstützt. Zurzeit wird diese Idee als «Notwendigkeit» eines atomaren Schlages verkauft. Der Öffentlichkeit wird beigebracht zu glauben, dass solch eine «Möglichkeit» nichts Absurdes ist und dass doch solch ein Atomschlag durchaus machbar sei. Es gebe keinen anderen Weg, Iran zu «stoppen». Wie werden die anderen Atommächte reagieren? Im Falle von Russland wird es im besten Fall darauf hinauslaufen, dass es sich darauf beschränkt, die Atomschläge zu verurteilen, und im schlimmsten Fall – wie im Falle der Aggression gegen Jugoslawien – wird die Antwort so etwas sein wie «obwohl die USA einen Fehler gemacht haben, hat das Opfer diesen Angriff selbst provoziert».

Europa wird im Prinzip genauso reagieren. Möglicherweise wird die Negativreaktion von China und verschiedenen anderen Staaten auf die atomare Aggression stärker sein. In jedem Fall wird es keinen atomaren Vergeltungsschlag auf die US-Streitkräfte geben (da sind sich die USA absolut sicher). Die Uno hat in diesem Zusammenhang keinerlei Bedeutung. Nachdem der Uno-Sicherheitsrat versagt hatte, die Aggression gegen Jugoslawien zu verurteilen, war er praktisch mitverantwortlich dafür. Diese Institution ist nur in der Lage, Resolutionen zu verabschieden, welche die russische und auch die französische Diplomatie als ein Verbot des Einsatzes von Gewalt verstehen, die amerikanischen und britischen Diplomaten dies aber im genau entgegengesetzten Sinn interpretieren, nämlich als Billigung ihrer Aggression. Was Israel betrifft, ist sicher, dass es von iranischen Raketenangriffen betroffen sein wird. Möglicherweise wird der Widerstand der Hizbollah und der Palästinenser stärker werden. Sich als Opfer verhaltend werden die Israeli provozieren, um ihre Aggression zu rechtfertigen, und einige ertragbare Schäden erleiden. Danach werden die empörten USA Iran endgültig destabilisieren und so hinstellen, als sei dies noch eine noble Vergeltungsmission.

Einige Leute tendieren dazu, zu glauben, dass Bedenken auf Grund weltweiter Proteste die USA stoppen können. Ich glaube dies nicht. Die Wichtigkeit dieses Faktors sollte nicht überschätzt werden. In der Vergangenheit habe ich in stundenlangen Gesprächen versucht, Milosevic davon zu überzeugen, dass die Nato dabei sei, einen Angriff auf Jugoslawien vorzubereiten. Für eine lange Zeit konnte er dies nicht glauben. Er blieb dabei, mir zu erklären: «Lies doch nur die UN- Charta. Welche Gründe werden sie haben, dies zu tun?» Aber sie taten es. Sie ignorierten das Internationale Recht schändlichst und taten es. Was haben wir heute? Ja, es war ein Schock. Man war empört. Aber das Ergebnis war genau das, was die Aggressoren haben wollten – Milosevic ist tot, Jugoslawien ist aufgeteilt, und Serbien ist eine Kolonie – Nato- Offiziere haben im Verteidigungsministerium des Landes ihr Hauptquartier eingerichtet.

Gleiches passierte mit dem Irak. Es gab einen Schock, und man war empört. Aber was die USA heute beschäftigt, ist nicht die Frage, wie gross der Schock ist, sondern wie gross die Einkünfte ihres militärisch-industriellen Komplexes sind. Die Information, dass ein zweiter US- Flugzeugträger im Persischen Golf bis Ende Januar ankommen wird, erlaubt es, die mögliche Entwicklung der Kriegssituation zu analysieren. Beim Angriff auf Iran werden die USA atomare Waffen vor allem aus der Luft einsetzen. Cruise Missiles (mit denen sowohl Flugzeugträger als auch Schiffe und U-Boote bestückt sind) und möglicherweise ballistische Raketen werden eingesetzt werden. Vielleicht werden den atomaren Schlägen Luftangriffe, die von den Flugzeugträgern aus geflogen werden, und andere Angriffe folgen.

