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Westliche Propaganda gegen die Türkei

Während sie vorgibt, die Türkei zu schützen, verbirgt die westliche Propaganda jedoch ihre Hilferufe. Das Problem ist absolut nicht der Zusammenstoß mit der russischen Armee in Idlib, noch das Schicksal der Familien der Dschihadisten, es ist viel ernster. Die Welt ist grausam. Man kann den gefährdeten Bevölkerungsgruppen nicht zur Hilfe kommen, indem man die Augen verschließt.

| Damaskus (Syrien)
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« Le Monde »: SYRIEN: GEFÂHRLICHE ESCALADE IN IDLIB
- „Mindestens 33 türkische Soldaten wurden am Donnerstag (27. Februar) in Idlib im Nordwesten Syriens von Baschar al-Assads Truppen getötet, die von der russischen Luftwaffe unterstützt wurden.
- Ankara hat als Vergeltung syrische Stellungen bombardiert und droht den Europäern, einen Zustrom von Flüchtlingen in den Westen zuzulassen
- Fast 900.000 Menschen, davon 80 Prozent Frauen und Kinder, sind seit Dezember 2019 vor den Kämpfen in der Region Idlib geflohen“.

Laut der westlichen Presse verschärft sich der Ton zwischen den türkischen und russischen Streitkräften und schürt die Angst vor einer "gefährlichen Eskalation um Idlib". Die Art und Weise, wie sie mit diesem Thema umgeht, steht in völligem Widerspruch zu dem, was die Akteure sagen. Dieser Widerspruch ist eine Gelegenheit für uns, unsere Analysemethode darzulegen. Um uns verständlich zu machen, nehmen wir die "französische Referenztageszeitung" (sic), Le Monde, zum Beispiel.

Der deutsch-französische Standpunkt

In seiner Ausgabe vom 29. Februar 2020 hebt Le Monde drei Punkte hervor:
- "Baschar al-Assads Soldaten", die von der russischen Luftwaffe unterstützt wurden, haben 33 türkische Soldaten getötet;
- "Als Vergeltung" hat Ankara syrische Stellungen bombardiert und die Europäer bedroht;
- 900.000 Menschen sind in den vergangenen drei Monaten vor den Kämpfen geflohen.

In ihrem Leitartikel hebt die Tageszeitung eine Stellungnahme von 14 europäischen Außenministern hervor, darunter den Französischen und den Deutschen, in der "die syrische Regierung und ihre Verbündeten, Russen und Iraner, aufgefordert wird, ihre Offensive zu beenden und zum Wortlaut des im Rahmen des in Sotschi erzielten Waffenstillstandsabkommens von 2018 zurückzukommen."

Eine Desinformationsoperation

Mehrere Vorbemerkungen sind dabei zu beachten:
- Die syrischen Soldaten sind nicht jene von Baschar al-Assad, sondern der Arabischen Republik Syrien. Präsident al-Assad ist sicherlich ihr Oberbefehlshaber, nicht in seinem persönlichen Namen, sondern als von einer überwältigenden Mehrheit seiner Mitbürger demokratisch gewählter Präsident. Es würde keinem Journalisten einfallen, die französische Armee als "Emmanuel Macrons Armee" zu bezeichnen.
- Die 33 getöteten türkischen Soldaten waren nicht der Ursprung der Krise. Diese begann am 1. Februar mit der Ermordung von vier in einen türkischen Hinterhalt geratenen russischen FSB-Offizieren in Aleppo; ein Ereignis, über das die Tageszeitung nie berichtet hat, das aber in der russischen Presse Schlagzeilen gemacht hat. Seitdem verstärkt die Türkei ihre Provokationen gegenüber Russland.
- Die Zahl von 900.000 Menschen, die vor den Kämpfen geflohen sind, ist vollkommen aus der Luft gegriffen. Seit Beginn des Krieges gegen Syrien (Mitte 2012, nach der Destabilisierung des "arabischen Frühlings"), produziert die westliche Presse erschreckende Zahlen, die durch die Fakten widerlegt sind. Während der Ghouta-Krise beispielsweise behauptete sie mit Dreistigkeit, dass die Zahl der in der Enklave gefangenen Leute zehnmal höher sei als die Zahl der Personen, die dann gerettet wurden, als die Dschihadisten kapitulierten. In Wirklichkeit ist es in einem Kriegsland unmöglich, statistische Daten zu erheben. Diese können erst dann erhoben werden, wenn der Frieden zurückgekehrt ist. Niemand ist heute in der Lage, die Bevölkerung im Gouvernement Idlib quantitativ zu bestimmen.

