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Augenzeugenbericht

Das Blutbad von Sorman

Dieses Mal schickt uns Thierry Meyssan nicht eine kalte Analyse der geopolitischen Entwicklung. Er erzählt Tatsachen die er miterlebt hat: die Geschichte seines Freundes Khaled K. Al-Hamedi. Eine Geschichte voller Schrecken und Blut, in der die NATO die Rückkehr der Barbarei verkörpert.

| Tripolis (Libyen)
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Die International Organization for Peace, Care and Relief (IOPCR) ist besonders tätig in Algerien, im Iran, im Sudan und in Palästina. Sie bringt Opfern natürlicher Katastrophen und bewaffneter Konflikte Hilfe. Ihr vorbildliches Handeln in Gaza und in Cisjordanien ist von allen begrüßt. Hier erhält Khaled el-Hamedi die Tapferkeitsmedaille aus der Hand des Premierminister Ismail Haniyeh. Er ist in gleicher Weise von Mahmoud Abbas dekoriert worden.

Es war ein Familienfest auf lybische Art. Alle waren gekommen, um den dritten Geburtstag des kleinen Al-Khweldy zu feiern. Grosseltern, Brüder und Schwestern, Vetter und Basen, alle versammelten sich im Familiengut der Sorman, 70 Kilometer im Westen der Hauptstadt gelegen: ein großer Park in dem die kleinen Villen, bescheidene, auf gleicher Ebene gebauten Häuser der Einen und der Anderen gebaut sind.

Kein unnutzer Luxus, aber die Einfachheit der Menschen der Wüste. Eine friedliche und vereinte Stimmung. Der Großvater, Marschall Al-Khweldy Al-Hamedi, züchtete dort Vögel. -Er ist ein Held der Revolution, an der er teilgenommen hat die Monarchie zu stürzen und dann an der Befreiung des Landes von der Ausbeutung als Kolonie. Alle sind stolz auf ihn. – Der Sohn, Khaled Al-Hamedi, Präsident der IOPCR, einer der wichtigsten arabischen Wohltätigkeitsvereine züchtete hier Rehe. Drei Dutzend Kinder liefen in allen Richtungen inmitten der Tiere.

Man bereitete sich auch für die Hochzeit des Bruders Mohammed vor, der zur Front gezogen ist, um die fremdländischen, von der NATO kommandierten Söldner zu bekämpfen. Die Zeremonie sollte auch hier in wenigen Tagen statt finden. Seine Verlobte war glückstrahlend.

Niemand hatte bemerkt, dass sich unter den Gästen ein Spion eingeschlichen hatte. Er tat so, als ob er Twitter an seine Freunde abschickte. In Wirklichkeit war er dabei, Baken zu setzen und sie per Sozialem Netz an das NATO-Hauptquartier schickte.

Am nächsten Tag, in der Nacht vom 19. zum 20. Juni 2011, gegen 2h30 früh, kommt Khaled nach Hause, nachdem er Landsleute, die vor den alliierten Bombardierungen geflohen sind, besucht und gepflegt hatte. Er ist ziemlich nahe seinem Haus und hört das typische Pfeifen der Raketen und ihrer Explosionen.

Die NATO schießt acht Stück, je 900kg schwer. Der Spion hatte die Baken in den verschiedenen Häusern versteckt. In den Kinderschlafzimmern. Die Raketen haben innerhalb weniger Sekunden eingeschlagen. Die Grosseltern haben Zeit gehabt, ihr Haus zu verlassen bevor es zerstört wurde. Es war schon zu spät, um die Kinder und Enkel zu retten. Als die letzte Rakete in ihre Villa einschlug, hat der General den Reflex gehabt, seine Gattin mit seinem Körper zu schützen. Sie waren gerade dabei, die Schwelle des Hauses zu verlassen und wurden durch den Luftdruck der Explosion 15 Meter weit geschleudert. Sie haben es überlebt.

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Das von der NATO bombardierte Familienhaus der Al-Hamedi
© Franklin Lamb / Netzwerk Voltaire

Als Khaled ankommt herrscht tiefe Betrübnis. Seine heiß geliebte Frau und das Kind, das sie erwartete waren verschwunden. Seine Kinder, für die er alles gegeben hätte, sind durch die Explosionen und den Einsturz des Plafonds zermalmt worden.

Die Villen sind nur mehr Ruinen. Zwölf zerrissene Körper liegen unter den Trümmern. Die durch Splitter getroffenen Rehe siechen in ihrer Koppel.

Die hergelaufenen Nachbarn suchen still Lebenszeichen in dem Schutt. Aber es gibt keine Hoffnung. Die Kinder hatten nicht die geringste Chance den Raketen zu entkommen. Man zieht eine Leiche eines geköpften Kindes heraus. De Großvater zitiert Koranverse. Seine Stimme bleibt stark. Er weint nicht, der Schmerz ist zu groß.

In Brüssel haben die Sprecher der NATO erklärt, den Sitz einer pro-Kadhafi Miliz bombardiert zu haben, um die Zivilbevölkerung vor dem Tyrannen zu schützen.

Niemand weiß wie die Sache vom Zielkomitee geplant war, noch wie der Generalstab dem Ablauf der Operation gefolgt hat. Die Atlantische Allianz, die aufgeputzten Generäle und die konformistischen Diplomaten haben beschlossen die Kinder der Familien lybischer Leader zu ermorden, um ihren psychologischen Widerstand zu brechen.

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Khaled Al-Hamedi am Grab seiner Kinder und seiner Gattin.
© Franklin Lamb / Netzwerk Voltaire

Seit dem XIII. Jahrhundert verbieten europäische Theologen und Juristen den Mord von Familien. Das ist selbst ein Fundament der christlichen Zivilisation. Kaum jemand anderer als die Mafia wagt es, sich über dieses absolute Tabu hinwegzusetzen. Die Mafia, und jetzt die NATO.

Am 1. Juli, als 1,7 Millionen Menschen in Tripolis demonstrierten, um ihr Land gegen die ausländische Aggression zu verteidigen, ist Khaled an die Front gegangen, um den Flüchtlingen und Verletzten Hilfe zu bringen. Sniper erwarteten ihn dort. Sie haben versucht ihn zu erschießen. Er ist schwer verletzt worden, aber nach Ärzteaussagen sind seine Tage nicht in Gefahr.

Die NATO ist mit ihrer widerlichen Arbeit noch nicht fertig.

Übersetzung
Horst Frohlich

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