Das US-Kommando versucht, eine Bodenoperation auszuschliessen: Iran hat eine starke Armee, und die US-Streitkräfte würden wahrscheinlich massive Verluste erleiden. Dies ist für Bush, der sich sowieso schon in einer schwierigen Situation befindet, nicht akzeptabel. Es sind auch keine Bodentruppen nötig, um die Infrastruktur Irans zu zerstören, die Entwicklung des Landes zurückzudrehen, eine Panik zu erzeugen und ein politisches, ökonomisches und militärisches Chaos zu erzeugen. Dies kann in der Weise erreicht werden, indem zuerst nukleare und anschliessend konventionelle Mittel der Kriegsführung eingesetzt werden. Dies ist der Zweck der Verlegung des Flugzeugträgerverbands in die Nähe der iranischen Küste.

Welche Mittel der Selbstverteidigung hat Iran? Sie sind beachtlich, aber verglichen mit den US-Streitkräften sind sie viel schwächer. Iran hat 29 russische Tor-Systeme, die ganz bestimmt eine wichtige Verstärkung der iranischen Luftabwehr sind. Jedoch zurzeit hat Iran keinen gesicherten Schutz vor Luftangriffen. Die Taktik der USA wird die gleiche sein wie üblich: Als erstes werden die Luftabwehr und die Radaranlagen ausgeschaltet. Danach werden, ohne ein Risiko einzugehen, die Flugzeuge in der Luft und auf dem Boden, die Kontrollinstallationen und die Infrastruktur angegriffen.
Von jetzt [24.1.07] ab werden wir in den nächsten Wochen sehen, dass die Informationskriegsmaschinerie mit ihrer Arbeit beginnen wird. Es wird eine wachsende antiiranische militaristische Hysterie, neue Informationslecks, Desinformation usw. geben. Zur gleichen Zeit wird alles, was bisher ausgeführt wurde, für die prowestliche Opposition und für einen Teil von Mahmoud Ahmadinejads Elite ein Signal sein, sich für die kommenden Entwicklungen bereitzumachen. Die USA hoffen, dass ein Angriff auf Iran unvermeidlich im Land zum Chaos führen wird und dass es möglich sein wird, einige iranische Generäle zu bestechen, um so im Land ein fünfte Kolonne zu schaffen.

Natürlich ist Iran ganz anders als der Irak. Aber, falls der Aggressor zwischen den zwei Gruppierungen des iranischen Militärs – den islamischen Revolutionsgarden und der Armee – mit Erfolg einen Konflikt erzeugt, wird sich das Land in einer kritischen Situation wiederfinden, insbesondere, wenn es die USA am Anfang ihres Feldzugs schaffen sollten, die iranische Führerschaft auszuschalten und einen atomaren Angriff oder einen massiven Schlag konventioneller Art gegen das zentrale Kommando des Landes auszuführen.

Heute ist die Wahrscheinlichkeit eines US-Angriffs gegen Iran extrem hoch. Es bleibt indessen unklar, ob der US-Kongress den Krieg genehmigen wird. Es bedarf vielleicht einer Provokation, um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen (zum Beispiel einen Angriff auf Israel oder Ziele in den USA, einschliesslich der Militärbasen). Das Ausmass dieser Provokation könnte mit dem des Angriffs vom 11.9. in New York vergleichbar sein. Dann wird der Kongress dem Präsidenten sicherlich zustimmen und ja sagen.

Übersetzung aus dem Französischen: Zeit-Fragen

General Leonid Iwashow

General Leonid Iwashow General Leonid Iwashow ist Vize-Präsident der Akademie für geopolitische Angelegenheiten. Er war Chef der Abteilung für Allgemeine Angelegenheiten im Verteidigungsministerium der Sowjetunion, Sekretär des Rates der Verteidigungsminister der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), Chef des Departements für militärische Zusammenarbeit beim Verteidigungsministerium der Russischen Föderation und Generalstabschef der russischen Armeen.

 

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