Als ob diese Propaganda nicht genug wäre, hebt der Leitartikel eine freie Presseerklärung der europäischen Minister hervor [1]. Der erste Punkt ist, dass es nur 14 Unterzeichner gibt, nicht 27. 13 weigerten sich, sich ihm anzuschließen. Darüber hinaus verzichteten die meisten Unterzeichner darauf, die Erklärung in ihre eigene Sprache zu übersetzen und sie zu Hause zu veröffentlichen, weil sie unzufrieden darüber waren, dass man sie unter Druck gesetzt hatte.

Diese Minister verlangen von Syrien, Russland und dem Iran, ihre Offensive zu beenden. Erstens nimmt der Iran an diesen Kämpfen nicht teil, aber diese Minister machen ihn mitverantwortlich und wenden sich an ihn. Zweitens fordern diese Minister Syrien auf, sein Territorium nicht von den ausländischen Dschihadisten zu befreien, die genau sie, die Europäer, noch vor kurzem unter dem Namen "gemäßigte Islamisten" militärisch unterstützten. Schließlich verweisen diese Minister auf den Waffenstillstand von Sotschi, der von der Türkei nie umgesetzt wurde. Er sah tatsächlich vor, dass sie die "syrische Opposition" von den Dschihadisten trennt, damit erstere geschützt und letztere bekämpft werden könnten. Aber hier wie anderswo scheint es keine "syrische Opposition" zu geben, sondern nur Dschihadisten.

Der Rest des Editorials ist eine Stellungnahme, die es uns ermöglicht, das simplifizierende Denken der Zeitung besser zu verstehen. Man spricht darin von "der Entschlossenheit der westlichen Demokratien, von [ihren] Werten und ihrer Fähigkeit, ihre Ambitionen in militärische Handlungen umzusetzen"; "von den USA, die ihre Hände des syrischen Problems in Unschuld gewaschen haben"; und von der Lähmung des Sicherheitsrates, in dem "Russland, oft mit der Unterstützung Chinas", "systematisch" sein Veto einlegt. Das heißt: Wir Europäer sind Heilige, die Vereinigten Staaten sind Pontius Pilatus, Russland und China sind die Bösen.

Übrigens wirft Le Monde der Türkei vor, zu drohen, "Flüchtlinge aus Syrien, von denen sie bereits 3,5 Millionen beherbergt, nicht länger festzuhalten", was falsch ist. Die Türkei hat damit gedroht, die Inhaftierung ihrer Flüchtlinge einzustellen, darunter nicht nur die der Syrer, sondern auch die von 800.000 Personen, die vor der Zerstörung Afghanistans und des Irak durch den Westen geflohen sind.

Schließlich endet der Leitartikel mit einer Rechtfertigung der französischen Position, die "endlich beginnt, das Verhalten der russischen Streitkräfte zu charakterisieren (...), wiederholte Kriegsverbrechen begangen zu haben, die auch die Lügen der syrischen Armee abdecken." Die Bevölkerungen, die seit acht Jahren die Dschihadisten, "gemäßigte" Kannibalen (sic) und andere Kopfabschneider ertragen, werden es zu schätzen wissen.

Die Methodik

Beim Journalismus geht es nicht darum, zu sagen, was man sieht (unter diesem Gesichtspunkt ist fast alles, was Le Monde hier berichtet, richtig, außer die Zahlen und die Verantwortlichkeiten), sondern darum, es für die Öffentlichkeit verständlich zu machen. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Redaktion der "französischen Referenzzeitung" (noch einmal-sic) tut. Jahrzehntelang hat diese Zeitung – wie die herrschende Klasse, der sie dient – bewusst Informationen verschleiert, die für ihre Leser unerlässlich sind, und andere irregeführt.

Es ist unmöglich, etwas zu verstehen, ohne den regionalen Kontext der Ereignisse und die Geschichte jedes einzelnen Akteurs im Vorfeld zu studieren und abermals wieder zu studieren. Wie in allen Wissenschaften muss man sich ständig fragen, was man zu verstehen glaubt, und zurückgehen, um seine Fehler zu korrigieren. Schließlich ist es selbstverständlich, dass man bei dieser Arbeit sich der Sympathien für den einen oder anderen Protagonisten enthalten muss.

Was Le Monde vor seinen Lesern verbirgt

Übergehen wir zwei Jahrzehnte von Inkompetenz oder bösen Glaubens: Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 führen die Vereinigten Staaten einen "endlosen Krieg", nach den Worten von Präsident Bush, nicht gegen Feinde, sondern gegen eine Methode des Kampfes, den Terrorismus. In Afghanistan (2001), im Irak (2003), Libyen (2011), Syrien (2012) im Jemen (2015) hatten sie ausgezeichnete Gründe, Geld, Waffen, Söldner und manchmal auch Soldaten zu schicken, um Mächte zu stürzen, die sie als illegitim bezeichneten. Man stellt jedoch fest, dass der Terrorismus noch lange nicht verschwindet und dass sich die Situation überall dort, wo sie einen Gegner gestürzt haben, nur noch verschlimmert hat.

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Die Karte des Pentagon zur Umgestaltung des Nahen Ostens von 2001, die jedoch erst 2006 von Colonel Peters veröffentlicht wurde.

Seit der Veröffentlichung der Karte der "Umgestaltung des Nahen Osten" des Pentagons, wissen alle Staaten in der Region (außer Israel und Jordanien, die nicht betroffen sind), dass ihr bester Verbündeter sie lebend sezieren will. Die Türkei, Mitglied der NATO, bildet da keine Ausnahme.

Seit ihrer Gründung hat die Türkei eine mächtige und effektive, vom Osmanischen Reich geerbte Verwaltung. Ihre Bevölkerung kam von den mongolischen Horden, die in die Region eindrangen, und ihr Gründer Mustafa Kemal war ein siegreicher Kriegsherr, weshalb die Armee auch heute noch ein höheres Ansehen und eine höhere Macht hat als die Zivilisten. Aus diesem Grund sind die gesamten außenpolitischen Kehrtwenden der Türkei, seitdem sie die US-Pläne kennt, darauf ausgerichtet, das Land vor der Gier ihres besten Verbündeten zu schützen [2].

Der türkische Generalstab ist nun überzeugt – zu Recht oder zu Unrecht, das ist nicht das Problem –, dass das Pentagon nach der Zerstörung Syriens sein Heimatland Türkei angreifen wird. In aller Eile, Panik und Verzweiflung, erfand er eine Antwort, die allen Nato-Verbündeten eine bevorstehende Katastrophe androht, falls sie die Türkei zerstören lassen würden und bietet ihnen ein anderes Schlachtfeld, so weit wie möglich entfernt, in Libyen an [3].

Die Türkei weiß nicht, wer sie ist. Sie bestreitet ihre Grenzen (den Nationalen Eid von Atatürk) und ihre Geschichte (sie bestreitet, Völkermord an Nicht-Muslimen praktiziert zu haben), aber sie will nicht sterben. Erschrocken weint sie, schreit, brüllt wie ein in die Enge getriebenes Kind.

Die vorsätzlichen Angriffe auf Russland (Attentat von FSB-Offizieren am 1. Februar, Treffen mit dem Anführer der Tatarischen Miliz, Treffen mit antirussischen Banderisten-Anhängern in der Ukraine, Zusammenstöße mit der russischen Armee in Idlib, Schuss auf russische Aufklärungsflugzeuge, Drohnenangriff auf den Hmeimim-Stützpunkt, Festnahme von russischen Nachrichtenagentur-Journalisten in der Türkei) richten sich nicht gegen Moskau [4]. Das sind Mittel, um die Vereinigten Staaten mit dem schlimmsten Kataklysmus zu bedrohen, den man sich vorstellen kann: einen Dritten Weltkrieg, wenn sie nicht nachlassen.

Die Drohungen, Flüchtlingskolonnen auf die Straßen der Europäischen Union zu starten, zielen nicht darauf ab, die EU zu destabilisieren. Das sind Hilferufe: Wenn die Türkei zerstört wird, werden diese Migrantenströme unvermeidlich sein, also handeln Sie, bevor es zu spät ist!

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Präsident Erdogan im Dolmabahçé-Palast, am 29. Februar 2020.

Wenn Präsident Erdogan gegen Russland in den Krieg ziehen wollte, hätte er nicht die Initiative ergriffen, Präsident Putin am 4., 12., 21. und 28. Februar anzurufen, und würde nicht alles tun, um ihn zu treffen.

Derselbe Präsident Erdogan, der kein Militär, sondern ein einfacher Zivilist einer islamistischen Miliz ist, sagte am 29. Februar 2020 nichts anderes als unsere Analyse zu den Abgeordneten, die er im Palast von Dolmabahçé (der ehemaligen Residenz des Sultans) versammelt hatte: "Das Ziel des wirklichen Szenarios, vor dem wir stehen, ist nicht Syrien, sondern die Türkei. Jene die in Syrien bekommen, was sie wollen, werden ihren Blick sofort auf die Türkei richten. Es ist schlimmer als leichtsinnig zu glauben, dass diejenigen, die Syrien effektiv in drei Teile geteilt haben, die territoriale Integrität der Türkei respektieren werden. »

Natürlich ist es nicht die Zeitung Le Monde, die unaufhörlich die kolonialen Ambitionen einer bestimmten französischen Elite unterstützt und eine Revolution in Syrien herbeigeführt hat, die diese direkte Infragestellung der US-Strategie widerspiegeln wird.

Die Entscheidungen des Westens

Wenn es auch der Redaktion von Le Monde nicht gefällt, die Frage ist absolut nicht die "Eskalation um Idlib", diese kann ja sofort aufhören, sondern die, ob die NATO-Mitgliedsstaaten die Türkei zerstören lassen werden oder nicht.

Es ist an der Zeit, das Jammern über die unglücklichen Familien der Dschihadisten einzustellen, bevor ein neues Land zerschlagen wird.

Übersetzung
Horst Frohlich
Korrekturlesen : Werner Leuthäusser

beigefügte Dokumente

 

[1] « Tribune conjointe de quatorze ministres des Affaires étrangères européens », Le Monde (France) , Réseau Voltaire, 27 février 2020.

[2] „Die Türkei, auf der Suche nach Macht“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen : Werner Leuthäusser, Voltaire Netzwerk, 11. Februar 2020.

[3] „Vorbereitung auf einen neuen Krieg“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen : Werner Leuthäusser, Voltaire Netzwerk, 7. Januar 2020.

[4] „Türkei lässt 4 russische FSB-Offiziere erschießen“, „Türkei bläst heiß und kalt auf Russland“, „Türkei bedroht Syrien und indirekt Russland“, „Die Türkei nimmt den Kampf gegen Russland auf“, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk 4., 5. und 28. februar 2020.

Dieser Beitrag ist unter Lizenz der Creative Commons

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